Logbuch

UND ER ERKANNTE SIE.

Ich lese seit langem wieder mal einen Roman, der mich nicht nur insgesamt zunehmend fesselt, ich bin auf das Ende wirklich gespannt, sondern den ich auch in sehr vielen Details als wirklich bereichernd empfinde. Große Literatur. Christoph Peters, Innerstädtischer Tod. Luchterhand. Manches in den Inneren Monologen der dort sich erklärenden Figuren ist für mich von beiläufigem Interesse, anderes von geradezu explodierender Spannung oder tiefer Erheiterung. Oft zu meiner Skepsis gegenüber investigativen Journalisten.

Aber da lese man selbst. Es wird ein Kaleidoskop metropoler Charaktere gegeben, hinter denen mehr oder weniger leicht Zeitgenossen zu erkennen sind. Oder vertraute Orte erscheinen äußerst zutreffend beschrieben, und sei es nur ein Restaurant (die Kantine) oder eine Hotelbar (die des Hyatt, im Roman Regent genannt). Große Themen, nichts Geringeres als die Frage nach der übermächtigen, aber völlig hohlen Attraktivität von Sex. Oder kleine Beobachtungen, die man als ungemein typisch empfindet. Lesefrüchte.

Nur ein Beispiel. Über einen Skandalbericht in der Hauptstadtpresse, es geht um die angeblich sexuellen Übergriffigkeit eines Galeristen Damen der Gesellschaft gegenüber, heißt es, dass man dem Wortlaut des Artikels anmerken konnte, dass er bis in jeden Nebensatz von den Verlagsjuristen frisiert worden sei, weil man sich seiner Geschichte eigentlich nicht sicher gewesen sei, trotz der so häufig angeführten Eidesstattlichen Versicherungen, die man dort anonym anführe. Bingo!

Das ist voll auf die Zwölf. Wer meinen Job einige Jahrzehnte gemacht hat, der riecht das, was eine dünne Geschichte des allfälligen Rufmords ausmacht, die die Äußerungsrechtler des Verlags wasserdicht gemacht haben, weil sie wissen, wie dünn die Faktenlage ist und ahnten, das das vor Gericht nicht hält, was schlechtgelaunte Ideologen da in übler Absicht zusammengerührt haben. Nur ein Detail unter zahlreichen Beobachtungen, aber für den kundigen Thebaner ein Moment der Erkenntnis im biblischen Sinne. Du riechst, wie sie sich in ihrer Story winden, um aus der Mücke doch noch den Elefanten zu machen und eine tiefe Skepsis sagt Dir: Da stimmt was nicht; auch dieser Skandal ist konstruiert.

So wartet also ein Reigen von Inneren Monologen mit einer bitter heiteren Weltsicht auf. Der geneigten Lektüre anzuempfehlen.

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VATER STAAT.

„Der Staat, das bin ich!“ Dieser Satz hallt in uns aus fernem Geschichtsunterricht nach. Das ist der feudale Absolutismus, der hier spricht; dessen adeliges Haupt die Französische Revolution dann unter die Guillotine legte. Plopp, lag der gepuderte Schädel im Korb. Daran denke ich, während der Hegemon unserer Tage in seinem privaten Golfclub Staatsoberhäupter vorführt. Was ist unseren Herzen der Herrscher?

Bei Vater Staat denken wir an den Familienvater, der die Seinen pflegt und hegt („pater familias“). Die Frommen unter uns vielleicht sogar an den Vater im Himmel, Gottvater. Im Politischen sind es vor allem die Linken, die hier ein Sehnen empfinden, weil dieser Vater ihnen gönnen soll, was die Klassengesellschaft verweigert. Oder die Katholischen, die ihren Herrscher ohnehin schon Papa oder Papst nennen.

Der Blick der Liberalen ist skeptischer. Sie wähnen sich erwachsen und scheuen Bevormundung. So denkt ja auch unsere Verfassung; das Grundgesetz bestimmt vor allem, was er nicht darf, der Herr Vater als Machthaber. So soll er seine Gewalten teilen, damit sie sich gegenseitig im Zaum halten. Und sich der Zensur enthalten. Die Stimmung ist eher so, als sei er ein böser Onkel, auf den man aufpassen müsse.

In diesem Terrain treffen wir auf den „sugar daddy“, der zwar noch auf Englisch Papa heißt, aber als solcher gegen das Inzesttabu verstößt. Der sprichwörtliche Zuckerpapi ist ein älterer Herr in Spendierhosen, der sich die Gunst sehr viel jüngerer Damen sichert. Sagen wir es klar und deutlich: Das ist Nuttensprech für einen Freier, wenn nicht Zuhälter. Von Herrn Eppstein wird so etwas berichtet, der mit Frau Maxwell eine veritable Kupplerin beschäftigte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Eine grundlegende Skepsis gegenüber dem Staat herrscht mit der Moderne, sagen wir mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert. Für Thomas Hobbes ist er gar ein veritables Ungeheuer; er bemüht das Horrorbild des Leviathan aus der jüdischen Mythologie. Der Staat als Leviathan ist das Böse schlechthin, auf das sich die Bürger einer Gesellschaft einigen, damit sie unter seiner Fuchtel in Fried und Eintracht leben können. Sie gewähren ihm das Gewaltmonopol, um sich darunter untereinander von einer besseren Seite zeigen zu können. Staat ist immer paradox.

Insofern schrecken mich die Bilder aus Schottland nicht. Wenn man nur hoffen könnte, dass der Sugar Daddy seine Versprechen hält. Dann sollen mir die 15%, die Frau vdL, genannt Röschen, mit ihm verhandeln hat, recht sein.

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DIE KAUENWÄRTER.

Meinen Großvater väterlicherseits habe ich nur als junger Bengel gekannt, der seinen wortkargen Erzählungen, oft nur Episoden oder Spitznamen lauschte, ohne sie ergründen zu können. Er war ein einfacher und stolzer Mann, der sein gesamtes Berufsleben lang Nachtschichten im Ausbau verfahren hatte; als Rentner in seiner Siedlung zum Knappschaftsältesten gewählt. Sonntags trug er zum Anzug und Mantel einen steifen Hut.

Heinrich verachtete Schwätzer. Er war ein ostpreußischer Protestant und seine oberschlesischen Kumpel, polnisch sprechende Katholiken, durften seines Spottes über Antek & Frantek sicher sein. Er hasste den Barbara-Kult. Die tiefste Verachtung aber legte er in die Verballhornung eines Zeitgenossen als „Kauenwärter“. Damit hatte es folgende Bewandtnis.

Bergleute fahren über eine Weißkaue an und legen in einer Schwarzkaue ab. Dort steht dann eine ganze Schicht unter einer Dusche, nackt und dreckig und bereit, sich gegenseitig den Rücken zu schrubben. Man kannte sich. Das ist kein Ort der Förmlichkeiten. Vorher hatte man gemeinsam im Loch sein Leben riskiert. Und irgendwann hat der Steinstaub allen die Luft genommen. Der Begriff Kumpel hat in dieser Welt einen sehr konkreten Inhalt.

Die Einrichtung von Schwarz- und Weißkauen war eine Verbesserung elender Arbeitsbedingungen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Infektionskrankheiten war vorzubeugen. Und irgendjemand musste die Massendusche sauberhalten. Man übertrug dies jenen Invaliden, die nicht mehr vor Kohle konnten. Und diese Jungs hatten eine halbe Schicht Zeit, dummes Zeug zu reden, bis sich die Schwarzkaue wieder füllte. Dort trafen sie dann auf die Verachtung der wirklichen Helden.

Dem Assessor gebührte eine Steigerkaue, mit Wanne. Für Antek & Frantek unerreichbarer Luxus. Und von den sogenannten Kauenfrühstücken der Steiger, da wüsste ich auch zu berichten; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jedenfalls klingt mir noch die abgrundtiefe Geringschätzung in den Ohren, mit der der Hauer Heinrich Kocks jemand einen „Kauenwärter“ nannte.

Deformation professionell. Man hört mit diesen Ohren das woke Geschwätz unserer Tage anders als die Blasierten, die es trällern. Vor Hacke ist duster. Glückauf.

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BRO.

Ich verbrüdere mich nicht gern. Zu oft steckt hinter der Kumpanei eine minder hübsche Absicht der schlichten Vereinnahmung. Über die Scheu vor Fraternisierung.

Eine Schauspielerin fragt in einer Talkshow: Woran fehlt es einer kriegerischen Welt? Man versteht die Frage. Und ist doch irritiert über ihre Naivität. An Brüderlichkeit? Die französische Revolution des 18. Jahrhunderts hat die uns zusammenführende Qualität FRATERNITE genannt, Brüderlichkeit. Die Getto-Kids reden sich so an: „Bro“ ist kurz für „Brother“ im Sinne einer „Brotherhood of Man“. Eine universelle Kategorie. Alle Menschen werden Brüder.

Aber die jungen Männer muslimischen Glaubens und nordafrikanischer Herkunft, die gerade die französischen Vorstädte bespielen, meinen das eher ausgrenzend. Brüder sind Glaubensbrüder, eigentlich Stammesmitglieder und Schicksalsgenossen aus einer gewaltgestützten Sozialisierung, die die gescheiterte Integration als Pauper und Paria festschreibt. Zusammengeschweißt hat sie auch die Abscheu des Staates, der sie wie Schmutz behandelt, der „weg gekärchert“ (Nicolas Sarkozy) werden muss. Klassenkampf von oben.

Die Zubilligung von Brüderlichkeit geschieht immer selektiv. Sie ist ein emotionaler Zusammenschluss einiger unter der gleichzeitigen Bedingung des Ausschlusses aller anderen. Wo sich Glaubensbrüder so benennen, als Brüder und Schwestern, demarkierten sie zugleich eine Welt außerhalb dieser heiligen Familie. Man bezieht ein, um auszugrenzen. Ich sage es im Klartext: Mir gefällt das nicht.

Die linke Tradition der Anrede als Genosse hat unter dem Vorschein des Gemeinschaftlichen auch etwas von diesem Prinzip des Ausgrenzenden. Das gilt auch für die Freunde der Freimaurerei oder des Rotarischen. Das ist die soziologische Klippe der Fraternität. Es gibt zudem eine ideengeschichtliche.

Ich lese in Berlin in einer Seitengasse der Friedrichstraße eine Inschrift zu einem Ereignis aus dem Revolutionsfrühling von 1848. Die preußischen Truppen hatten sich geweigert, weiter auf Aufständische zu schießen, die die Fahne der bürgerlichen Freiheit auf die Barrikaden gepflanzt hatten. Man feiert das VORMÄRZ-Ereignis hier mit Versen von Freiligrath:
„Es kommt dazu trotz alledem /
Daß rings der Mensch die Bruderhand /
Dem Menschen reicht trotz alledem!“

Dem Menschen die Bruderhand reichen. Selten genug.