Logbuch

EINE LAUNE.

Ich lese: „Der Tag war zu Ende. Es war ein schlechter Tag gewesen.“ Das geht gar nicht; einen solchen Gebrauch des Plusquamperfektes sollte man unter Strafe stellen. Jeder Verstoß gegen die Grammatik ist ein Angriff auf die Weltordnung. Und wenn nicht scheiternd im Tempus, so doch im Stil. Hatte ich das noch nicht erwähnt gehabt? Es verdirbt mir die Laune.

Die Laune hat keinen guten Ruf. Nicht nur, dass sie, wenn schlecht gestimmt, als üble Wesensart die Lebensfreude am Ausbruch hindert. Sie gilt dem Grunde nach schon als nichtig. Die Launenhaftigkeit weist den schwachen Charakter aus, der sich zum Spielball irgendwelcher Gemütszustände macht.

Ich versuche gerade einen Gegenwartsroman zu lesen, was immer wieder erneut scheitert, weil das Ding mich in schlechte Laune versetzt. Ich lege ihn beiseite, versuche es am nächsten Tag noch mal, wieder scheitere ich. Die Belanglosigkeit der Protagonisten ist ermüdend. Das übergeordnete Thema von untergeordneter Bedeutung und auch noch schlecht zusammengeschrieben.

Aber dieser Blues soll ein Spiegel unserer Tage sein. Ich bemerke ja, dass der Dichter mir was sagen will. Warum tut er es dann nicht. Voller Magen studiert nicht gern, zumal bei schwerverdaulicher Kost. Zum Wiederkäuen fehlt mir die Lust. Soviel zu Christoph Peters „Krähen im Park“ bei Luchterhand. Auf einem Büchertisch eines unsäglichen Flohmarktes an der Heiland-Kirche entdecke ich von einem gewissen Boz die Hinterlassenen Papiere des Pickwick Clubs in einer älteren Ausgabe bei Penguin und finde mich schon nach kurzer Lektüre amüsiert.

Was mich an einen Titel beim großen Kant erinnert. Er lautet: „Von der Macht des Gemüts durch bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein.“ Hat den Aufsatz wer? Her damit!

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ALLGEMEINBILDUNG.

Insbesondere Ammis können so strohdumm sein, dass es weh tut. Jedenfalls bemerkt man es hier als Europäer schmerzlicher, da sie ja Fleisch von unserem Fleisch sind, meist Armutsmigranten aus den Ländern historischer Kultur. Es fehlt, sagen wir es offen, Joe Six-Pack an Allgemeinbildung. Was genau ist das?

Gar nicht so einfach zu definieren! Was ist eine passable Allgemeinbildung? Historisches Wissen gehört dazu, Grundkenntnisse der Naturwissenschaften; ein Instrument sollte man spielen können und zwei oder drei Sprachen sprechen. Seine Werte erklären können, zumindest ein Unrechtsbewusstsein haben, wenn man wirklich fehlt. Lebensklugheit.

Teil des Rufes nach einer guten Allgemeinbildung ist auch eine gewisse Skepsis gegenüber Expertenwissen, das sich seiner selbst allzu sicher ist. Ein Beispiel: Ich bin kein Virologe, habe aber während der COVID-Epidemie nie geglaubt, dass der Virus von Fledermäusen aus chinesischen Wildtiermärkten stammt. Die Allgemeinbildung hört auch auf das Bauchgefühl und den Hinterkopf.

Jetzt sagte der amerikanische Vizepräsident, alle großen Kriege der Weltgeschichte seien durch Friedensverhandlungen beendet worden. Nun, einer meiner Ahnen hat als Bürgermeister in Oberhausen Sterkrade nach dem Ersten Weltkrieg zehn junge Männer stellen müssen, die von den Franzosen an der Ruhr aus Sühne standrechtlich erschossen wurden, weil es mit den Reparationen nicht so lief, wie die Sieger von WW I sich das dachten.

Darf ich mal fragen, welche Friedensverhandlungen nach dem Ersten und welche nach dem Zweiten stattfanden? Der Hinterwäldler in der amerikanischen Regierung ist einer. Und meinem Großvater ist das damals wahrlich nicht leicht gefallen. Die Nazis haben ihn später als „Politischer“ ins KZ gesteckt. Er hat in meiner Familie einen guten Ruf. Wir erinnern uns stolz an den Ruhrkampf von 1923. Jedenfalls wurden die beiden Weltkriege, die mein Vaterland vom Zaun gebrochen hat, nicht am Verhandlungstisch beigelegt.

Ich sage das ohne jede Botschaft und ohne jeden Rat im Zeitgenössischen. Ich sage es, weil es so war. Eine Frage der Allgemeinbildung. Als nächstes bitte ich darum, dass der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik erklärt wird. Auch das gehört zum Mindesten. Jedenfalls wenn man die Welt regieren will.

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DER ROBERT GEHT.

Die Macht gelüstet es immer nach Ruhm. Und nichts schmerzt sie mehr als dessen Schwinden. Dieser Gedanke des großen Hölderlin kommt mir in den Sinn, da ich den Abgang des Grünen-Politikers Robert Habeck verfolge. Der Mann ist entzaubert und verwindet es nicht.

Habeck, der Robert für die seinen, sagt, er gebe sein Bundestagsmandat nun auf, damit er nicht wie ein Gespenst über die Flure des Reichstages schleiche und man hinter ihm her munkle: Jener war mal Vizekanzler. Im Englischen: ein „hasbeen“. Er wolle nun akademisch wirken. So sieht Phantomschmerz aus. Und der unbeholfene Versuch, einen neuen Trivialmythos zu schaffen, den des Intellektuellen. Der Kinderbuchautor als Weltgeist.

Ein wenig John F. Kennedy, eine Spur Gandhi, etwas Mandela und viel Bob Dylan… Was treibt diese Leute? Warum will sie nichts sehnsüchtiger als Ruhm, die Macht? Selbst die zerronnene sehnt sich nach dem Zauber des Nachruhms. Vielleicht will man so die Entbehrungen verklären, die die Lasten des Amtes mit sich gebracht haben.

Ich glaube, es ist mehr. Wen die Launen der Politik aus dem Sumpf der Grabenkämpfe in ein Amt gehoben haben, der möchte diesen Ruf zu Höherem nur sich selbst geschuldet wissen. Banales Scheitern sehnt sich dann nach großer Tragik. Wenn die Fortune schwindet, will man wenigstens den Ruf behalten, eine Vorsehung gewesen zu sein.

Dem liegt im Unterbewussten eine tiefe und böse Angst zugrunde. Es lauert immer und überall eine Depression. Ich glaube, dass Merz hört, wie hohl er klingt. Söder spürt seine Banalität. Ich glaube, dass Klingbiel merkt, wie er immer mehr die Statur von Kohl annimmt. Der Zauber schwindet. Nur Merkel, die ewige Rechthaberin, verwaltet ihr zweifelhaftes Erbe zu Tode. Was zu allem bleibt, ist Gähnen. Es droht das Entsetzen vor der Belanglosigkeit. Hölderlin ist dem entflohen, indem er Wahnsinn simulierte. Auch ein Weg.

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HARTGELD-LOBBY

In BRÜSSEL sehe ich, durch die Stadt schlendernd, in einem historischen Stadthaus, jetzt als Bürogebäude, Achtung, jetzt kommt es, die „Vertretung der deutschsprachigen Minderheit Belgiens bei der EU“. Das können nur drei Dörfer bei Eupen sein, in denen neben flämisch oder wallonisch noch teutonisch geschwätzt wird. Aber einen eigenen Repräsentanten. Spesenkonto wahrscheinlich nach oben offen. Insgesamt hat die Stadt 25.000 Spesenfähige, davon gut 1000 mit Schwarzen Kreditkarten (ohne Limit); die wollen bedient sein, die Karten. Der dicke Scheck für das dicke Geschäft.

In Straßburg war ich mal mit der Mitarbeiterin eines EU-Parlamentariers essen, in so einem Chicki-Micky-Laden mitten in einem Stadtpark, ich dachte erst, das sei ein Ausflugslokal, da bin ich für zwei Personen, vier Gänge und zwei Flaschen Wein knapp dreistellig geblieben, fast vierstellig. Euro, nicht Lire. Man muss es sich leisten können. Und wissen wo. Da viele dicke Spesenetats haben, ist es am Ende das GEWUSST WO.

Wie funktioniert die EU, sprich BRÜSSEL, wirklich? Ich mache es kurz: unterhalb der KOMMISSARE gibt es den riesigen Apparat der Bediensteten. Das ist aber auch in den nationalen Regierungen so: nicht den Minister, den Referatsleiter muss man kennen. In BRÜSSEL kommen die dann noch aus aller Herrenländer. Und haben Zirkel; aus Heimweh. Da gilt oft: Wer Sorgen hat, der hat Likör.

Bei einem KOMMISSAR, den ich aus Hong Kong gut kannte, habe ich mal dessen Bürochefin kennengelernt, eine fidele Irin. Die hatte jeden Dienstag ein Dinner in einer irischen Kneipe in BRÜSSEL, zu dem eine ganze Kohorte irischer Damen kamen, die an allen möglichen anderen Stellen der Bürokratie arbeiteten. Ein dezentrales Zentrum des Machtwissens. Im Schnitt wussten die alles! Wenn Du schlau warst, lungertest Du im O‘Reilly’s, und zwar dienstags, an einem der Nachbartische rum …

Nach der dritten Runde wurde die HEN‘S PARTY munter. Man musste allerdings vor der sechsten Runde wieder weg sein, sonst konnte es ein langer, ein sehr langer Abend werden. Also: französischer Abgang und zur Pommesbude Maison Antoine am Jordanplein. Hat immer bis um Eins auf. Hier treffen sich die, die den Dinnern und den Damen entfliehen konnten. Ich empfehle die große Tüte Pommes aus der Flämischen Frittüre, und zwar mit frisch gehackten Zwiebeln und Majo („speciale“). Für unter 10€ habe ich hier schon sehr interessante Leute bewirtet. Wie gesagt, mit dicken Schecks können es alle, mit Hartgeld nur die Profis!