Logbuch
DIE SILICON ELITE.
Das digitale Zeitalter blickt auf Gründungsväter zurück, die so altväterlich gar nicht erscheinen. Das ist gewollt. Sie möchten nämlich auf immer als kreative Jugendliche gelten.
Was braucht es? Wenn man den Gerüchten glauben kann. Zunächst ein abgebrochenes Studium in Florida. Auf keinen Fall ein Examen. Man ist als Genie aus der Pubertät entlassen, scheut jedweden Abschluss und schraubt schon seit Kindertagen mit einem Kumpel in der elterlichen Garage an etwas, das einmal sensationell sein wird.
Man kommt, typisch für das Einwanderungsland Amerika, aus aller Herren Länder und ergreift mit ein, zwei Campusfreunden eine schräge Start-up-chance, die man sehr bald wieder verscheuert. So kommt das erste Geld zusammen. Man lungert dann am Kapitalmarkt rum und gebiert exotische Trends.
Keine Scheu vor dem Einsatz des eigenen Knowhows bei Geheimdiensten und in der Rüstungsindustrie. Überhaupt ist die militärische Eignung der Hobbys immer mitgedacht, wenn man das All, andere Gestirne oder auch nur ferne Reiche zu erobern gedenkt. Dabei locker bleiben: Turnschuhe, nicht Stiefel.
Politisch kann man zugleich sogenannte libertäre Vorstellungen haben, also den tiefen Staat verachten und rigoroses Unternehmertum predigen. Manchem ist auch die Neue Rechte kein Graus. Mit der Gewaltenteilung nach europäischen Muster oder dem Kartellrecht muss man es nicht übertreiben.
Man hat Billionen. Die amerikanische Mathematik nimmt es da nicht so genau, das können Milliarden sein oder auch nur Millionen. Der aktuelle Börsenwert gilt als verfügbares Vermögen. Pseudo-Währungen gelten als wirkliches Geld. Man spekuliert.
Der Mythos ist zu pflegen. Millionen schlichter Gemüter folgen ihrem Führer im Netz. Abgedrehtes gilt als Kult. Alle sind kerngesund und werden als juvenile Narzissten ewig leben.
Warum nur hinterlassen diese modernen Heldensagen einen so schalen Nachgeschmack?
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FREUND & FEIND.
Die einzige Art, einer Versuchung zu widerstehen, hat der englische Gentleman Oscar Wild, der wohl Ire war, gesagt, ist ihr zu erliegen. Das gilt insbesondere für Komplimente.
Wenn man Freunde hat, ist man ohnehin beschenkt. Wenn die dann noch ihr Herz auf der Zunge tragen, darf man doppelt froh sein. Jedes Kompliment annehmen. Man weiß ja nie, ob noch eines kommt. Und darauf achten, dass Beschenkte freigiebig sein sollten. Komplimente machen!
Wenn man sich in den Stürmen des Lebens Feinde erworben hat, greift eine ernstere Unterscheidung. Es gibt jene Gegner, auf deren Abneigung man stolz sein kann. Von einem Arsch für einen Arsch gehalten zu werden, das lässt sich ertragen. Stolz sollte man darauf zwar auch nicht sein (das wäre der Ehre zu viel), aber man kann es ertragen.
Von einem Zeitgenossen verachtet zu werden, dem man Unrecht getan hat, das fühlt sich nicht so gut an. Da sollte man seinem eigenen Talent, sich selbst mit Lebenslügen zu trösten, lieber nicht nachgeben. Um Nachsicht bitten. Reue zeigen. Das gilt auch für sogenannte Kollateralschäden.
Kollateral ist ein Opfer, das nicht hätte sein müssen; aber das eben doch etwas abgekriegt hat, in den Kleinkriegen, die das Geschäftsleben und die Politik so ausmachen. Die versehentlichen Opfer gehören in ein Ehrengrab. Damit ist dann aber auch gut. Zu Sentimentalitäten besteht nämlich nie Anlass.
Ich erinnere gern jenen Vers aus Brechts Dreigroschenoper, der da lautet: „All meinen Feinden will ich verzeihen. Doch vorher schlage man ihnen die Fresse mit schweren Eisenhämmern ein.“ Echt jetzt? Nein, ist schwarzer Humor. Englischer eben. Siehe oben.
Was bleibt? Die Bitte um Nachsicht.
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GESSLER-HUT.
Der Ur-Schweizer Wilhelm Tell hat es an Unterwürfigkeit mangeln lassen, als er den Hut seines politischen Herren nicht grüßen wollte. Symbolische Anerkennung einer Vorherrschaft verweigert.
So könnte es mit Kruzifixen gemeint gewesen sein. Ich erinnere, dass ein bayrischer Provinzpolitiker diese Symbole der Hinrichtung Jesu noch kürzlich in alle öffentlichen Räume hängen wollte. Als warnenden Hinweis für jene mit anderem Gott und, schlimmer noch, an jene ohne.
So kann es uns Staatsbürgern mit wirklichen Hoheitszeichen gehen, der Uniform mit Mütze beim Polizisten oder der Robe des Richters oder ganz einfachen Symbolen der Straßenverkehrsordnung, sagen wir, dem Stoppschild. Symbole der Macht, die ungefragt Autorität beanspruchen.
Im Rechtsstaat ist das streng codifiziert, welcher Fetisch Macht über mich hat. Welchen Gesslerhut ich zu grüßen habe. Die Herrschaft jenseits der Gesetze, das Ideologische, der Zeitgeist, sie versuchen das auszuweiten. So soll ich Gender-Regeln in meine Sprache aufnehmen, die fachlich schlecht begründet sind, aber eben ideologisch inbrünstig daherkommen. Und Straßen umbenennen, weil sie an Geschichte erinnern, die nicht mehr als vorbildlich gilt.
Das stünde in der Verfassung. Unsinn. Es entspräche aber dem Geist der Verfassung. Nebelgebilde des Wunschdenkens. Diese Sternchen und andere Albernheiten sind Gesslerhüte, deren Befolgung zeigen, dass ich dem Machtanspruch ihrer Anhänger Gehorsam entgegenzubringen bereit bin. Bin ich das? Unterwerfung unter die Selbstlegitimierten?
Apfelschuss bei Schiller. Eidgenossen. Wenn man sich so gegen die Vorherrschaft verschwört, begründet das vlt. eine Bruderschaft, die in einem freien Land enden kann. Dieses Rütli-Ding der Schweizer. Friedrich Schiller muss daran etwas fasziniert haben. Daher Wilhelm Tell als Held des Ungehorsams. Eidgenössisches als Utopie. Lesegebot.
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DA IRRT DER GRIECHE.
Der Dichter Brecht hat diesen Spruch zu verantworten: „Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein.“ Er war dem Völkermord der Faschisten nur knapp entronnen. „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen.“
Der antike Aristoteles hatte schönere Gedanken. Zum Beispiel den, dass das Leben sich im Laufe der Zeit zur Vollendung bringe, nennt sich „Entelechie“. Das Ziel sei von Anfang an in uns angelegt und im Wege der SELBSTVERWIRKLICHUNG vollendet es sich. Der Mensch als Krone der Schöpfung.
Ich hatte immer gehofft, dass dies zumindest für die Natur gilt, jedenfalls wenn der Mensch nicht in sie eingreift. Das Leben stammt aus dem Wasser und hat sich aus den Meeren langsam an Land gerettet, den aufrechten Gang gelernt, den Stuhl Petri mit dem Papst besetzt und dann Olaf Scholz zum Kanzler bestimmt. In dieser Weisheit der Evolution irritieren nur die Säugetiere, die ins Wasser zurück gewandert sind, weil sie ihrer Beute folgen wollten, zum Beispiel die Walfische, echt dumme Tiere. Hatten schon Lunge und Uterus, und dann das.
Die „Entelechie“ gab es nie. Das TV berichtet mir vom Mosasaurus, einem Ungeheuer der Urzeiten, das sich, geboren als Landechse, ins Meer entwickelt habe und dort zu einem alles beherrschenden Monster geworden sei. Die Evolution gebe es auch in umgekehrter Richtung, sagen amerikanische Wissenschaftler. Die Natur mache zwar keine Sprünge, sie habe aber auch keine Richtung. Jede Nische sei ihr recht. Warum dann der Mosasaurus ausgestorben ist, darüber rätseln nun die US-Archäologen. Vermutlich ein Meteoriteneinschlag. Das sagen sie immer, wenn ihnen nix einfällt; bei den Dinosauriern kommen sie auch damit an.
Wenn schon die Natur keinem höheren Ziel folgt, so doch bitte die Geschichte. Der gute alte Hegel, ein Philosoph aus Jena, hat das gehofft. Nur das Ganze sei das Wahre, insofern es sein Wesen zur Verwirklichung bringe. Herr Marx hat dann als sozialen Träger dieser Vollendung die Verdammten dieser Erde, das Proletariat, gefunden; eigentlich ein schöner Gedanke, wenn ihn dann nicht die Kommunisten ruiniert hätten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Bleiben wir bei den US-Wissenschaften.
Deren edelste Institute, eine nach dem Efeu-Bewuchs benannte Liga, wissen auf Vorhaltung aus der neuen Rechten nicht zu sagen, ob ein Völkermord, etwa der an den Juden, verurteilenswürdig sei. Das komme auf den Kontext an. Ich erwarte den Einschlag eines Meteoriten.