Logbuch
SCHWEDENKISTE DIE ZWEITE.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts machte sich ein thüringischer Pfarrer und Heimatforscher namens Carl Lerp an eine randvolle Kiste von Dokumenten aus dem späten achtzehnten Jahrhundert. Er war auf eine Anweisung gestoßen, wie der Schatz zu ordnen sei. Sein verdeckter Instrukteur war kein geringerer als HERDER.
Es sind über 6000 Dokumente auf mehr als 20.000 Seiten, die Lerp mit mutiger Hand auf Pappdeckel leimt; am Ende bewältigt der Gothaer Buchdruck das Werk zwischen 20 Foliodeckeln. Die Briefe sind durchgängig codiert: die Orte Thüringens im Griechischen verklausuliert und eine fiktive persische Zeitrechnung angewandt. Selbst HERDER nutzt mehrere Schreiber, damit seine Handschrift rätselhaft bleibt. Es folgt eine Odyssee über Jahrhunderte. Von den Nazis beschlagnahmt, hatte die Rote Armee die Bände der SCHWEDENKISTE nach Moskau entführt.
Genau genommen kommen neunzehn Bände nach dem Zweiten Weltkrieg zurück ins Geheime Staatsarchiv der DDR; der Band X fehlt zunächst. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es geht mir um die handelnden Personen im 18. Jahrhundert. GOETHE wird hier zu Unrecht genannt. Ich habe SCHILLER eher im Verdacht. Ganz sicher bin ich, was HERDER angeht. HERDER kannte die ganze Kiste und er war Illuminat.
Woher stammt mein Verdacht? Nun, aus den Aufzeichnungen eines seiner Freunde, des Verlegers HARTKNOCH aus Riga. Das ist auch die Brücke zu den Freimaurern in Stockholm (Partnerstadt Rigas), denen die Kiste ex Gotha zu Beginn des 19. Jahrhunderts zugedacht wurde. Daher SCHWEDENKISTE. Heute gehört das Konvolut angeblich der Großen National-Mutterloge zu den Drei Weltkugeln von 1740 zu Berlin. Mehr weiß man nicht; sind halt Geheimgesellschaften. Man müsste den Leim im Deckel vom zehnten Band mit dem der anderen Bände chemisch vergleichen. Knochenleim lässt sich ja sehr genau datieren und lokalisieren.
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SCHWEDENKISTE.
Zu den ungeklärten Traditionen der ILLUMINATEN gehört der sagenumwobene Band X aus der SCHWEDENKISTE, jene Sammlung, die von Gotha nach Stockholm und später Moskau gewandert ist, um schließlich nach Merseburg zurückzukehren.
Ich habe Zweifel, dass die russischen Archivare damals den Originalband zurückgegeben haben. Man wird eine Hochzeit veranstaltet haben zwischen authentischem Material, geschickten Fälschungen und natürlich Auslassungen. Das ganze Konvolut geschickt neu mit altem Material gebunden.
Insbesondere die IM-Erklärung von GOETHE scheint mir gefälscht. SCHILLER, der wäre dafür anfällig gewesen. Aber nicht GOETHE; glaube ich nicht. Dazu war der feiste Bonvivant zu feige.
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BISSCHEN SCHWUND.
Der Mensch ist begabt, nach Höherem zu streben. Siegreich berührt er Gipfelkreuze in ungeahnter Höhe. Die Krone der Schöpfung. Ein leerer Wahn.
Bei der Besteigung eines Achttausenders sind fünfzig Bergsteiger über einen verunglückten und gerade sterbenden Hochträger gestiegen, ein Teil dabei dann schon über dessen Leiche, weil es galt, das Wetter auszunutzen. Der Sherpa ist in seinem Seil kopfüberhängend in den Abgrund hängend verreckt. Man hatte das kommen sehen, weil er nur unzureichend ausgerüstet war.
Ich kann mich über die Sensationen dieses Typs nicht mehr richtig empören. Allenfalls erwähnenswert, wie von dem Wahn nur noch die reine Form bleiben kann. Das ist nicht mehr Wandern oder Sport, es ist Wahnsinn. Sieger sein über die Natur. Übrigens sind schon neunzig weitere Opfer dem K2 genannten Gipfel geschuldet. Ich erinnere ein Treffen mit Reinhold Messner und meine Verstörung darüber, wie leer der Mann ist.
Nehme mir vor, heute mal was Wesentliches zu machen. Auf der 17. Juni vor dem Ernst-Reuter-Platz steht bei Wind und Wetter ein Wohnungsloser, der den an der Ampel haltenden Autofahrern die Obdachlosenzeitung anbietet. Gestern bin ich an ihm vorbeigefahren, weil ich gerade telefonierte. Das ist sonst nicht meine Art. Ich fahr heute mal eigens da lang.
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VOLKSWILLEN.
Wieder gibt es Stimmungen, die die Freiheit des Individuums durch den VOLKSWILLEN ersetzen wollen. Das hört man aus verschiedenen Lagern der Politik. Schon immer bei den roten Roten, jetzt auch im Grünen. Und bei den Braunen.
Die AfD hat angekündigt, einen Kanzlerkandidaten zu benennen und es setzt sofort ein Raunen ein. Wie immer springt der Rest der Republik über das Stöckchen, das die Braunen ihr hinhält. Die Wahlforscher begleiten das und bescheinigen den Braunen 20 Prozent; im Osten sind sie zum Teil stärkste Partei.
Zusammen mit den Schwarzen könnte es für einen Machtwechsel rechnerisch reichen. „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun soll mein Madel sein“, so lautet das dazu passende Volkslied. Dass solche Weisen Nationalhymnen sein können, sieht man in anderen Ländern Europas. In Italien ist eine gelernte Anhängerin des Duce, Hitlers Kumpel und Erfinder der braunen Bewegung, amtierende Ministerpräsidentin. In Frankreich wartet Madame Marine Le Pen auf ihre Chance. Der Schoß ist fruchtbar noch…
Ich höre, während ich das notiere, das Raunen darüber, dass ich die Blauen, wie sie in Adolf Hitlers Heimat, in Österreich, genannt werden, die Braunen genannt habe. Das werde den Herrschaften mit der blauen Kornblume am Revers nicht gerecht. Da ist sie wieder, diese verdruckste Feigheit, das Kind beim Namen zu nennen. Genau dieses Tabu ist es, das der AfD Kräfte verleiht. Diese Zubilligung des Dämonischen und das Senken der Stimme machen den Teufel groß. Weil sich brave Seelen bei der Nennung seines Namens bekreuzigen, hat er Macht, der Pferdefuß.
Die Ankündigung des Friedrich Merz, die Stimmanteile der AfD zu halbieren, ist ein Treppenwitz angesichts seiner Bestrebungen deren Wähler bei deren Themen mit einer Salonversion der braunen Gesänge zu gewinnen. Dafür hat der Anstreicher aus Dresden nur ein feistes Lachen. „Fascho light“, das können die zwielichtigen Gestalten des Rechtspopulismus besser. Auch Hendrik Wüst, der Ideale Schwiegersohn aus Düsseldorf, viel gerühmt als JFK der Union, wird die braune Mobilisierung des Pöbels nicht weglächeln. Du hast die Haare schön, das reicht nicht.
Man wird bei den Braunen in den Parlamenten akzeptieren müssen, dass sie demokratisch gewählt sind; das ist das eine. Das andere ist, man wird sie stellen müssen, wo sie das nutzen, um Demokratie abzuschaffen. Demokratisch gewählt, aber keine Demokraten. Die Sozialdemokraten haben das historische Verdienst, als einzige Fraktion des Reichstages gegen das Ermächtigungsgesetz Hitlers gestimmt zu haben. Vielleicht könnten beim nächsten Versuch der Braunen auch die anderen Farben dagegen stimmen.