Logbuch
SCHWANZSCHATTEN.
Rückkehr aus der großen Stadt auf den Landsitz mit großartiger Entdeckung. Ein Eichhörnchen hat den großen Nadelbaum bezogen und tobt nun fröhlich durch den Garten. Eine Freude anzuschauen. Herzlich willkommen!
Eine ganze Reihe von Anmerkungen sind fällig. Eichhorn? Der Name des rotbraunen Gesellen kommt nicht von der Eiche, dem soliden Baum, sondern aus dem Althochdeutschen, wo das Rumgehüpfe von Ast zu Ast zum Charakteristikum gewählt wird. Der liebenswerte Kerl ernährt sich nicht von anderen Tieren, sondern den Früchten des Waldes, sprich Baumsamen. Gleichzeitig zum buschigen Schwanz, wozu wir später noch kommen, hat die Natur ihn mit einem schwachen Gedächtnis gesegnet. Ein stattlicher Teil der Nahrungsverstecke zum Überleben des Winters werden schlicht vergessen. So sprießt der Samen im Frühjahr und erhält die Vielfalt des Waldes. Ein genialer Gärtner wider Willen.
Was ihn neben dem putzigen Antlitz des netten Nagers auszeichnet ist sein prächtiger Schwanz. Dieser mag beim Flug navigieren helfen, ist aber vor allem eine Extremität des Prahlens; er beeindruckt so in der Brunft Weibchen. Die großzügige Behaarung beeindruckt aber nicht nur die brünstige Damenwelt, nein, die Größe erschreckt auch Feinde. Man soll sich besser nicht mit ihm anlegen. Ein veritabler Vegetarier stattlicher Manneskraft. Dank buschigem Schwanz. Solches hör ich gern von meinem Vers.
Im Nest wärmt das Buschige den dürren Kerl wie eine Decke. Den Vogel abgeschossen haben aber die Alten Griechen; sie belegten den agilen Kerl mit dem großen Schwanz mit dem Mythos, dass er die prächtige Extremität auch habe, um sich selbst Schatten zu spenden. Alta Schwede, im Schatten des eigenen Schwanzes wohl leben; das ist schon was.
Im übrigen ist das rote Eichhörnchen, das eurasische, eine schützenswerte Art, die vor der grauen bewahrt werden muss, die als Neozon eindringt. Passiert gerade in England. Wandert ein der Fremde und ersetzt irgendwann die Heimischen. Muss ich dem Thilo Sarrazin erzählen, wenn ich ihn in Berlin sehe; kann er ein weiteres Kapitel für sein Abschaffungsbuch draus machen. Was einen die Natur doch so alles lehrt.
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SCHAMLOS.
Gestern bei den Berliner Philharmonikern eigenartige Stücke von Bartok bis Strawinsky unter dem Dirigat des Sibiren Kirill Petrenko. Den ich noch immer nicht leiden kann. Angeblich ist die Metropole das Thema des Konzerts. Volles Orchester, laute Musik. Mir bleibt alles fremd. Am Klavier eine Sarah Tysman, immerhin eine Schönheit. Der Dirigent gibt ihr den Blumenstrauß. Dann erkenne ich die Französin wieder; Professorin von der örtlichen Universität der Künste. Beachtliches Talent an einer eher mediokren Hochschule. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich geh ja im Abo in den Karajan-Schuppen, übrigens auch wegen der Schnittchen; dazu zwei, drei Glas Wein. Und der Abend wird rund. Es setzt sich zu der Blonden und mir ein veritabler Berliner mit Begleitung. Die Herrschaften nehmen Heiße Schokolade, sprich Kakao. Zu einer Arbeitshose (Ostjeans) trägt er eine solide Strickjacke mit Reißverschluss, eine Joppe. Könnte der Sibire am Pult aus seiner Heimat mitgebracht haben. Sehr sachlich solide. Er berlinert. Ich spreche die Berliner Schnauze an; höflich, weil zwar ossig gekleidet, aber ein älterer Herr in den Achtzigern mit Manieren. Ich glaube ihn zu erkennen.
Ja, sein Name sei Eppelmann. Respekt. Ich gratuliere zu einer erstaunlichen Lebensleistung. Sein Haupt hebt sich leicht und er sagt: „Ich muss mich nicht schämen.“ Welch ein Satz. Wir reden mit Pfarrer Eppelmann, dem Gründer des Demokratischen Aufbruchs in der DDR: Der Mann hat eine Diktatur gestürzt, die ihm auf das Perfideste nach dem Leben trachtete. Ein großer Deutscher, ganz getarnt in protestantischer Bescheidenheit, die nur im Herzen eitel ist. Sein Satz hat die Schärfe einer Rasierklinge. Er muss sich nicht schämen, ja, aber vielleicht andere? Der Unbeugsame lässt das offen. Das gefällt mir, das gefällt mir sogar sehr.
Man trifft ja nicht oft wirkliche Größen der Geschichte, aber Berlin hat noch einige dieser Helden aus dem Vier-Mächte-Status. Viele Politiker der untergehenden DDR sind erbärmlich gescheitert, an sich oder ihren Verstrickungen. Aber es gibt auch die anderen. Und hier formuliert einer von jenen seinen Kantischen Imperativ. Er hat sich nicht schämen müssen wollen. Ich weiß gar nicht, ob das politisch reicht. Aber man kann damit offensichtlich Zaren stürzen. Respekt.
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SCHÖNE NEUE WELT.
Wenn mein Internet-Verleger von den klassischen Medien spricht, nennt er sie „legacy“, was Erbe oder Vermächtnis meint. Allerdings schwingt dabei keine Ehrfurcht vor einem kulturellen Vermächtnis mit; es wird Verachtung zum Ausdruck gebracht vor den Alten Medien wie Zeitungen oder Fernsehen, denen die Welt der Neuen Medien entgegengehalten wird. Das Digitale blickt auf das Analoge herab.
Ich meine meinen Verleger im Netz. Er hat über die Jahre 15.000 Beiträge von mir gebracht. Die im Internet möglich gewordenen Sozialen Medien sehen sich als demokratische Foren, in denen die Nutzer (früher Leser oder Zuschauer genannt) das Sagen haben. Die Pressefreiheit der klassischen Presse war eine Einwegkommunikation; das Vermögen der Zeitungszaren ihre Meinung gedruckt zu sehen oder einer Politischen Klasse ihren Mainstream zu senden. Die Sozialen behaupten, dass eine solche Zensur bei ihnen nicht stattfinde.
Demokratie im Netz? Das ist eher naiv und eine politische Floskel. Gerade wenn ich meinen eingangs zitierten Verleger nehme, sieht man sehr deutlich, wenn man hinschaut, wie politische Inhalte der „far right“ gefördert werden. Das Netz zensiert nicht, es fördert gezielt. Natürlich bietet der Auswahlzwang des Mediums Zugang für offene wie verdeckte Förderung von Themen, hinter denen sich politische Intentionen verbergen. Algorithmus.
Gestern saßen bei meinem Italiener gleich vier oder fünf Köpfe der Alten Zeiten. Der große, sprich lange Chefredakteur der ARD und das Gerupfte Huhn, seine Korrespondentin aus Paris, der krakeelende BILD-Boss und der rechte Schweizer mit den schrecklichen Krawatten. An getrennten Tischen, eh klar. Alle pensioniert, viele schon Mitte 70. Sie alle erleben die Neuen Zeiten als Verfall.
Die Helden der Sozialen sieht man hier im Restaurant nicht, weil sie im Privaten irgendwo vor ihren Schirmen hocken und sich die Pizza von einem Sikh auf dem Fahrrad bringen lassen. Oder Berauschenderes vom einschlägigen Taxi. Derweil enttarnen sie Weltverschwörungen und gründen Bewegungen neu. Und dieserhalben fordern sie Redefreiheit für jedermann, auch den Roboter. Habe ich das zutreffend beschrieben?
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POLITIK DER WESTENTASCHE.
Wenn einer etwas GROSS tut, aber KLEIN ist, dann sprechen wir von einer Erscheinung für die Westentasche. Oder aus der Westentasche. Obwohl es nicht mehr so arg viele Männer gibt, die noch eine Weste mit diesen klitzekleinen Täschchen tragen. Billettasche, weil nur eine Theaterkarte reinpasst. Ich denke darüber nach, weil ein englischer Freund von „tin pot dictator“ spricht, wenn er einen Westentaschen-Napoleon sieht.
Der Tinpot war bei den britischen Teetrinkern ein recht billiges Geschirr, so etwas wie bei den Preußen der BLECHNAPF: „Wer einmal aus dem Blechnapf frass…“ Aber beim Westentaschen-Helden geht es nicht um Barras oder Knast, ganz im Gegenteil. Es geht um den Hang zu höherem. Dieser Held will an die Spitze. In’s Schloss. Wir reden vom Typ ANGEBER oder AUFSCHNEIDER. Wenn ein Bauer so tut wie ein Bürger, ein Großbauer wie der bessere Bürger. Bei dem Franzosen Moliere in dessen Stück über die SCHEINHEILIGKEIT: „le bourgeois gentil homme“, der betuchte Kleinbürger als Edelmann.
Der kurzzeitige Bundespräsident CHRISTIAN WULFF war ein solcher Westentaschenpolitiker. Ich räume mit allem Respekt ein, dass man ihm seinerzeit übel mitgespielt hat. Vor allem seine vermeintlichen Vasallen bei der BILD ZEITUNG, aber auch andere. Dass er charakterlich nicht aus dem harten Holz war, das Spitzenpolitiker ausmacht, zeigte erst seine Reaktion auf den eisigen Wind, der ihm ins Gesicht blies. Er selbst war mit anderen nicht zimperlich gewesen, also war man jetzt nicht zimperlich mit ihm. Seine Krise war dann am Ende seine eigene Krisen-PR.
Wulffs Gattin, eine studierte PR-Beraterin, wollte ihn und sich als das neue Rollenmodell des CAMELOT inszenieren, sprich als JOHN F. KENNEDY, der Zweite. Jungenhafter Charme und absolute Macht. Dazu war sein Hemd dann doch zu kurz. Wenn ein Hemd zu kurz ist, aber trotzdem angegeben wird wie BOLLE, dann sprechen wir vom Westentaschen-Politiker. Unter dem zu kurzen Hemd blickt man irgendwann, na ja, der nackten Wahrheit ins Gesicht.
Mein englischer Freund sagt, dass der Westentaschen-Kennedy, einmal unter Druck geraten, umfällt, und zwar nach rechts. Er nennt aus Ungarn Herrn Orban als Beispiel, der als Liberaler begonnen habe, aber als autoritärer Populist geendet sei. Ich spreche ihn auf seinen Prime Minister Boris Johnson an; er grinst: „Well, a tinpot dictator!“ Ein gutgelaunter, immer lächelnder Westentaschen-Diktator, sei der. Ein böses Urteil. Die Engländer lieben den Schwarzen Humor. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.