Logbuch
BIOTOP.
Ein Altertumsforscher, der seinen lieben langen Tag auf Fossilien starrte und dieserhalben behauptete, sie hätten ihm etwas über sich und ihre Geschichte erzählt, scherzte mal zu den Vorzügen seines Fachs: „Wenigstens bewegen sie sich nicht mehr.“ Der Höhlenforscher konnte seinen Gegenstand bequem fixieren. Das ist, nun komme ich zum Punkt, dem Soziologen nicht so ohne weiteres gegeben.
Das wirkliche Leben ist flüchtig. Nur der Zoo hat Gitter, aber es ist nicht mehr die wirkliche Wildnis, die da in Käfighaltung vegetiert. Wollte man die politische Wirklichkeit unserer Zeit und unseres Landes einfangen, wird es noch schwieriger. Daraus gibt es zwei Fluchten. Die eine wählen die Dampfplauderer aus Geschichts- und Politikwissenschaft, indem sie ins Generelle fliehen und Allerweltsweisheiten von sich geben. Modell Münkler. Das ist aber genaugenommen bloßes Feuilleton.
Die andere Flucht liegt im Treibsand der Empirie, in der Bereitschaft, zu beobachten statt zu belehren. Dazu muss man das Tier aber präparieren können. Es darf sich für die Untersuchung halt nicht mehr bewegen. Für das Forschungsprojekt über unsere Politische Klasse habe ich einen Vorschlag. Wir müssten dazu einen Musikdampfer entführen und in einem versteckten Hafen zur genauen Analyse eine Weile festlegen. Dann gelänge ein synchroner Schnitt durch das, was man die Politische Klasse nennt.
Bei dem Dampfer hätte ich an die „Havel Queen“ gedacht, die gestern in Berlin- Tegel ablegte, mit 450 Passagieren an Bord. Nichts kann repräsentativer sein als die Spargelfahrt der Seeheimer, jüngst zum 65. Mal veranstaltet. Eine wirklich perfekt organisierte Party. Die Seeheimer sind der rechte Flügel der SPD, die früher Kanalarbeiter hießen, was passt. Man will Politik mit Leidenschaft, aber Augenmaß (Selbstbeschreibung). Großzügig und ordentlich bewirtet lauscht die Meute ihren Leitfiguren und anderen. Jep, der bayrische Ministerpräsident Markus Söder hält eine stramme Ansprache; der CDU-Kanzler hat das Lindemännchen geschickt, zu den Sozen. Der Versuch des Vizekanzlers und SPD-Vorsitzenden etwas zu sagen, ist nicht der Rede wert; es war auch keine.
Dinner mit Spargel und Bier wie Wein. Dann drei Stunden auf dem Sonnendeck in lauschiger Sommernacht Party. Ich sehe Abgeordnete, Minister, Beamte, Zuschläger und jede Menge Lobbyisten; manche mit Zukunft, alle mit Vergangenheit. Namen werde ich nicht nennen, das sollen die Journalisten tun, die hier auch herumgieren. So, dieses Biotop entführt und für eine DFG-Horde von Wissenschaftlern in einem versteckten Hafen ein Jahr auf Eis gelegt und fein säuberlich seziert. Das wäre ein „opus magnum“, das Standardwerk; so was wie Brehms Tierleben über das politische Habitat. Da fällt die Ordnungswidrigkeit einer kleinen Entführung doch nicht weiter ins Gewicht. Beim der nächsten Spargelfahrt schleusen wir die einfach wieder mit ein.
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PHILOSOPH BLEIBEN.
Der amtierende amerikanische Präsident bricht ein TV-Interview vor laufender Kamera ab und nennt die ihn befragende Journalistin bestochen oder blöd; irgendwas in der Liga. Er flieht sichtlich erzürnt. Nicht sehr souverän für einen Souverän.
Begrifflich: Ein Interview ist kein Gespräch. Die Journalisten sprechen untereinander von Grillen und Zerlegen, sehen im Gast als nur ein Brathuhn. Da ist es kein Wunder, wenn der Vogel das „chicken“ gibt und vermeintlich feige flieht. Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.
Besonders markig sind jene Interviewer, die einen Knopf im Ohr haben, über das Scharfmacher aus dem Hinterzimmer ihnen neue Gemeinheiten zuflüstern. Mit dieser Alimentation gibt der Fragende dann den Gnadenlosen. Ich sehe die Überheblichkeit schon in der Pose. Ach, wie abgeschmackt.
Die Mutter aller knallharten Interviews war auf BBC der „Hard Talk“; wenn auch eher durch tiefgründige Recherche als durch gezielte Beleidigung. Man lernt das in Oxbridge an der Uni, scharf zu fragen. Für manchen versierten Lügner wurde es ein Opfergang.
Neuere Formate setzen auf Intimität und Dauer: Niemandem gelingt es, wenn umschmeichelt, über Stunden seinen wahren Charakter zu verbergen; so das Kalkül. Die Wirkung in den Sozialen entsteht dann nachträglich und für immer durch die Schere. So entstehen dann jene „Sound Bites“, die den Tag überdauern.
Man sagt Politikern nach, dass sie an keinem Mikro vorbeigehen können. Mein Rat: Willst Du was gelten, mach Dich selten. Das beste Interview ist das vermiedene. Hättest Du geschwiegen, wärst Du Philosoph geblieben.
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DIE UHR.
Woran erkennt man den Charakter eines Menschen? Wie erhellt man, wes Geistes Kind er ist? Die alten Römer veranstalteten dieserhalben Saufgelage; sie waren der Auffassung, dass der Mensch im Zustand der Weinseligkeit die Gabe zur Verstellung verliere, man also seine finsteren Absichten entdecken könne. Das Konzept klappt nicht, da im Vollzug dessen beide besoffen, sprich ihrer Urteilskraft verlustig.
Aber man versteht schon die Nöte eines Personalchefs, der eine wichtige Position zu besetzen hat und der Papierfassung des Kandidaten misstraut. Ein alter Hase des HR-Gewerbes gibt mir einen Tipp zur Auswahl des höheren Angestellten: Achte auf die Uhr. Gemeint ist nicht die Zeit als solche, sondern das Chronometer am Handgelenk. Wenn der Wecker nix taugt, taugt der Kerl nix. Gute Hypothese.
Zeit über einen neuen, weiteren Herrn K. zu reden, wie hier häufig. Jetzt widmen wir uns „Klaus von der Kö“, ein sehr erfolgreicher Uhrenhändler aus dem Pott, der sich an Düsseldorfs Edelmeile einen Ruf erworben hat mit dem Verramschen teurer und sehr teurer Armbanduhren. Sein Publikum ist möglicherweise von überschaubarer Bildung, aber sicher unbegrenzt geltungssüchtig. Man erkennt den Idioten als Experten schon daran, dass er nur „full set“ kauft; das meint mit dem originalen Karton und Quittung. Als wenn es schwer sei, nach der Uhr auch das zu fälschen. Fälschungen nennen sich „Blender“; hübsch, passt auch auf den Träger.
Zu Herrn K.: Klaus ist der Prototyp des Proletenmillionärs, er fährt ostentativ Rolls Royce und pafft dicke Zigarren. Der Mann redet von sich in der dritten Person als „Pappa“ und macht Mörderumsätze mit „Pepsi“ und anderen Osnicken (Rotwelsch für Handgelenkswecker). Pepsi ist ein gängiger Spitzname wegen der Farbgestaltung der Drehlünette, eine gängige Rolex, aller Ehren wert.
Ich werde hier keine Stillehre der edlen Uhren versuchen; da kann man nur scheitern, insbesondere wenn die Preise in die Höhe von Mittelklasse-PKW oder gar Einfamilienhäuser steigen. Ich liebäugle allerdings mit „Big Pilot‘s Watch Perpetual Calender Le Petit Prince Ref. 3396“, ein Klasse Wecker von IWC Schaffhausen. In Keramik für 40k.
Eigentlich trage ich Sinn. Meine Sinn-Uhren hat mir noch der alte Sinn selbst verkauft; er muss da schon weit über 90 gewesen sein. Pilots never die! Flieger sterben nicht, sie fliegen nur höher, sagte er mir. So jetzt ist es raus: Man braucht für die Uhrenwahl vor allem eine gute Geschichte. Habe ich schon erzählt, wie ich beim Dornblüth in Sachsen-Anhalt war? Also, das war so…
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SEHNSUCHT.
Mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin geht etwas, das mir nicht fehlen wird. Sie definierte als Wesenskern des WEIBLICHEN auf ihrer letzten Bundespressekonferenz die „Sehnsucht nach Effizienz“. Meint: Nicht immer diese komplizierten Männer und ihre Prinzipien ertragen zu müssen, sondern einfach mal das ALTERNATIVLOSE ohne Räsonnieren der Machos regeln können. Mutti machen lassen. Meint: RIGOROSER PRAGMATISMUS. Und das meint: FLEXIBLER NORMALISMUS. Das bin ich leid; ich bin es sogar sehr leid.
Ich kenne diese Politikerin persönlich wohl seit 30 Jahren (sie war stellvertretende Sprecherin von Lothar de Maizière und ich in der Gaswirtschaft) und habe sie davon 16 Jahre im Kanzleramt beobachtet, sie meint das so. Sie hält sich für eine Naturwissenschaftlerin, ist aber im Kern preußische Pfarrerstochter mit weltpolitischer Ambition. Das ist geistesgeschichtlich das ewig nüchterne Protestantische, in dem „etwas mit seiner Zeit anzufangen wissen“ (Merkel) schon als Sehnsucht gilt. Mein Gott, Sehnsucht… Politik nicht als „Recht auf Glück“ (happiness). Weniger und anderes wird gewollt: Mutti einfach mal machen lassen. Ideologie ist eine variable Größe, auch Prinzipien sollen nicht überbetont werden. Ja, den Herrgott achten, aber im lutherischen Verständnis: nur die EXEGESE schafft die Wahrheit. Ha, das ist der Kern!
Wahr ist, was wir, die nüchternen Christeninnen, aus der Bibel herauslesen. Das meinte Luther mit „sola scriptura“! Nicht nur der Schriftgelehrte, jeder Laie mit der Familienbibel auf dem Küchentisch, darf da reinlesen, was er lesen möchte. Die Laien-Lektüre hat oberste Gültigkeit, und zwar die jeweilige. SITUATIV ANGEPASST. Und ansonsten: Mutti machen lassen. Ich werde diesen radikal pragmatischen Protestantismus nicht vermissen. Allerdings fürchte ich, dass MAMA BÄRBOCK da nicht besser ist. Eher radikaler. Und der Katholik LASCHET zeigt sich als ein Weichei. Oh je. Kann ich diesen SCHOLZ noch mal sehen?