Logbuch
DIE KLEINE DIENERIN.
Selbst mein kleiner Italiener bietet sie noch, wenn auch in einem weißroten Caro, aber mein Franzose hat sie aufgegeben, stelle ich in der letzten Woche fest. Und er spart sichtbar am Blumenschmuck. Immer war es ein großes Vergnügen zu Beginn ihrer Schicht die standesgemäß weiß beschürzten Kellner beim Serviettenbrechen zu sehen. Das Damasttuch für den Gast wurde mit fast japanischer Kunstfertigkeit gefaltet.
Aus dem Lateinischen entlehnt nennt sich dieses wunderbare Mundtuch kleine Dienerin, Serviette eben, und gehört zu einer anständigen Restauration wie das Tischtuch. Roland Mary hat es im Borchardt zwischenzeitlich abgeschafft und einen Papierlappen angeschleppt, mit dem sich der Gast Mund und Hände reinigen soll. Aus der Metro, Herr Mary? Ein tiefer Fall für die ehedem stilvolle Brasserie, die die politische Klasse zu Berlin nur „die Kantine“ nennt. Digga, ich schnäuze doch auch nicht in ein Tempo.
Man nutze eine Serviette ohnehin nicht für grobe Reinigungsarbeiten, dazu gibt es ein Schälchen warmen Wassers und eine halbe Zitrone. Das Ding gehörte auf den rechten Oberschenkel und war ein gestärktes Textil. Nur der Vietnamese an der Ecke, der so tat als sei er Thai, hatte diese elenden Feuchttücher in Aluhüllen, die nicht zu öffnen waren, jedenfalls nicht mit öligen Fingern. Noch übler die einseitig bedruckte Papierserviette, die sich, sobald angefeuchtet, schlicht auflöst. Ekelhaft.
Niemand kocht heute noch in der Kneipe Tischwäsche; vermute ich, ich jedenfalls könnte es gar nicht, da ich mich mit weißer Ware überhaupt nicht auskenne. Diese Maschinen namens Miele sind mir ein Mysterium. Bei der Besichtigung eines Fachbetriebes mit Politikern habe ich mal gelernt, dass man heutzutage Wäsche leiht. Ganze Berufskleidungen kommen so an den Mann, Bettwäsche in Hotels allemal und eben, wenn die Restauration was taugt, die Tischwäsche, sprich die große und die kleine Dienerin.
Aber die Papierwesen sollen ja allerorten Einzug gehalten haben, wo einst Kochwäsche ihren treuen Dienst tat, jedenfalls waschfähige Textilien. Das ist aber nun wirklich, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Natürlich nutzt der Gentleman das weiße Einstecktuch auch als Taschen- und Mundtuch, wenn es die Not erfordert. Es verschwindet danach halt nicht mehr im Revers, sondern der Hosentasche.
In der Brasserie erwarte ich nunmehr das Eintreffen von aluverpackten Butterstückchen, Senftöpfchen und von Glückskeksen. Dann dürfte aber auch Schluss mit den alten Preisen sein. Ich habe da für 0,1l offenen Riesling 14€ das Gläschen gezahlt. Das sind 98€ die Flasche, eine Kachel! Über die Raritätenkarte edler Weine schweigt des Sängers Höflichkeit. Und dann Papierservietten? Nö, nä.
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EINFACHE SPRACHE.
Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk, sprich die durch Zwangsabgabe finanzierten Staatssender, ernten viel Kritik, weil sie sich zu einer Art Volkspädagogik ermächtigt fühlen, die das Volk stets belehren und gelegentlich unterhalten darf. Obwohl nur lose beaufsichtigt, sind die Anstalten doch IDEOLOGISCHE STAATSAPPARATE. So wie Kindergärten und Schulen und auch Universitäten, wenn auch mit wachsenden Freiheitsgraden.
Der Schulzwang mag seine guten Gründe haben, jedenfalls endet er bei Erwachsenen; nicht so im ÖRR, der mich in der Mischung von Machtanspruch und kärglichem Versagen oft an andere Behörden erinnert, etwa die Deutsche Bahn, die zwar mein Geld kostet, quasi staatlich daherkommt, aber eigentlich rundum versagt. Ein privates Unternehmen in einem intakten Wettbewerb könnte sich das nicht erlauben. Zum Glück gibt es im Medialen ja Konkurrenz.
Der neueste Spott über die Haltungsagitatoren löst das Unterfangen aus, eine Nachrichtensendung in EINFACHER SPRACHE anzubieten. Das ist er in Reinform, der Volkspädagoge. Aber halt! Der Spott ist hier fehl am Platze. Darf ich meine absolute Lieblingssendung anführen? Ich rede von der SENDUNG MIT DER MAUS. Einhellige Freude, großes Kino. Drei Generationen sitzen vergnügt und zugleich wohlerzogen vor der Kiste. Bravo! Bitte auch über die großen Themen viel mehr von der Maus!
„Das ist Olaf. Olaf grinst nicht nur dumm, er ist es auch. Olaf spricht einfache Sprache. Annalena übt noch. Da kommt auch noch Robert. Er liest gleich was vor. Aus einem Buch, das er selbst geschrieben hat…“
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EDELFEDERN.
In der Nacht von Montag auf Dienstag fand in Berlin eine Preisverleihung statt, die in dreizehn Kategorien die vorzüglichsten Journalisten ausgezeichnet hat. Ich sehe mittags im Borchardt die letzten Reste davon an Nachbartischen. So den hochwohlgelobten Verlagsleiter eines Hamburger Wochenblattes, das man mit einigem Recht als das Zentrum der klebrigen Doppelmoral bezeichnen kann.
Moment mal! Es ist Differenzierung angebracht. Differenzierungen. Erstens ist ein Verlagsmops kein Journalist. Er ist ein Vertriebsonkel, der Leserreisen und Kaffeemaschinen für Abos vertickt. Journalisten hassen ihre Verlage („Stalin kann kein ganz schlechter Mensch gewesen sein; er hat in seiner Jugend einen Verleger ermordet.“)
Zweitens zeichnen die Journalisten sich bei diesen Preisverleihungen selbst aus. Das Ganze hat eine Selbstbezüglichkeit, die eigentlich gegen das professionelle Onanieverbot verstößt. Drittens gehören die Branchenblätter, die die Selbstbeweihräucherungen vornehmen, inzwischen zum aller größten Teil einem PR-Verleger. Public Relations Manager sind aber die sozialen Gegenspieler der Journalisten. Es loben also die Gegenspieler ihre Gegner. Wie eitel kann man sein?
Viertens ist das Ganze pure Nostalgie. Es gibt die hier gefeierten Zeiten nicht mehr (wenn es sie je gab). Die moderierende Winzertochter ist eine Pensionistin in den Gnaden eines österreichischen PR-Verlegers, aber keine Heroine freier Presse. Ach, Annette. Fünftens ist die gefeierte Profession im überwiegenden Teil der Medien kein Beruf mehr, sondern ein exzessives Laienhobby. Die Türhüter („gatekeeper“) von gestern sind längst das Tor los; jeder Pubertant hat heute ein Blog. Oder eben jeder zweite Rentner. De te fabula narratur.
Sechstens sind Verleger keine Bonvivants und Pfeffersäcke mehr, die ihren Geschäften, Geliebten und Gesinnungen nachgehen („Ich bin meinem Geld nicht böse“, sagte man bei der WAZ), sondern smarte Knechte der Börse, die danach streben, endlich KI schreiben zu lassen. Siebtens war auch der noch immer amtierende Chefredakteur der SZ da.
Zur Süddeutschen Zeitung wüsste ich einiges zu sagen, zu früheren Führungen und der Rund-um-Dilletanz der aktiven. Fortgesetzte Verletzung der Fürsorgepflicht. Nein, das Problem ist nicht der Plagiatsjäger, über dessen Motivation er selbst ja keinen Zweifel lässt, sondern die Führungskultur. Aber das betrifft mich nicht als Informanten, mehr bin ich dort nicht. Ich sage es aus alter Empathie.
Jetzt, achtens, zu den professionellen Raritäten. Es gibt sie noch, die großen Edelfedern. Oder TV-Heldinnen. Nicht mehr viele, aber einige wenige. Und darunter auch solche, die von ihren eigenen Häusern geächtet wurden. Der NDR ist ein solcher Sauladen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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BRO.
Ich verbrüdere mich nicht gern. Zu oft steckt hinter der Kumpanei eine minder hübsche Absicht der schlichten Vereinnahmung. Über die Scheu vor Fraternisierung.
Eine Schauspielerin fragt in einer Talkshow: Woran fehlt es einer kriegerischen Welt? Man versteht die Frage. Und ist doch irritiert über ihre Naivität. An Brüderlichkeit? Die französische Revolution des 18. Jahrhunderts hat die uns zusammenführende Qualität FRATERNITE genannt, Brüderlichkeit. Die Getto-Kids reden sich so an: „Bro“ ist kurz für „Brother“ im Sinne einer „Brotherhood of Man“. Eine universelle Kategorie. Alle Menschen werden Brüder.
Aber die jungen Männer muslimischen Glaubens und nordafrikanischer Herkunft, die gerade die französischen Vorstädte bespielen, meinen das eher ausgrenzend. Brüder sind Glaubensbrüder, eigentlich Stammesmitglieder und Schicksalsgenossen aus einer gewaltgestützten Sozialisierung, die die gescheiterte Integration als Pauper und Paria festschreibt. Zusammengeschweißt hat sie auch die Abscheu des Staates, der sie wie Schmutz behandelt, der „weg gekärchert“ (Nicolas Sarkozy) werden muss. Klassenkampf von oben.
Die Zubilligung von Brüderlichkeit geschieht immer selektiv. Sie ist ein emotionaler Zusammenschluss einiger unter der gleichzeitigen Bedingung des Ausschlusses aller anderen. Wo sich Glaubensbrüder so benennen, als Brüder und Schwestern, demarkierten sie zugleich eine Welt außerhalb dieser heiligen Familie. Man bezieht ein, um auszugrenzen. Ich sage es im Klartext: Mir gefällt das nicht.
Die linke Tradition der Anrede als Genosse hat unter dem Vorschein des Gemeinschaftlichen auch etwas von diesem Prinzip des Ausgrenzenden. Das gilt auch für die Freunde der Freimaurerei oder des Rotarischen. Das ist die soziologische Klippe der Fraternität. Es gibt zudem eine ideengeschichtliche.
Ich lese in Berlin in einer Seitengasse der Friedrichstraße eine Inschrift zu einem Ereignis aus dem Revolutionsfrühling von 1848. Die preußischen Truppen hatten sich geweigert, weiter auf Aufständische zu schießen, die die Fahne der bürgerlichen Freiheit auf die Barrikaden gepflanzt hatten. Man feiert das VORMÄRZ-Ereignis hier mit Versen von Freiligrath:
„Es kommt dazu trotz alledem /
Daß rings der Mensch die Bruderhand /
Dem Menschen reicht trotz alledem!“
Dem Menschen die Bruderhand reichen. Selten genug.