Logbuch
Der HÄSSLICHE HOF macht zu, weil er Corona nicht überlebt hat, ein wirklicher Verlust. Er war noch ein wirkliches Privathotel der alten Grandhotellklasse. Ich liebte es, dort zum Lunch in dem wienerischen Speisesaal den Empfehlungen des Kellners zu folgen, der zunächst das Tagesgericht für die Handlungsreisenden anbot und dann den Hummer als Tagesfang nachschob. Oder einen geangelten Fisch (kein Beifang aus dem Netz). Es war nicht alles auf dem neuesten Stand, aber Patina hat ja Charme. Das wirkliche Asset aber war die Bar. Ich habe vergessen, wie sie hieß. Jimmy's mit Idioten-Apostroph, glaube ich. Eine klassische Bar, wie die von Harry in München am Platzl. Zur Buchmesse musste man sich dort so gegen halb Neun einen strategisch guten Platz suchen und bis morgens um drei durchhalten. Ab elf segelte die gesamte Intelligenzia der Republik dort rein und brachte sich auf Touren. Wer sich im Glückszustand des Harald Juhncke ("Leicht einen im Tee und keine Termine.") fit hielt, kriegte eine Menge mit. Die Führung des Suhrkamp Verlages habe ich dort erlebt, als der noch was galt. Den strohdummen Typen von den Publikumsbeschimpfungen. Den ambitionierten Philosophen von der Kunsthochschule in Karlsruhe. Und die Damen der Branche, die definitiv keine waren. Wehmut. Das werde ich denen aus Wuhan nicht verzeihen.
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FLEISCHERSATZ.
Man kann gegen die intensive Tierhaltung eine Menge einwenden. Gilt für den norwegischen Lachs aus einem Netzkäfig im Fjord wie das dänische Schwein und die irische Kuh, beide aus engen Ställen. Und Grünzeug kann natürlich sehr gut schmecken. Warum aber , wenn ich kein Fleisch will oder mag, muss das Surrogat genau so aussehen wie das verpönte Original? Im Werbefernsehen sehe ich „veganes“ Gehacktes, das es auch der Form nach als „Griller“-Würstchen gibt, ausdrücklich aus Fleischersatz. Man könnte damit fleischlose Frikadellen fertigen, Buletten, neudeutsch Pättis, Gehacktes für den Hamburger, sagt man mir. Es muss, stelle ich mir vor, eigenartig schmecken, das Surrogat, aber das ist nicht mein Punkt. Ich hatte gestern Salat, der aussah wie Salat, und Gemüse, das aussah wie Gemüse. War lecker. Die surrogativen Fleischprodukte der Lügenwalder Mühle erscheinen mir typisch für eine bestimmte zeitgenössische Doppelmoral: Hamburger mit Rinderpätti wollen, aber keine toten Kühe. Warum dann nicht Käsebrötchen oder mit Marmelade? Fleischersatzfleisch ist von einer typischen Inkonsequenz. Eigentlich Halbmoral, nicht Doppel. Es gab in dem Restaurant meiner Wahl gestern übrigens zum Salat französischen Schafskäse und zum Gemüse ein australisches Rinderfilet, englisch gebraten, medium rare.
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Der MERKEL-NACHFOLGER Friedrich März ist wieder in eine Tabu-Falle gelaufen. Er schaut verdutzt drein und wirkt minderbegabt. Er hat, findet eine empörte Twittergemeinde, schwule Politiker in die Nähe von Kindesschänder gerückt; das gilt als nicht mehr zeitgemäß. To say the least. Bemerkenswert ist das eigentliche Zugeständnis von März: es gebe halt diverse Lebensentwürfe in einer liberalen Gesellschaft. Das hat den Ton der Sonderpädagogik, genauer des Lobes in der Sonderpädagogik. Das ist jener Diskurs, der schwere Beeinträchtigung scheinheilig als alternative Begabung euphemisiert. Homosexualität sei aber keine Krankheit, wird zurecht angemerkt. Auch sei es, sagen andere, kein willentlich gewählter Lebensstil, weshalb die ach so liberale Toleranz als Beleidigung empfunden werde. Und die vermeintliche Nähe zu Verbrechen wie Kindesmissbrauch diskreditiere jenen, der sie assoziiert. Dergestalt bewegt sich Friedrich März wie eine Flipperkugel zwischen den Reaktanzen seiner Feinde. In mir steigt eine Erinnerung auf an den selbsternannten Moped-Rocker aus Brilon, der nach der Erinnerung seiner Zeitgenossen eher ein unscheinbarer Messdiener war. März kann Merkel nicht.
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WER IST DIESER HERR K?
Bei FRANZ KAFKA gibt es den begründeten Verdacht, dass er mit seiner literarischen Figur „Herr K“ sich selbst meinte. Zumindest auch sich selbst. Er war ein scheuer Mensch, der Prager Dichter.
Anders bei BERT BRECHT. Kein scheuer Mensch, eher dreist. Seine literarische Figur namens „Herr K“ taucht bei ihm auch mit ausgeschriebenem Namen auf, nämlich als „Herr Keuner“. Aber den wird man nicht im Berliner Telefonbuch von 1928 finden. Man muss wissen, dass der junge Brecht von AUGSBURG an die Spree gezogen war. Einschließlich eines furchtbaren Dialektes. „Keuner“ heißt im Hochdeutschen „Keiner“ (nemo). Er meinte damit niemanden konkretes, also alle.
Woher ich das weiß, der ich nie mit ihm gesprochen habe? Nun, er hatte sich von einem anderen „Herrn K“ (Rudyard Kipling) den Trick abgeschaut, zu Beginn von neuen Kapiteln irgendwelche skurrilen Motti zu stellen, die er schlicht zu erfinden sich erlaubte. Kipling war da echt frech. Brecht mochte diese Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums. So gibt es in seinem Dreigroschenroman als Motto einen Vers von einem Herrn AIGIHN. Den findet aber niemand in der Weltliteratur.
Das Zitat des „Herrn Aigihn“ ist keines, sondern ein Spruch von ihm selbst, der er mit vollem Namen Bertolt Eugen Brecht hieß. Jetzt spreche man den „Eugen“ mal augsburgerisch aus! Das ist er dann in bayrischer Lautung, der Eugen als Herr AIGIHN. Ha!
Kipling machte lauter solche Sachen. Lax in Fragen des geistigen Eigentums. Eben ein HERR K. Vor denen sei ausdrücklich gewarnt.