Logbuch

DAS WEISSE TUCH.

Betrete ich in Wien ein Kaffeehaus, in Paris eine Brasserie, in Rom ein Restaurant oder das Borchardt in Berlin, was gibt mir dieses Gefühl der sauberen Gastlichkeit? Das weiße Tuch. Auf dem Tisch als Bedeckung oder Serviette und als lange Schürze des Kellners. Gestärkte und gemangelte Kochwäsche, blütenweiß.

Die Zeiten schwinden. In Köln erlebe ich in erster Adresse Platzdeckchen aus Plastik, nur ein Hirschhorn-Messer kurioser Art in der Tischmitte; die Butter darf freihändig auf‘s Brot aus einem Körbchen aufgetragen werden, keine Dessertteller auf dem Tisch. Ein schmuddeliger Korkuntersatz darf das Tagesgericht im zu heißen Teller, der eine Schüssel ist, beherbergen. Der Laden öffnet nur noch mittags. Das Dinnergeschäft ist den Herrschaften zu stressig.

Öffnungszeiten. Das nächste Thema. Nur noch an drei Tagen in der Woche, Sonntags nie. Dann mal ab 17.00 Uhr, dann ab zwölf. Den Tisch gibt es für anderthalb Stunde, nicht länger; das wird dir schon bei der Buchung entgegengepöbelt. In Leipzig habe ich zurück in den Regen gedurft, weil die Tür zwar unverschlossen, ich aber 15 Minuten zu früh. Die Öffnungszeiten lesen sich inzwischen wie der Beipackzettel eines Krebsmedikaments. Früher hatte man immer auf, halt nur unterschiedliche Karten; morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts.

Dann Dienstkleidung der kreativen Art. Alle Kellnerinnen in einem billig bunten Perlonfummel der Größe Unisex oder einem einheitlichen T-Shirt in tiefem Schwarz, weil man dann den Schmuddel nicht so sieht. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht über das, was man Systemgastronomie nennt, sondern das obere Ende der Kulinarik. Ich habe in Köln für zwei schmale Lunches 202€ gezahlt plus 20€ Tip. Das Glas offenen Weins zu 18,60€; dafür kriegt man im Einkauf von dieser Qualität eine Pulle. Oder zwei.

Die Logik liegt in dem betrieblichen Bestreben, mit einer Schicht, sagen wir vier oder sechs Leuten, ein Restaurant betreiben zu können. Das ist Unsinn. Erstens liegt die größte Kapitalbindung in der Hardware, dem Laden selbst. Darum machen McDoof und WürgerKing 24/7. Zweitens komme ich nicht mehr.

Für miesen Service zu diesen Preisen, da kann ich mir auch Zuhause ein Butterbrot machen. Oder ein Filet braten. Und ein Döschen Caviar. Oder original italienisch Nudeln nach Hurenart. Das gesparte Geld investiere ich in den Wein.

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DER ENKEL TRICK.

Der von mir eigentlich geschätzte Sigmar Gabriel stellt auf dem PR-Bötchen von Gabor Steingart, einem in Berlin notorischen Medienmenschen aus Bielefeld, fest, dass es sein könnte, dass der wiedergewählte Donald Trump den russischen Krieg gegen die Ukraine kurzerhand beende, indem er den Russen eine Teilanektion der Ukraine als Staatsgebiet erlaube und den Ukrainern zugleich die Waffenlieferung kürze, was wir, er zitiert Emmanuel Macron, meint Deutschland und Frankreich, vielleicht ganz Europa, aber nicht geschehen lassen könnten, also zügig und selbst aufzurüsten hätten.

Langer Satz. Kurze Begründung: Wegen unserer Enkel. Wegen unserer Enkel? Das ist der Grund? Zu kurz, finde ich.

Nun ist fürsorgliches Handeln ein Elterngebot, damit auch Großeltern recht. Aber ich habe als junger Mann schon gern selbst entscheiden wollen, ob ich den Krieg meiner Großväter fortführen will oder den, zu dem Vater eingezogen worden ist. Denn bei dem meines Großvaters väterlicherseits ging es gegen Emmanuels Ahnen. Bei dem meines Vaters gegen den Rest der Welt. Wegen der Enkel.

Haben wir es also, verehrter Sigmar, auch eine Nummer kleiner? Oder intellektuell drei größer? Und was meinen Spott über das PR-Bötchen von Gabor Steingart angeht, das Ding heißt in aller Unbescheidenheit „Pionier“. Pioniere sind eine Truppengattung eines Heeres, sagt Wikipedia: Auftrag der Pioniertruppe ist die Förderung der Bewegung der eigenen Truppe, die Hemmung der Bewegungen des Gegners und die Erhöhung der Überlebensfähigkeit der eigenen Truppe. Deshalb hat mein Großvater seinerzeit den Bergbau verlassen und zu Preußens Gloria Schienen verlegt; es ging nach Westen, gegen den Franzmann. Ich missbillige das als sein Enkel.

Mir geht dieser neue preußische Militarismus nachdrücklich auf den Keks, allzumal der Enkeltrick.

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POLITIK ALS BERUF.

Wir lassen den Wähler („das Volk“) entscheiden, welchen Anteil die Parteien an der Gesetzgebung haben sollen („Fraktionen“) und überlassen es dann den Parteien in ihren Hinterzimmern, wen sie bei einer Regierungsbildung auf die ihrer Fraktion zustehenden Ämter schicken. Dabei waltet ein verdeckter Schlüssel der innerparteilichen Geltung, eine okkulte Machtstruktur. Mit Sach- und Fachfragen hat das wenig zu tun.

So kommt ein mittleres Talent wie Frau Baerbock ins Auswärtige Amt, das sie ganz offensichtlich überfordert. Zu dem Mythos, sie käme aus dem Völkerrecht, musste ihr Lebenslauf eigens angepasst werden. Nun zeigt sie ein Überforderungssyndrom, das Pädagogen von mittleren Talenten kennen. Es kommt zu verbalen Defekten, die man Pygmalion-Effekte nennt. Man beschäftige sich mit dieser Figur.

Baerbock kann es nicht; sie spielt nur, sie chargiert, um genau zu sein. Sie spricht, obwohl angeblich in London gebildet, das Englisch einer Hauptschülerin. Der Spott über ihre Versprecher bei Fremdworten ist gemein, aber naheliegend: Man erlebt eine Sprechpuppe, der ihre Pretention zum Verhängnis wird. In kontroversen Situationen neigt sie zudem zur Patzigkeit einer Pubertantin, aber das sind nur Aussetzer. Man muss auch die Vorzüge würdigen; sie ist meist tadellos gekleidet. Overdressed.

Die ernsthafte Frage ist, wie sexistisch eine solche Kritik ist, da sie auf Ressentiments einzahlt, denen Männer nicht ausgesetzt sind. Da ist was, ja. Trotzdem finde ich, Politik ist ein Beruf, und an gefahrenbewehrte Dinge darf nur ran, wer einen Meisterbrief hat. Ich lasse meine Gasheizung auch nicht vom Paketboten reparieren. Pardon, meine Wärmepumpe.

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WAY OF LIFE.

Der BREXIT hat ein Vergnügen aus unserem Leben genommen, den gelegentlichen Genuss der englischen Lebensart. Ich meide die Inseln, seit sie uns, die Europäer, zu meiden gedenken. Ein Verlust, der nicht zu ersetzen ist. Schon gar nicht durch Französisches.

Vielen große Denker hat es vom Kontinent auf die grünen Inseln gezogen, über Jahrhunderte. Und eben auch kleine; dabei waren es nicht nur die Metropolen Züge Londons, der Hauptstadt der Welt, wie noch Kipling fand. Auch die hässlichen Seiten hatten ihren Charme. In 26 Marine Parade, Sheerness, Kent, wohnte Uwe Johnson, dem New York zu doof war.

Ich traf UWE JOHNSON irgendwann Anfang der Achtziger Jahre zufällig in seinem Exil auf der Isle of Sheppey, in jenem runtergekommenen Hafen namens Sheerness. Die Kneipe heiß The Napier. Ich erkannte ihn erst auf den zweiten Blick, den großen Suhrkamp-Autoren, nach seinem Foto auf den Buchklappen. Auf den ersten war er mir aufgefallen, weil er Hürlimann Lager trank, hier in England; ich bestellte stets ein Bitter. Dazu rauchte er unentwegt Gauloises.

Er kannte sie alle: Enzensberger, Grass, Max Frisch, Christa Wolf, Habermas. Und er wusste zu erzählen. Wir gingen dann raus in den kleinen Biergarten, weil es trotz des Straßenlärms ruhiger war. Nach einer Weile merkte ich, dass er auch von sich selbst in der dritten Person sprach. Er stand neben sich. Und irgendwann holte ihn damals die Schreibblockade, aus der ihn das Saufen nicht befreite. Also sog er den milden Exotismus der englischen Lebensart in sich auf.

Die Gründung eines „Institute for the Preservation of British Customs“, ich gebe es zu, es war meine Idee, die sich Johnson sofort notierte. Ich weiß nicht, ob daraus jemals mehr geworden ist. Ein böser Sturz beim Öffnen seiner dritten Flasche Wein, nach einem extensiven Besuch des „Napier“,

hat ihn aus dem Leben gerissen. Ein einsamer Tod, gefunden wurde er erst nach Tagen, weil sein Thekenplatz im Pub freigeblieben war.

Sheerness hatte einen morbiden Charme. Im ehemaligen Kriegshafen lag damals noch immer ein gesunkener amerikanischer Munitionstransporter, Masten aus dem Wasser, mit einer Bombenlast auf dem Seeboden, die die Stadt wie die ganze Insel hätte sprengen können. Sagt UWE JOHNSON zu mir: „Charles liebt diesen Anblick.“ Er meinte sich, den Exilanten, von 26 Marine Parade, drei Blocks weiter als das „Napier“. Keine Pointe.