Logbuch

WEIHNACHTSFEIER.

Wenn alle Kolleginnen und Kollegen feiern, und zwar sehr ausgelassen, und der Chef zahlt, dann ist es Advent. Betriebsfeier. Neun Monate später liegen mögliche Folgen als KUCKUCKS-KINDER in den Wiegen. Frohes Fest!

Sprichwörtlich ist das Auftauchen von solch unerwarteten Ergebnissen der Weihnachtsfeier wohl bei Franz Beckenbauer. Es geht dabei was ab, was so gar nicht christlich ist: PARTY. Zurzeit höre ich bei allen Gastronomen die Klage darüber, dass die Weihnachtsfeiern abgesagt werden. Wg Corona. Es bricht ein gutes Geschäft für die Gastwirte ersatzlos weg. Es wurde früher zu diesem Anlass gut gegessen und vor allem viel getrunken.

Legendär sind Weihnachtsfeiern in England. Aus einem Steuerprivileg für Unternehmen entwickelte sich ein Arbeitnehmerrecht: der Betrieb musste eine stolze Summe pro Kopf ausgeben für die X-mas-Party. Es beginnt lustig und in feierlichem Gewand und endet damit, dass kotzende Mädchen Kloschüsseln umarmen. Selten habe ich so viele junge Frauen schlicht irgendwo in der Ecke liegen gesehen. Und junge Männer vor dem Hotel in der Gosse. Übrigens alle trotz winterlichen Klimas sehr leicht bekleidet, als könne bei Eis und Schnee ein Blüschen reichen, wenn es nur in Vodka-Redbull getränkt ist.

Vor Jahren tauchte dann auf der Londoner Weihnachtsfeier eines Investmentbank noch eine Busladung mit „Escorts aus Wolverhampton“ auf. Denen hatte man zur besseren Kenntlichkeit am Handgelenk ein blaues Bändchen angelegt. Da aber am Empfang des Hotels das Körbchen mit den Bändern stehen geblieben war und zwei Trunkenbolde diese nun auch den Vorstandsgattinnen anlegten, hatten hinterher auch die Ehefrauen blaue Bändchen, so dass sie im weiteren Verlauf des Gelages nicht mehr vom den „Escorts aus Wolverhampton“ zu unterscheiden waren. Es ging was ab. Die Feier soll, sagt mein Freund Willy, der dabei war, ein voller Erfolg gewesen sein.

Hätte nicht ein einzelner Journalisten darüber geschrieben. Spielverderber. Es gab dann natürlich Ärger mit den hochgestellten Gatten jener Gattinnen, die sich im Übrigen diesmal besonders gut amüsiert hatten.

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DISKRET.

Wahre Größe zeigt sich nicht, sie lässt sich erahnen. Bei Kipling heißt das als Tugend des Gentleman UNDERSTATEMENT. Man lasse sich unterschätzen.

Der Sohn eines Freundes betreibt mit seiner Frau in der Schweiz ein sehr zeitgemäßes Restaurant. Man kocht die vertrauten Rezepte qualitativ in einer neuen Liga. Bekanntes in bisher unerreichter Qualität. Der Restaurantführer, dessen Name ich nie behalte, vergibt dafür eine mehr als stattliche Punktzahl. Ich höre, das Paar nimmt es als Ansporn, will damit nicht prahlen. Wie klug.

In Rom hatte ich das Edelhotel einer kleinen Kette eines italienischen Engländers gebucht, in bester Lage. Und ich finde es nicht; herrsche den Chauffeur an, wo der Bumms denn sei. Die Hütte verzichtet auf Neon; es steht schlicht nichts an dem dezenten Portal. Außer einer zurückhaltenden Hausnummer. Das Haus ist in einer Klasse, die nicht nach Publikum schreit. Man weiß dann schon, wenn man zu denen gehört, die gemeint sind. Wie klug.

In Oslo besuche ich im Advent einen Herrenausstatter, ehrlich gesagt, um mich im Laden kurz aufzuwärmen. Teure, sehr teure Mäntel, aus Salzburg und London. Tuchmäntel, in der Regel aus sehr edler Wolle. Ich schlage so ein grünes Gerät auf und sehe, dass das Futter aus Pelz ist. Meister Petz hat sein Haar nicht zum Protzen geopfert, sondern um diskret zu wärmen. Pelz innen, wie klug.

Womit wir bei orientalischem Reichtum, dem ostentativen, prahlerischen, sind und seinem Gegenteil, der der Tugend des UNDERSTATEMENT gehorcht. Mehr sein als scheinen. Ich hatte mal einen Chef, der sich für Geschäfte in Moskau eigens einen abgetragenen, leicht schäbigen Anzug hielt, der deutlich aus der Mode gekommen war. Und schlechte Schuhe, schlecht besohlt. Nie eine zu gute Uhr! Man sei nie besser gekleidet als sein Lieferant, befand er, jedenfalls wenn der Preis stimmen solle. Das war ganz offensichtlich nicht dumm.

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DOTTORE.

Man kann sich so weit dem Medienprozess unterwerfen, dass nichts mehr übrig ist von jener Substanz, die man früher CHARAKTER genannt hat. Der Verlust an WÜRDE und RESPEKT ist aber nicht umkehrbar.

In der Volkskunst der Commedia dell Arte gibt es eine populäre Figur, die durch kluges Schwätzen auffällt, die aber zugleich keine AUTORITÄT genießt. Lächerlich erscheint sie den Ernsthaften. Sie nennt sich DOTTORE, der Doktor. Daran muss ich denken, wenn mich der Kellner in meiner Trattoria mit einem lauten Ruf als „dottore“ begrüßt. Man kann sich nie sicher sein, wieviel IRONIE dabei mitschwingt. Der Hund!

So GEFÄHRLICH sind die Rollen im Kasperl-Theater. Auch die Sozialen Medien entwerfen für ihre Marionetten solche Possen, denen viele Zeitgenossen mit Manie folgen. Dieses leichte Spiel wird bitterer Ernst, wenn sich dahinter der sprichwörtliche Ernst des Lebens verliert. Eine Spur an SCHERZ, SATIRE und IRONIE, das macht die Haupt- und Staatsakte in den großen Dramen leichtgängiger. Niemand mag den Bierernst mittlerer Talente ertragen. Aber man kann des Guten zu viel tun.

Der sicherste Hinweis des Schargierens liegt darin, dass sich die Sprache zum JARGON verändert. Etwa, indem man in seiner Sprechweise ein anderes soziales Milieu imitiert oder eine andere Generation. Erste Vorboten liegen im völlig unnötigen Auftauchen fremdsprachlicher Begriffe. Gestern las ich von einer Aufsichtsrätin, die wörtlich angab, sich für „Leadership und Menschen zu interessieren“, beides. Leadership, also. Aha.

Die Gradwanderung in der Kommunikation der neuen Zeiten liegt darin, dass die komischen Züge, die die Komödie braucht, aber auch die Tragödie aushalten muss, von einer Philosophie künden und nicht nur Schall und Rauch sind.

Die Größe des Clowns liegt in der einzelnen Träne, die sein Lachen begleitet. Nicht im Übermaß der Schminke.

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DAS MERKEL-BUCH KOMMT.

Wer dem Gemeinwohl brav gedient hat, der darf danach Kasse machen. Das Obama-Buch wird zehn Millionen Honorar gebracht haben. Die Autorin Angela tut es für weniger. Es geht ihr um mehr.

Zum Naturrecht braver Beamter und keuscher Politiker gehört es, dass man für die Entsagungen des Amtes im Ruhestand entlohnt werden will. Böse Zungen sagen: Das Keuschheitsgelübde ist abgelegt, jetzt beginnt die ALTERSPROSTITUTION. Die schon immer Schamlosen (heimlich) gehen jetzt (öffentlich) unter die Laterne, sprich auf den Straßenstrich. Und manche vom denen wollen durchaus, dass dies bemerkt wird.

Ich könnte hier Dinge vom englischen Premier Tony Blair erzählen, respektive der Kanzlei seiner Frau, die mir niemand glauben würde; jedenfalls keine Sozialdemokraten. Der Rubel rollt, sagt man wohl. Bescheidenere Seelen haben eine Stiftung, damit der Obolus nicht sichtbar den eigenen Vorgarten dünkt. Aber GELD ist nicht alles. Helmut Kohl etwa, eine besondere banale Gestalt unter den Tragischen, ging es nicht um BIMBES für seine privaten Vergnügungen, die banal genug waren. Nicht GELD ist das Thema der Abgesetzten, sondern GELTUNG.

Die radikale Pragmatikerin Merkel will RECHT BEHALTEN. Mich würde nicht wundern, wenn es bei Frau Baumann eine eigene kleine Ablage gab, in die Kopien von Kalendern und Reden und Dokumenten wanderten, die für eine AUTOBIOGRAFIE nützlich sein könnten; seit Jahren. Aktenzeichen „Apokryphe“. Weil, wer immer nur gewerkelt hat, was zu werkeln war; und zwar so, dass die eigene Macht erhalten blieb, den plagt am Abend nach dem DURCHWURSCHTELN die Sorge, wie das wohl vor Gott aussieht. Das ist der ernste Kern des Knef-Liedes, nach dem man gehalten haben will, was versprochen war.

Ja, so ist sie, die GETTO-BOXERIN aus dem Osten: sie will es gottgefällig gemacht haben. Genau das werden wir aus den 800 Seiten (interne Verlagsplanung) lernen. Das Duo Merkel-Baumann will keinen Ghostwriter, weil sie keinem Confidenten trauen. Selbst die Lektorin ist von ihnen bestimmt; sagen die Gerüchte aus dem Verlag. Küchenkabinett: Du kriegst die Boxerin aus dem Getto, aber niemals das Getto aus der Boxerin.

Bleibt die Frage nach dem Titel. Nein, WIR SCHAFFEN DAS wird es nicht. Ich tippe auf WAS VOM TAGE ÜBRIG BLIEB.

Oder etwas Biblisches. Man schaue in die Sprüche Salomons. Oder auf den Grabstein von Johannes Rau. Es wird ein Wort Jesu. Die „Maria Magdalena Merkel“ (sic) will GELTUNG vor GOTT, sagen mir kluge Kenner.