Logbuch
UNMUSIKALISCH.
Gestern in der Berliner Philharmonie eine Meisterleistung dieses grandiosen Orchesters unter seinem Chefdirigenten Kirill Petrenko mit Smetanas „Vaterland“, sechs Symphonien rund um die „Moldau“ in 75 Minuten ohne Pause durchgespielt, am Ende Achtungsapplaus, nicht mehr.
Das Werk ist von hohem Anspruch, Smetana wollte einen Nationalcharakter der Tschechen aus und mit Musik schaffen, aber eben auch erzählerischer Natur, Landschaftsbilder entwerfend, also zu verstehen. Aber ich stutze schon, als ich sah, dass die erste Geige des fabelhaften Japaners Kashimoto zur Seite gesetzt war und die im Orchester ungeliebte Lettin Sareika übernahm.
Kirill hat die Obsession der Präzision. Exakt führt er das Orchester, einem Uhrwerk gleich. Er dirigiert wie KI. Als die Becken an einer einzigen Stelle eine halbe Sekunde zu früh kommen, tadelt er. Auch pompösen Komponisten nimmt er das Pathos; alles ist von aseptischer Klarheit. Ein durch Sir Simon Rattle verwöhntes Publikum fremdelt und erstarrt. Es gibt ihm drei Vorhänge, aber nur eine stille Begeisterung. Der Saal tobt nicht. Vielleicht ist das gut so. Die Blumen gibt er der hochgewachsenen Lettin, eh klar.
Walter Momper war auch da, alt geworden. Und Graf Schulenburg sah ich, mit Gattin, Pumps mit roten Sohlen. Von Musik habe ich übrigens nicht die geringste Ahnung, ein Versäumnis meiner frühkindlichen Sozialisation und dann ganz sicher der schulischen Erziehung. Der Mann ist unmusikalisch. Übrigens auch in Fragen der Heilsgewissheit. Religiös unmusikalisch. Das ist von Max Weber, wenn ich das recht erinnere.
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DER WELTWEISE.
Einer der drei morgendlichen Kommentardienste, die die Hauptstadt den Frühaufstehern bietet, hat heute einen Professor im Ruhestand zur Lage der Welt. Das lese ich immer gern, wenn ein Vertreter des Plauderwissenschaften sich ZUR PRAXIS DER GALAXIS äußert. Der Weltweise extemporiert. „Es sinkt für Sie, das Niveau!“
Ich habe jetzt eine Frage zur Sache und eine persönliche Anmerkung (ich mag den nicht). Zunächst aber zum Akademischen. Was ist eigentlich die Bezugswissenschaft der Politologen? Ich meine, man kann nicht Physiker sein, ohne mathematisch denken zu können. Man kann schlecht Soziologe werden ohne Großen Methodenschein. Oder Altphilologe ohne Latinum. Aber der Politikwissenschaftler, der plaudert kenntnisfrei. Herfried Münkler ist eine solche Konversationskanaille.
Ein Mann meiner Generation, also eigentlich zur Demut & Weisheit verpflichtet, wagt er sich weltweise in GLOBALES. Wir hören, was der Chinese so macht und wie der Ammi so drauf ist und warum der SCHOLZOMAT nix taugt. Ich habe mal einen dicken Schinken von ihm gelesen über die Mythen der Deutschen. Brav nacherzählt, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung, was das ist, ein Mythos. Kant ist mein Zeuge: Keinen Begriff von einer Sache zu haben, heißt zu schwätzen.
Ich hatte einst in einer Tageszeitung eine Kolumne am gleichen Ort wie Münkler, sagen wir er Mittwochs, ich Montags. Die Redaktion verwechselte nun mal die Fotos und unter seinem Ponem stand mein Name. Der Kerl sieht für meine Begriffe nun wirklich aus wie eine Napfsülze. Statt sich also über das geliehene Antlitz zu freuen, hat er sich doch allen Ernstes bei der Redaktion beschwert. Alter Schwede, wenn überhaupt, dann ja wohl ich wg. Namensverwechslung. Mein Text mit dem mugshot von diesem Mümmelmann…
Meine Kolumne war in der Meinungsredaktion des linken Blattes nicht sehr beliebt; die dort residierenden Damen fanden mich zu sehr STAMMTISCH. Und was soll ich sagen? Da ist was dran. Früher waren Zeitungen auf dem Niveau ihrer Redakteure, heute auf dem ihrer Leser. Es sinkt für Sie, das Niveau.
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KONSERVATIV ZUM KANZLER.
Jetzt heißt es, eine gute Figur machen. Der Wähler schaut ja hin. Höfliche Herren machen den Kratzfuß. Durch Lächeln an die Macht. Schaulaufen der biederen Softies.
Im schlechtesten Hotel Berlins in einer der miesesten Ecken dieser an schlechten Hotels nicht armen Stadt, geschweige denn an miesen Ecken, da tagt heute die CDU, die Partei Adenauers. Warum gehen die da hin? Und nicht ins Rheinhotel Dreesen in Bonn am Rhein? Aus pragmatischen Gründen.
Die Idylle des Konservativen unter dem Alten, wie sie den greisen Kanzler zurecht nannten, ist lang dahin. Dessen katholisch geprägter „rheinischer“ Kapitalismus mit einer strikten Westorientierung und Duldung brauner Biographien, der ist aus der Zeit gefallen. Und Dreesen, wenn es das Ding noch gibt, eine viel zu kleine Herberge. Die Rechten sind heimatlos.
Man lebt mit unbedingtem Pragmatismus in dem Vakuum der Kohlschen Bräsigkeit von BASF-Gnaden, die nur durch die Bräsigkeit von Frau Merkel zu verlängern war, die dem geerbten Mief jeden Sauerstoff zu verweigern wusste, fort. Pragmatismus, sich durchwurschteln. Dazu passt das Estrel am Ende der Sonnenallee, der Straße vom Getto ins Nichts. Die Rechten finden für sich keinen Ort.
Ich habe das Parteiprogramm der neuen Konservativen gelesen; es ist frei von inhaltlichen Bestimmungen. Kein rechter Gedanke, der nicht noch im gleichen Satz wieder kassiert würde. Das ist das wirkliche Problem der CDU, nur noch auf das Reaktionäre anspielen zu können, aber gleichzeitig der AfD ausweichen zu müssen. Wenn die vielbesungene Haselnuss schwarz braun sein will, dann kann sie es heutzutage ohne die liberalen Konservativen. Gibt es die überhaupt noch?
Es ist die Zeit der Lächler, deren Ernst es ist, auch mit den Grünen zu können oder der LINKS-Partei, mit den Groko-Sozen eh, die FDP schon lange im Sack. Sie können mit allen, nur nicht mit der AfD, weil die ihnen den Markenkern geklaut haben. Der Lächler Wüst nennt sie eine Nazi-Partei (wie übrigens auch die böse Frau der SPD), ist aber darüber schon so erschöpft, dass man einen zweiten Gedanken von ihm nicht zu erwarten wagt, so erschütternd ist er intellektuell bereits überfordert. Flexibler Normalismus. Softer Pragmatismus. Dünne Luft. Kein Sauerstoff.
Was ist heute konservativ? Und was heißt das für morgen? Aus dem Estrel ist dazu keine Antwort zu erwarten. Also die erfolgreiche Wahl eines leeren Anzugs namens Fritz Merz, der Kanzler nicht kann. Herr Wüst wird dazu lächeln. Er folgt der Theaterweisheit: Auge vor Ohr. Das könnte also was werden.
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Trump ist ein AFFE IM ANZUG. Das Konzept der WEISSEN ÜBERLEGENHEIT kann nicht kulturell gemeint sein. Ich kenn mich da aus, weil seine Vorfahren aus meiner Nachbarschaft kommen. Nein, nicht die Pfalz, aus der seine Familie nach Amerika ausgewandert ist. Ich habe lange in der Nähe von Düsseldorf gelebt, im Kreis Mettmann. Da gibt es an dem Flüsschen Düssel im Neandertal einen Steinbruch, in dem etwas Bedeutendes entdeckt wurde: Trumps Vorfahren. Ich war da oft, schon als Schüler. Aber der Reihe nach. Der NEANDERTALER hat in vielen Dingen einen schlechten Ruf, zu Unrecht. Er gilt nur als Nebenlinie des HOMO SAPIENS, die ausgestorben ist. Ich halte das für falsch. Also erstmal haben die Jungs mindestens 100.000 Jahre auf der Erde verbracht. Zweitens kann man aus anderen Funden rückschließen, dass sie ein ausgeprägtes Sozialleben hatten. Das waren keine Höhlenmenschen, wenn damit dumme Tiere gemeint sein sollten. Sie waren für sehr lange Zeit die überlegene Rasse. Woher dann der schlechte Ruf? Warum ausgestorben? Nicht weise genug, Stichwort „sapiens“, zu Deutsch klug & weise? Hat sie eine Klimakatastrophe ausgelöscht? Nein, Greta, Unsinn. Oder eine Pandemie? Nein, Herr Lauterbach, Unsinn. Es gibt einen Fund, ich glaube in Kanada, eines menschlichen Wesens, dessen DNA zeigt, dass der Vater ein HOMO SAPIENS war und die Mutter eine Neandertalerin. Wenn man jetzt bedenkt, dass sie mindestens 50.000 Jahre Zeit hatten, fremd zu gehen... Ha! Die Wissenschaft weiß, dass wir noch immer die Gene der Neandertaler in uns tragen; manche sagen zu drei Prozent, andere zu zwanzig Prozent. So, und jetzt löse ich das Geheimnis mit Trump und dem Mob vom Kapitol: Es können auch mehr sein!