Logbuch

DES FEUERS MACHT.

Vom Lagerfeuer bis zur Gaskrise gilt: Wir unterliegen der Not, künstlich Licht, Kraft und Wärme zu schaffen. Das Feuer ist aber eine Frage des Brennstoffs; der wiederum ist eine Frage der Macht, eine Diktatur des Mangels.

So entsteht Diktatur: Energie ist Hegemonie. Böser Lehrsatz. Ich habe mal ein Buch von Werner Müller, dem legendären VEBA-Mann verlegt, das den Titel DES FEUERS MACHT trug. Gutes Buch, geklauter Titel (von einem alten ARAL-Film, den ich im Archiv gefunden hatte). Müller hat mich protegiert; ich denke mit Dankbarkeit an ihn. Er war klug. Viel von ihm gelernt. Und er von mir. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Es galt schon für den Fortschritt des 17./18. Jahrhunderts; er war englischen Ursprungs, weil die Tommies STEINKOHLE hatten. Es gilt für den amerikanischen Fortschritt des 19./20. Jahrhunderts; er beruhte auf MINERALÖL. Erst die Amis, dann die Scheichs. Und unsere Stärke hierzulande und bis neulich war wohl ERDGAS, aus Holland, Norwegen und Russland. In großen Mengen zu günstigen Preisen. Ein Verdienst der Ruhrgas AG unter Klaus Liesen. Auch ein kluger Kopf, von dem ich viel gelernt habe.

Die KERNENERGIE war eine Chance auf eine andere Welt, weil sie einen so effizienten Brennstoff hat, dass dieser erhebliche Sicherheitsfragen aufwirft, aber keine der Mengenverfügbarkeit. Davor haben wir gekniffen. Bleiben die Nischen der ERNEUERBAREN und der EFFIZIENZ. Das sind wir halbherzig angegangen; deren Potentiale sind nicht ausgenutzt. Es kommt KALTER ENTZUG.

Ich glaube ja an BRENNHOLZ. Ich schwöre dabei auf heimische Buche. Eine wiedererstarkende Forstwirtschaft wird zudem den Wäldern nützen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung (ein Motto der Documenta, als sie noch was taugte). Mein Nachbar hat gestern Holz gekriegt, eine riesige Hängerladung voll. Ich sollte mich auch bemühen, noch im Sommer gutes Holz zu kriegen. Und so erfüllt mich jene Sorge, die schon den Steinzeitmenschen bekümmerte. Erkenntnis: Wir sind im Kern nicht weiter.

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DER AUSBRUCH DES FRIEDENS.

Am Sonntag, als ich gen Westen fuhr, kamen mir auf der Autobahn bemannte Panzer entgegen; sie fuhren gen Osten. Dabei dachte ich an MUTTER COURAGE.

In dem Brecht-Stück über die Marketenderin Courage geht es darum, dass die gute Frau vom Krieg leben möchte, zumindest ein wenig, und dabei am Ende doch alles verliert. Auf geringstem Niveau also eine KRIEGSGEWINNLERIN. Sie will dem großen Krieg ihren kleinen Vorteil abringen, wenigstens das.

Nur wenn man diese Perspektive der Marketenderin akzeptiert, versteht man ihre Furcht, dass (Achtung, Zitat) „der Frieden ausgebrochen“ sein könnte. Darüber ist sie sehr erschreckt, dass der Frieden ihr das Geschäft kaputtmachen könnte. Eine geschickte Formulierung des klugen Brecht mittels seines Verfremdungseffektes, die uns zeigt, wie wir denken: Kriege brechen aus, aber der Frieden wird gestiftet. Gegen den Ausbruch der Bestie Krieg, da kann man nichts tun; aber für den Friedensschluss, da will dann jemand gelobt werden. Eine fundamentale politische Täuschung! Auch Kriege werden gestiftet.

So sehr die rollenden Panzer als Verteidigung gelobt sein sollen, so nachhaltig ist mir die Courage im Kopf, die ihre Kinder verliert, weil sie gern noch ein Geschäft machen möchte, solange der Frieden nicht ausgebrochen ist. Eine Figur großer Tragik vergangener Zeiten. Vergangener Zeiten?

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DENGLISCH.

Man spricht Deutsch. Mit englischen Brocken. Das Fachchinesisch der ganz modernen Menschen. Hinter jedem Schlagwort lauert ein Geschäft.

Wenn die Heimarbeit andauert, so ist das das NEW NORMAL der NEW WORK bei den WOKEN. Sagt der Experte für HR, sprich „Ähtsch Ahr“, HUMAN RELATIONS. Oder, neuerdings: HUMAN RESSOURCES. Nur wer den neuen Jargon beherrscht, weist sich als zeitgemäßer Gestalter des Personalwesens aus. Das ist tatsächlich wichtig, dass jede Veränderung ihre Gewinner zu feiern gedenkt und möglichst wenig Verlierer zurücklässt.

Ich habe da nichts zu lästern, weil meine Profession, die ÖFFENTLICHKEITSARBEIT, sich vor hundert Jahren als PR (Public Relations) begründet hat. Vor HR kam PR, zwischendurch IR. Wegen dem SHAREHOLDER VALUE. Egal. Der Gründer der PR wollte den Begriff der PROPAGANDA ablösen, der aus dem Kirchlichen stammte. Es war übrigens ein Wiener Jude, angeblich mit Sigmund Freud („uncle Siggi“) verwandt, der als Migrant in die USA ein eher gebrochenes Englisch sprach, wie alle amerikanischen Intellektuellen dieser Zeit. Er machte mit PR ein Vermögen und feierte die neue Massenkommunikation als Geheimwissenschaft. Neues Wort, neues Geschäft.

So wie heute PR-Agenturen über PURPOSE plappern; das ist schlicht und einfach der Sinn einer Sache. Poooh. Die CSR (Corporate Social Responsibility) wird gerade durch das Buzz-Word GSE ersetzt; ich habe vergessen, was es heißt. Nein, ich möchte es nicht erklärt bekommen. Mich wundert nicht, dass die Hegemonie der Informationstechnologie ihren kalifornischen Jargon durchsetzt; das soll so sein, dass wer die Macht hat, auch das Sagen bestimmt. Mich wundert, wo das schlechte Englisch herkommt. Waren die alle auf der Berlitz School in Mumbai?

Ganz abstrus wird es, wenn in dem PIDGEON ENGLISH andere Moden eingewebt werden, etwas das GENDERN oder das #gerneperdu. „Can I say YOU to you?“ Ich bin kein Sprachpurist, aber doch von einem gewissen Gestaltungswillen. Wer sorglos redet, denkt auch nicht sauber. Man kann auch sprachlich ganztägig Jogginghose tragen, sprich verwahrlosen. DID I MAKE MYSELF CLEAR. Nur so als question. Wegen der learnings.

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SITTENGEMÄLDE.

Mit dem Rauswurf von BILD-Chef Julian Reichelt (JR) wird ein Vorhang gelüftet vor einem Drama zusammenstoßender Kulturen, die sich nicht mehr mischen. No melting pots. CULTURAL CLASHES.

Ich kenne alle handelnden Personen, nicht alle gut, aber alle persönlich. Ich kenne ihre Arbeitsplätze und einiger ihrer Lieblingskneipen. Man sagt: das MILIEU. Und ich sage: Es sind viele verschieden, die sich nicht mehr zu einer BRANCHE zusammenrühren lassen. Nicht mehr zu homogenisieren. Darum knallt es.

SPRINGER steht als AG unter dem Einfluss großer US-amerikanischer Aktionäre, deren Heimatkultur PURITANISCHER ist, als die mediterraneren Naturen glauben wollen. In diesem Milieu sind Skandalierungen mit Fehlverhalten gegenüber Frauen ein Brandbeschleuniger.

Ich habe den Gesichtsausdruck von JR in einem Aufzugkorb neben mir gesehen, als er als HELD DER KONTROVERSE bezeichnet wurde und dann ein Nachbarblatt als LIBERALER denn seines im Reich der ROTEN Blätter des Hauses. Bei Springer ein BLAUES Argument. Es ging den so GELOBTEN an den Kragen. Keine zwei Milieus unter einem Herrscher, schien mir danach das Motto zu sein. JR obsiegte.

Ich saß gelegentlich am Nachbartisch in einem sogenannten Promi-Restaurant, wo einige Gäste feste Tische hatte, wenn JR sich mit Promis traf. So der Abend mit dem modisch gekleideten BUNDESAUSSENMINISTER. Es war nicht JR, der wortreich um Verständnis warb; soweit man das mitbekam. Und das Gespräch wurde immer wieder von jungen Damen mit gepuderten Nasen unterbrochen, die mal kurz „Hi!“ sagen wollten. Und sie meinten nicht Heiko. JR erschien mir umschwärmt. Heiko und ich wären es wohl gern gewesen.

Dann der INHABER-VERLEGER aus dem Westfälischen, ein gänzlich anderes Milieu, in dem, wenn man sich was kauft, das einem auch gehört. Der soll sich aus der BUZZ-ECONOMY eine Investigative Redaktion gekauft haben, die ihm nun aus den Urtagen der Pressefreiheit die Trennung von VERLAG und REDAKTION zu erklären sucht. Ein Zusammenstoß der Kulturen. Zur FR sage ich hier nichts.

Und der SPIEGEL, der nicht mehr jenes Milieu des Magazinjournalismus ist, der er mal war, wo aber junge Leute an die alten Werte glauben und damit fast durchkommen; so das Narrativ. Zwei Milieus in einem Haus. ABER ich kann mir eigentlich gar kein Urteil erlauben. All das habe ich durch die Brille des PR-Manns betrachtet; das ist ein anderes Milieu. Jedenfalls für meine Generation und meine Kampfklasse. Die Propaganda-Assistenten in der PR kamen später. Mir steht da kein Urteil zu; jedenfalls erlaube ich mir keines.

Ich bin zu nah dran und doch kein Teil dessen; eben kein Insider. Und der neue BILD-Chef hat mich mal besucht und dann ein echt faires Stück über mich in der SZ geschrieben; seitdem finde ich den gut. Ich bin also auch da nichts weniger als objektiv. Ein Öltropfen in dem Gemisch unterschiedlichster Wässer. Kollidierende Milieus, ein Sittengemälde. Aber eher von einem Künstler des Abstrakten. Wilde Brüche, keine Idylle.