Logbuch

GRIECHISCHE INSEL.

Sehnsuchtsorte. Der einfache Tisch mit zwei Stühlen auf der Terrasse der Taverne am Hafen mit fangfrischem Fisch vom Grill, geharztem Wein und Anis auf’s Haus, natürlich zum Sonnenuntergang, auf einer kleinen entlegenen Insel. Zumindest einer unzugänglichen Landzunge mit Pinienbewuchs.

Das ist nur der Kitsch von Dr. Tigges, vielleicht. Aber dahinter leuchtet der Horizont Hölderlins, der das Griechische als Mythos ausbaute. Dazwischen der gescheiterte Bergmann Alexis Sorbas tanzend. Und ganz im Hintergrund segelt Odysseus, der Rastlose, verstrickt sich Ödipus in Vatermord wie Mutterliebe und leuchtet als Vorbild die großartige Antigone, über die Brecht dichtete:

„Antigone
Komm aus dem Dämmer und geh
Vor uns her eine Zeit
Freundliche, mit dem leichten Schritt
Der ganz Bestimmten, schrecklich
Den Schrecklichen.

Abgewandte, ich weiß
Wie du den Tod gefürchtet hast, aber
Mehr noch fürchtetest du
Unwürdig Leben.

Und ließest den Mächtigen
Nichts durch, und glichst dich
Mit den Verwirrern nicht aus, noch je
Vergaßest du Schimpf und über der Untat wuchs
Ihnen kein Gras.“

Wir lesen die GRIECHISCHE INSEL als ursprünglich, als das Paradies des einfachen und deshalb guten Lebens. Dabei war das Mittelmeer ein zwischen den damaligen Weltmächten umstrittener Raum. Um das „mare nostrum“ konkurrierten Griechen und Römer wie die Völker des Orients und Afrikas. Zur großen Politik kam die kleine: Heerscharen von Piraten.

Warum ist das Städtchen auf der Insel an die oberste Spitze des Vulkans gebaut, möglichst weit weg vom offenen Strand, nur dem Vertrauten auf einem zähen Esel zugänglich. Warum das italienische Sizilien voller griechischer Tempel. Warum Spanien über Jahrhunderte Heimat muslimischer Metropolen. Warum Homer so voller Zorn.

Wir sind in unseren Träumen vorsätzlich Idioten. Man sieht daran, was NOSTALGIE anzurichten in der Lage ist.

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OSTERSPAZIERGANG.

Es gibt Gedichte, die schlicht egal sind. Und solche, die, obwohl abgeschmackt, Volltreffer wurden. Dazu gehört das FRÜHLINGSGEDICHT von Goethe. Vom Eise befreit… Faust.

Im Frühling feiert die Natur sich als Ambulatorium: Man geht glücksbesoffen spazieren. Ein zielloses Umherlaufen mit Begaffen der einsetzenden Blüte. Gilt als Sehnsuchtszeit: Man ist Mensch und kann es sein. Sagt Faust.

Den Gärtner dagegen befällt der Stress. Die im Herbst versäumten Baumschnitte mahnen, aber jetzt ist es eigentlich zu spät. Das verbreitete Moos bräuchte Kalk, damit der Rasen durchlüftet werden kann. Noch zu nass. Die Hecke hat sich ungeschnitten durch den Winter gemogelt. Man ist Sklave der Natur.

Faust könnte, statt spazieren zu gehen, mal meinem Gärtner helfen, finde ich. Arbeit ist genug.

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SNOBS.

Wer aus der Masse hervorstechen will, legt sich einen Tick zu. Die dann ähnlich ticken, freuen sich über ihre halbverdeckte Identität als SNOBS. Eine Spinnerei eigener Art.

Zu den halbgeheimen Regeln der Snobs gehört, was man trinkt. Schottischen Whisky, niemals amerikanischen Whiskey. Martini Cocktail gerührt, niemals geschüttelt. Immer Strümpfe, niemals Socken. Nie in kurzen Hosen. Solche Spinnereien.

Die Etikette dient natürlich auch der Ausgrenzung. Neben mir, am viel zu nahen Nachbartisch, rüffelt ein hochgewachsener Osteuropäer, dass der Zäsarsalat seiner Gattin kein Hühnerfleisch aufweise. Unfreundlich herrisch. Beides geht nicht. Auch nicht für diese neuen Zäsaren. Manieren dienen dem freundlichen Umgang.

Ich lese einen Roman, der in der Welt der Snobs spielt und finde ihn sehr gut recherchiert, unter anderem weil die Hotels stimmen. Wohin geht man in „Sing-a-Poor“ (pun intended)? Natürlich ins Raffles. Long Bar und der Sling! Das war leicht. Stichwort Somerset M.

Aber wo nächtigt man in Athen? Nun, der Autor des Romans lässt seinen Protagonisten ins GRAND BRETAGNE ziehen und über die Akropolis im Dunst philosophieren. Sagt die Blonde: „Der war da!“ Das war auch unser Ausblick beim Frühstück auf der Terrasse. Man verreist als Snob nicht mit „Studiosus“ und in kurzen Hosen.

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FÜHRUNG.

Das Gesundheitsministerium braucht eine Chefin oder einen Chef, der zu Führung in der Lage ist. Das sei KARL LAUTERBACH nicht gegeben, findet der neue Kanzler. Er will ANDREA NAHLES.

So wie der eine ein simulierter Fachidiot sei, ist die andere eine sozialistische Betriebsnudel, höre ich in BERLINER KREISEN. Das ist ungerecht, aber so ist die Gerüchteküche. Ich weiß, dass Olaf Scholz schon immer mit Andrea Nahles konnte (zum Leidwesen von Sigmar Gabriel) und dass der neue Kanzler den Lauterbach für unsteuerbar hält, was er als Zwangscharakter hasst. Blockiert!

Ich hole mir Rat bei Bert Brecht, der über eine seiner literarischen Figuren gesagt hat: „Er war gänzlich unfähig, sich in andere Personen hineinzuversetzen, also zum Führer geboren.“ EMPATHIE hilft also nicht.

Als MANAGER weiß ich, dass ENTSCHEIDUNGSSCHWÄCHE auch nicht hilf. Ich habe mal über einen Chef sagen gehört, dass er vor zwei WC-Türen stehend sich eher in die Hose mache, als dass er sich für eine von beiden entscheiden könne. Einen ZAUDERER, den braucht auch kein Mensch.

Wenn es also nicht das Herz ist, auf das es ankommt, und nicht der Kopf: welcher Körperteil dann? Man hört immer wieder von den EIERN. Aber da bin ich skeptisch. Das ist nicht nur ungerecht gegenüber Frauen, es ist auch lebensfremd. Von ihren Eiern beraten haben deren Träger schon jeden Unsinn angestellt. Jeden. Da kann ich nur warnen.

Es ist der Bauch. Der Sitz der INTUITION. Das Bauchgefühl ist schnell und vom visionärer Qualität. Aus der Hüfte schießen können, aus dem Bauch heraus entscheiden. Genauer gesagt ist es nicht der Magen, sondern der Darm, unser größtes und sensibelste Organ. Aber das will natürlich niemand hören. Ich kann ja einen Politiker nicht wegen seiner guten Verdauung loben. Warum aber sagen wir über jemanden, der Angst hat, er habe Schiss? Tja, ich bin mal gespannt, wen wir als Gesundheitsministerin kriegen.