Logbuch

RAUM & ZEIT.

Büros, wie wir sie kannten, die wird es bald nicht mehr geben. Bürotürme in Innenstädten, zu denen Menschen jeden Tag wie Ameisen an- und abreisen, die weit draußen in Vorstädten leben, werden selten. Bürovölker, ganze Belegschaftsgruppen werden in die Heimarbeit geschickt und dort reduziert. Das spart, sagt der Herr im Fernsehen, Zeh-Oh-Zwei. Wir werden damit KLIMANEUTRAL. Er freut sich.
Die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Es geht nicht wirklich um das Klima. Denn die ABSONDERUNG & VERNETZUNG spart Kosten und erlaubt eine enorme Arbeitsverdichtung. Die atomisierten Rädchen, das Heer der Ameisen kontrolliert zunehmend der Computer, strenger als es der Herr Bürovorsteher vermocht hätte. Die beiden Ritter der Corona und der Digitalisierung sind zwei Reiter, die, obwohl weiß und schwarz, gut miteinander können. Sie reiten gemeinsam gegen RAUM & ZEIT.
Selbstständige kennen den Scherz: man arbeitet selbst und ständig. Jederzeit und überall. Jede und jeder für sich. Die Ketten dieser Sklaven sind aus einem Stahl, der WLAN heißt. Das Versprechen einer „work-life-balance“ im „agilen Zeitalter“ war eine Falle. Es geht um nicht weniger als um die Aufhebung von RAUM & ZEIT. Ich sehe apokalyptische Reiter am Horizont.

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NUTZLOS.

Jetzt habe ich mal nachgezählt. Fast dreihundert von den bunten Dingern haben sich im Laufe der Jahre bei mir angesammelt. Hat so viel gekostet wie ein Kleinwagen oder zehn, zwanzig anständige Anzüge. Man wird sie nicht mehr brauchen. No more Return on Investment. Was mache ich jetzt mit den Dingern?
Schon immer waren sie ein Signal; nicht ganz eindeutig, aber doch lesbar. Ein Symbol für Geschmack und Klasse, oder deren Fehlen. Es gab billige, schlimmer noch alte und billige. Es gab einfallslose. Auch alberne. Und für jede Periode das gediegene Exemplar. Eine ganze Zeit aus der Jermyn Str. oder von Dolce & Gabanna. Mit einem ironischen Innenfutter. So unterschied sich der „Herr“ in der First von dem Businesstrottel in der Business Class (später dann von der eigenen Einkaufsabteilung in die Eco verdammt).
Für die Geschäftsreise mit schmalem Gepäck gab es, wenn sparsam, drei Typen. Also, wenn man mal hinnimmt, dass das es Oberhemd am nächsten Morgen noch mal tut. Erstens: jeden Morgen frische Shorts, frische Strümpfe und neuer Binder. So sollte das sein. Zweitens: neue Krawatte, aber Socken wie Unterhose erneut genutzt, Slip nur gewendet. Drittens, was nun gar nicht geht: frische Strümpfe und neue Boxershorts, aber Binder vom Vortag. Ging gar nicht. So war das früher, als der moderne Mr. Joe Keser (sans cravatte) noch Herr Josepf Kässer (mit scharfem s) hieß.

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AUTOBIOGRAPHIE.

Ich lese die Lebenserinnerungen von STEFAN AUST und halte meinen Kopf in leichter Skepsis zur Seite geneigt, einem Lächeln, gelegentlich einen Grinsen Platz gebend. Der Mann hat einen feinen Humor und kann schreiben, auch wenn er das Gegenteil behauptet. Man bemerkt sein Bemühen, allfällige Irrtümer sanft zu korrigieren, um seinem Leben jenen SINN zu geben, der ihm gebührt. Er ist dabei mit großem Geschick den nachprüfbaren Fakten verpflichtet, während er die Wahrheit literarisch gestaltet. Halt ein Journalist.
Man wird von mir kein böses Wort über Stefan Aust hören. Ich schätze ihn sehr. Wir haben ein, zwei Dinge zu Wege gebracht. Mehr zu sagen wäre unangemessen, ja undankbar. Einen Journalisten aus dem Mund eines PR-Mannes gelobt zu hören, das hat unhinderbar einen Nachgeschmack. Also lasse ich das.
Was man an Gestaltungswillen in jenen Zeiten erahnt, die man nicht als Zeitzeuge beurteilen kann, wird in jenen Kapiteln zur Gewissheit, wo man mit eigenen Erinnerungen zu kämpfen hat, weil man dabei war. Eine Autobiographie ist die nachträgliche Anlage eines LEBENSPLANS im erläuternden Rückblick. Den Zufällen entzieht man so das Belanglose. Endlich macht alles im Leben SINN, jedenfalls vieles. Eine lohnende Lektüre, weil gute Literatur.

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HEIMATLOS.

Karl Marx, der Bärtige aus Trier, war der Meinung, dass der PROLETARIER keine Heimat habe. Er wollte, dass sich die Arbeiter aller Länder vereinen. „Völker, hört die Signale…“ Man solle sich nicht im Kampf verfeindeter Nationen für die jeweiligen KAPITALISTEN abschlachten lassen. Sondern die SOZIALE FRAGE stellen. NATIONALISMUS hielt er für eine kleinbürgerliche Krankheit, wenn nicht eine üble Propaganda der Bourgeoise. So weit, so klug.

Und er hat gesagt: „Jede Kritik beginnt mit der Kritik der Religion.“ Sie sei, politisch betrachtet, „Opium für das Volk“. Er meinte damit jedwede Religion. Noch klüger. Und ich bin groß geworden mit dem Ressentiment gegen FLÜCHTLINGE aus dem Osten, die sich als Heimatvertriebene sahen; manch reaktionäre Töne aus deren Mund und manche Abstoßung durch die Ansässigen.

Also, was die HEIMAT angeht, da hatte er Unrecht, der Bärtige aus Trier. Heimatlos ist nur das Kapital; ihm ist es egal, in welchem Land es auf dem Konto liegt. Und wo es seine Steuern nicht zahlt. Man soll das Kapital dafür nicht schelten, höre ich. Man sagt mir, das Kapital sei ein scheues Reh. Das stimmt nicht so ganz. Dieses Reh ist nicht Bambi; es ist eine notorische Wanderhure. Damit will ich nichts gegen Huren oder Wanderer gesagt haben.
Menschen haben eine Heimat, an der ihr Herz hängt. So wie Kinder Eltern haben sollten, an denen ihr Herz ein wenig hängt. Jedenfalls bis sie dann erwachsen sind. Vielleicht entsteht für die Wanderer, sprich Migrantinnen und Migranten, eine neue Heimat; vielleicht auch eine neue Liebe, aber die alte bleibt. Alle Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, bleiben , was das angeht, sentimental; das muss man verstehen.

Deshalb sehe ich jeden GASTARBEITER, wenn man darunter mal alle Migrantinnen und Migranten fassen darf, mit Respekt. Übrigens muss man über seine Gefühle nicht seinen Verstand verlieren. Viele sind froh, dass sie ihre Heimat verlassen konnten und wenige wollen zurück. Ich selbst bin mit Emscherwasser getauft und die Familie kam historisch aus Ostpreußen, jetzt Russland. Da möchte ich heutzutage nicht tot über‘n Zaun hängen. Aber ich sehe die Sentimentalität der vermeintlich Heimatlosen mit Respekt.