Logbuch

HAUSAUFGABENHEFT.

Was uns prägt, entscheidet sich in der Kindheit. Wenn nicht in der Kita, so doch der Schule. Dort muss man sich aus seinen Defiziten einen Charakter basteln. Glücklich, wem das gelingt.

Definitiv gescheitert bin ich am sogenannten HAUSAUFGABENHEFT. Das war ein Monstrum in der unscheinbaren Größe eines Vokabelheftes. Man sollte dort im Randbereich den wöchentlichen Stundenplan eintragen, sprich die werktägliche Fächerfolge. In dem Innenteil sollte nun die gestellte Hausaufgabe für den Zieltag vermerkt werden.

Wäre das ominöse Heftchen korrekt geführt, sähe man halt das für den jeweiligen Tag und seine Fächerfolge zu entrichtende Pensum. Man könnte den Nachmittag damit verbringen, brav abzuleisten, was der nächste Vormittag erwarten würde. Dazu hat man aber vorher die Hausaufgaben für die nächste Stunde dieses Fachs notieren müssen.

Die Frage war also nicht, wann sie gestellt wurde, die verdammte Hausaufgabe, sondern für wann. Das hat mich intellektuell wie sozial überfordert. Des Öfteren war das vermaledeite Heft nicht aufzufinden. Oder ich hatte nicht den Zieltag gewählt für die Notiz, sondern das Datum der Aufgabenerteilung. Ein reines Chaos. An alldem ist meine Frau Mutter, die wollte, dass aus mir auch bei geringem Sozialstatus was werde, verzweifelt.

Später sah ich jene Klassenkameraden, die das konnten, als graue Anwälte in dürftigen Kanzleien hocken und Fristenbücher führen. Oder als Behördendiener Fälligkeiten verwalten. Der Vorhof der Hölle. Geschah ihnen recht.

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SAUNA-DIPLOMATIE.

Wenn sich die Kriegsherren nur als Menschen begegneten, dann wäre das Leben friedfertiger. Zum Beispiel nackt wie der Herrgott sie erschuf in der Sauna. Ein Ostergedanke.

Aus Zeiten der Sowjetunion wird folgende Episode erzählt: Der Herrscher des Sowjetreiches Nikita Chruschtschow sei vom finnischen Regierungschef zu einem gemeinsamen Saunabesuchs verleitet worden, bei dem der Nackte aus Moskau dem Nackten aus Helsinki vorgeschlagen habe, die Völkerfreundschaft noch enger zu gestalten und doch auf getrennte Regierungen zu verzichten. Da habe der Finne Uhro Kekkonen gesagt, das sei prinzipiell eine gute Idee, aber er fühle sich altersbedingt nicht mehr fit genug, auch noch die Sowjetunion mit zu führen.

Während meiner Studentenzeit gab es das Schimpfwort der FINNLANDISIERUNG, politisch aus der schwarzen Ecke. Gemeint war eine freiwillige Minderung der eigenen Souveränität, in der man sich in sein Schicksal als Pufferstaat schicke und Neutralität übe. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass es einen milden Vorhof von Diktaturen geben könne, in dem der große Bruder dem kleinen ein besonderes Kastratentum gönne. Schöner gesagt: das Schweizer Modell.

Dass Deutschland eine bittere Bindung an den Osten nach dem verlorenen Krieg im Endeffekt erspart geblieben ist, kann man als Erfolg von Adenauer und Kohl feiern oder schlicht Westbindung nennen. Ein unverdientes Geschenk der Geschichte. Jetzt gehört auch Finnland zur NATO; Schweden wird folgen. Der Mythos der Sauna-Diplomatie ist dahin.

Darf ich als großer Freund der Schwitzkiste eine landeskundliche Anmerkung machen? Zur finnischen Sauna gehört nicht nur der kalte See vor der Hütte und das Birkenreisig, mit dem man sich gegenseitig verdrischt, sondern hinter der Saunahütte auch eine kleine Destille. Es wird schwarz gebrannt. Die schwitzenden Nackten saufen Schnaps. Da lag die Brücke zum Russischen, sagten damals die Finnischen. Nüchtern betrachtet, war der Mythos wohl hohl.

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UNTER STROM.

Aktuell erzeugen wir Elektrizität zur Hälfte aus Erneuerbaren, sprich Sonne und Wind. Der Ausfall von russischem Pipeline-Gas hat nicht zu „black outs“ geführt; immerhin. Zu verdanken ist das auch dem Drittel, das die Kohle beiträgt. Glückauf!

Was mir an Sonne & Wind gefällt, ist nicht so sehr die Klimafrage, ein ohnehin spekulativer Aspekt, sondern die Importunabhängigkeit. Macht keinen Oligarchen stark und keinen Scheich reich. Mit einem Drittel ist allein der Wind dabei; so stark wie die Kohle. Kompliment.

Nur Laufwasser finde ich noch sympathischer. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach! Da ist der Norden gesegneter; Norwegen, mehr noch Kanada. Netzausbau, Freunde! Jetzt aber ein Wort zur Wundertechnologie der Wärmepumpe. Das klappt in sehr gut isolierten Häusern bei geringer Differenz zur Außentemperatur. Ein ganz schmales Delta muss hier verdichtet werden, aus 3 Grad zaubert man 18, Faktor sechs.

Stelle mer unz ma janz dumm un fraschen: watt isse ne Wärmepump? Die Wärmepumpe ist ein umgedrehter Kühlschrank. Der nicht funktioniert, wenn die Türe ständig offensteht. Ich habe gerade ein dreihundertjähriges Fachwerkhaus zum Passivhaus umgebaut. Holzverschalung außen (Hamptons), Holzverschalung innen (Bauhaus), Hof verglast (Treibhaus). Viel Arbeit. War nicht billig.

Bei allem aber braucht es dann doch vor allem Strom. Von mir aus dekarbonisiert. Dass die Kernenergie hierzulande abzuschalten ist, aber in der Ukraine weiterlaufen soll, so die Expertise des grünen Wirtschaftsministers, wirft bei mir allerdings Fragen auf. Ich weiß nämlich noch, wo Tschernobyl liegt, nämlich genau dort. Und dieser GAU war kein Erdbeben wie der in Fukushima. Fragen.

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RIDING DEAD HORSES.

Das größte Problem, stelle ich mir vor, für INVESTIGATIVE JOURNALISTEN müsste darin bestehen, dass es keine sensationellen Skandale gibt, die sie aufdecken könnten, obwohl sie uneingeschränkt aufdeckungsbereit sind. Dann reitet man notgedrungen auf den toten Pferden der Vergangenheit noch eine Runde. Das Publikum gähnt.

So geht es geschätzten Redakteuren im Rheinischen und an der Elbe. Sie haben einen gewichtigen Verdacht, der sicherlich Schlagzeilen machen könnte. Es soll Investoren (notorisch geldgeile Leute) gegeben haben, denen ein Trick verkauft wurde, wie man sich vom Staat Steuern zurückzahlen lassen kann, die man nie gezahlt hatte. Es ist für jedermann klaren Verstandes plausibel, dass das Betrug ist und nur sehr mühsam als Ausnutzen von juristischen Lücken koscher gemacht werden kann.

Und so ist der Trick den Trickreichen ja auch verkauft worden; ich hab den Wortlaut noch im Ohr, als etwas „echt geiles, und zwar zweistellig“, tjo. Ich kenne einige Investoren, die damals tatsächlich erwogen haben, über diese schmale Brücke zu gehen. Jetzt sehe ich einen berühmten Anwalt mit knallroter Brille neben dem berühmten Banker fahlen Gesichts bei Gericht stehen und denke das Unangebrachte: „Ein Fall für Bossi !“ In Ordnung ist das nicht. Obwohl die rote Brille nun wirklich albern ist.

Und der amtierende Kanzler, redlich wie ein Hanseat nur redlich sein kann, soll noch zu seiner Zeit als Erster Bürgermeister der Hansestadt in die Geschäfte des fahlen Bänkers verwickelt gewesen sein, erinnert sich aber nicht an alle diesbezüglichen Termine mit dem Bankenchef; übrigens ein fleißiger Tagebuchschreiber. Also, niemand ist zur Selbstbezichtigung gezwungen; weshalb man ruhig ein schwaches Gedächtnis haben darf und im Übrigen führt nicht wie ein Schulmädchen Tagebuch. Auch nicht, wenn man am Ort im Schutz bei Pressemogulen steht. Schrift ist Gift. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Was mir auffiel, während der zahllosen Ausritte auf einem Gaul namens CUM EX, war die große Zufriedenheit der Presse an Elbe und Rhein mit den Staatsanwaltschaften. Jetzt, da eine der Staatsanwaltschaften personell umgebaut wird, weiß man sogar schon im Voraus, dass der Neue nix taugen wird. Das finde ich schwierig, weil es Spekulationen zur Quellenlage nicht so ganz ausschließt, aber ich werde da nix insinuieren. Die Anklagen bestehen für mein Rechtsempfinden völlig zu Recht. Möge die Gerichte ihre Urteile fällen. Es geht um mein Geld, mit den Kindergärten gebaut werden sollten, keine Villen im Tessin.

Warum aber fliegt das Thema nicht? Weil in Deutschland niemand versteht, wem das Geld gehört. TAXPAYER‘S MONEY ist hierzulande kein Argument. Wenn der Staat, der uns schröpft, mal nix mehr hat, dann soll er die Reichen halt mehrfach besteuern. Oder Erben enteignen. Oder halt ein Sondervermögen auflegen. Steuern haben für den deutschen Michel nichts mit seiner Brieftasche zu tun. Darum ist Steuerbetrug ein totes Pferd.