Logbuch
DAS BLÜMCHEN.
Wir kennen es eigentlich nur noch vom Hochzeiter. Der Bräutigam trägt am Revers ein Blumensträußchen. Oder von den Trachten, die Highlander und Oberbayern tragen; dort allerdings eher um Prächtiges im Lendenbereich bemüht. Bergvölker. Blumenschmuck also auch in der Herrenbekleidung.
Man darf nicht unterschlagen, dass der englische Dandy eine Nelke im Knopfloch hatte oder gar die rote Rose und das ganze Thema ein wenig nach Demi Monde klingt. Neues aus der Halbwelt des Allzumodischen also. Aber es gibt Ausnahmen.
Wenn in England oder Kanada ein POPPY getragen wird (die Jahreszeit naht), dann soll die rote Blüte des Klatschmohns an die Schlachtfelder Flanderns im 1. Weltkrieg erinnern. Und die blutrot getränkte Erde zwischen den Schützengräben. Das passt auch insofern, als der Mohn schon in der Antike symbolisch für Schlaf und Tod stand. Man muss um das Opium schon früh gewusst haben.
Heute erinnert der englische Gentleman mit dem roten POPPY am Revers an die Opfer, die seine Nation in den Schützengräben Flanderns erbracht hat. Jeder Ehre wert, da kein Angriffskrieg. Bei wem die alleinige Kriegsschuld liegt, ist hier, wie in anderen Fällen, historisch komplex.
Jedenfalls trage ich als Deutscher eine stilisierte rote Blume am Revers, auch in London oder Quebec, nicht nur im November. Historische Komplexität meint übrigens nicht, dass Schuld zu relativieren sei. Im Gegenteil. Das zu sagen ist, angesichts des monströsen Geschwätzes zum Nahen Osten, wichtig.
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TRENCHCOAT.
Zu meinen Lieblingskleidungsstücken zählt der Regenmantel aus dem Hause BURBERRY, den Humphrey Bogart berühmt gemacht hat. Als Schüler habe ich mir das gute Stück an Londons Haymarket gekauft. Schnallen und Knöpfe wurden mal ersetzt, aber ansonsten ist das Luder jetzt 55 Jahre alt; unverwüstlich.
Während meines Studiums gab es die Jungs mit den RAIN COATS, meine Fraktion. Und die Bürgersöhnchen mit den Palästinensertüchern (nicht meine Fraktion). Ich kannte einen Soziologen, der das Tuch trug, wenn er im offenen englischen Sportwagen in die Uni fuhr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Aus reinem Snobismus habe ich dann später, schon im Beruf, noch einen TRENCH von AQUASCUTUM gekauft, weil deren Mäntel aus der gleichen Tradition kamen, der Uniformschneiderei, aber als weniger modisch galten. Auch ein edles Stück.
Nun zum hässlichen Teil der Geschichte. Was Thomas Burberry da Mitte des 19. Jahrhunderts für die britische Armee schneiderte, war regenfest (weil Gabardine) und schränkte den Waffengang nicht ein. Denn TRENCH, das ist der Schützengraben. Ein Mantel für Schützengräben. Welch ein Irrsinn: Erwachsene graben sich in Erdlöcher ein und schießen aufeinander. Ganze Tunnelsysteme wurden dem gewidmet.
So sollte mein Großvater in Belgien den Franzmann bezwingen. So sehe ich ukrainisches Militär auf den Iwan lauern. So soll die Hamas Gaza gestaltet haben. Auch mehr als 150 Jahre nach der Erfindung des Mantels für Schützengräben ist die Menschheit nicht schlauer.
Als ich mir meinen ersten TRENCH kaufte, konnte ich ihn mir eigentlich noch nicht leisten; jetzt will ich mir nicht leisten, ihn auszumustern. Aber die Idee des Schützengrabens, die gehört entsorgt. Ich hoffe, dass Gaza der HÄUSERKAMPF erspart bleibt. Und Israel der Terror der Halstuchträger.
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HÄUSERKAMPF.
Es muss im Wintersemester 1970 gewesen sein, als ich in einem Proseminar der Philosophischen Fakultät der Ruhr-Uni in Bochum völlig überfordert war; ausgerechnet mit einem von mir selbst ausgewählten Thema. Es ging um die Schrift „Minihandbuch des Stadtguerilleros“ von Carlos Marighella.
Das Seminar fragte nach dem BEGRIFF DES POLITISCHEN in unterschiedlichen Schriften; für mich in dem Machwerk eines bolivianischen Terroristen. Ich fand aber keine Spur politischer Theorie. Die Anleitung für urbane Heckenschützen war eine zynische Epistel um asymmetrische Gewalt, mehr nicht.
Der Kern ist die Logik, dass die schwächere militärische Kraft das Schlachtfeld meiden möge und in den Häuserkampf ziehen soll, also sich in ziviler Umgebung tarnt und aus dem Schutz des Privaten militärisch agiert. Siehe HAMAS. Kein verantwortungsbewusstes Militär kann sich willentlich in diese Falle begeben wollen.
Der Krieg ist, ob militärisch oder als Terror an Zivilen, nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Er ist das Fehlen von jedweder Politik, ein Modus des sinnlos Barbarischen.
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DER ERRATISCHE.
Ich verweigere mich bei ernsthaften Themen belanglosen Debatten. Ob Elon Musk sich antisemitisch geäußert hat oder nicht, ist mir egal. Ich glaube das nicht. Selbst wenn: Einer mehr, wäre natürlich wieder einer zu viel, aber der Kerl ist nur so wichtig, wie wir ihn machen.
Seine Gegner deuten an, er frühstücke durch die Nase; das mag sein. Erratisch jedenfalls ist er. Ein Verirrter. Was ich von ihm an Politischem gelesen habe, war nicht klug, aber so unvernünftig auch nicht. Er ist halt HERR IM HAUS. Ich sehe einen modernen CITIZEN CANE. Wer so bonapartistisch veranlagt ist, darf auf den Landkarten grobe Striche machen. Der Burenbengel fasziniert mich insofern. Zugleich empfinde ich ihn als unerträglich vordergründig. Ein Anwendungstechniker.
Immer ist es nur der Nachttopf mit zweiten Henkel. Ich meine diesen Erfinder des Elektroantriebs in der Raumfahrt, der mittels Batterien auf den Mars fliegt, weil wir hier auf Erden ein Volk ohne Raum sind. Wiederverwendbare Cyber-Akku-Raketen inklusive. Und damit von allen menschlichen Wesen den größten Benefit für Mutter Natur erbracht haben will. Genie, vermeintlich nah am Wahnsinn, näher am Banalen, das sich groß stellt.
Auch in Fragen der Öffentlichkeit ein Oligopolist. Auf Meinungsdruck reagiert er ruppig. Er ließe sich nicht erpressen. Mit Geld. Und die Anzeigenkunden seines Internetdienstes folgen deshalb gerade dem neuen Motto: „Go, fuck yourself!“ Mutig ist er. Was aber hält alles das zusammen?
Man muss den KAUSALNEXUS begreifen. Der Mann ist der Held einer börsengetriebenen Welt des kalifornischen Typs. Das ist der Humus, auf dem das technologisch Halbgare gedeiht, die Manie im Detail wütet, der Größenwahn weiter wächst und vielleicht auch das Frühstück erwähnter Natur. Ein Umherirrender mit Gefolgschaft.