Logbuch
SPRACHPOLIZEI.
Dies ist ein freies Land. Jedenfalls solange wir es verteidigen. Ich bin natürlich gegen jede Sprachpolizei. Man will mich aber zu allerlei motivieren, etwa der Überformung des grammatischen Geschlechts durch ideologische Konstrukte des „Genderns“. Nun bin ich als Linguist leider vom Fach; es geht aber um höheres. Ich soll ein Rednerpult wegen der patriarchalischen Unterdrückung der Frauen Redendenpult nennen. Mach ich nicht. Weil ich meine Studenten jetzt Studierende nennen soll, rede ich sie ganz klassisch mit Kommilitoninnen und Kommilitonen an, das heißt Mitkämpfer. Im Kampf gegen die Dummheit. Im Kampf gegen Rituale, die zwanghaft einen vulgärreligiösen Kult vorschreiben wollen. Man darf nämlich als freier CHRISTENMENSCH so reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Ich bin eigentlich eher liberal; ich will, dass es alles gibt, was es gibt. Um mal einen alten Biermann-Vers zu zitieren. Und sprachwissenschaftlichen Rat nehme ich nur von jemandem an, der die Merseburger Zaubersprüche zu rezitieren weiß. Keine SPRACHPOLIZEI. Eine Ausnahme: das Plusquamperfekt. Ein AfD-Politiker aus Sachsen, wohl Malermeister, sagt autobiographisch in der Weihnachtsdebatte, seine Bürgerrechte reklamierend, vor laufenden Kameras: „Ich war auf der Schule gewesen.“ Das gehört verboten. Der notorische Gebrauch des Plusquamperfekts gehört verboten. Punkt. Ende. Aus.
Logbuch
John Le Carre’ ist verstorben.
Er war ein toller Schriftsteller und großartiger Gastgeber. Ich erinnere mich gut an meine Verblüffung, als er Gäste in seinem Anwesen durch ein blendendes Deutsch zu unterhalten wusste. Leichter Akzent aus dem Schweizerischen. Er hinterlässt ein großes Werk. Allerdings bei mir auch den Verdacht, dass er nicht von allen seiner Bücher der alleinige Autor ist. Ich halte MICHAEL JÜRGS für den GHOSTWRITER zumindest eines seiner Bücher. Dieses Hamburger Flüchtlingsepos. Nichts gegen JÜRGS, der mich sehr zugeneigt beschrieben hat. Vielleicht fühlte er, der englische Skribent, sich da gerade gesundheitlich nicht so und JÜRGS hat ausgeholfen. SKAKESPEARE hat sich auch mal was schreiben lassen. Man kann nicht Bestseller nach Bestseller produzieren wie andere Brötchen. Und man wird nicht jünger. VITALISMUS. Schreiben wie Lesen ist anstrengend. Wer das älteste Stück Literatur des Abendlandes gelesen hat, eigentlich sind es zwei, der hat fast 30.000 Verse durchlitten. Eine endlose Irrfahrt und einen endlosen Krieg. Unglaubliche Grausamkeiten in nicht enden wollenden Variationen. ZORN und Rache allenthalben. Jetzt aber zur Episode: Wie haben sich die Zeitgenossen vor 3000 Jahren den Autor vorgestellt, der dieses Monsterwerk geschaffen haben soll? Als blinden Greis. Die sehr alten Menschen und die blinden hat man für wach und weitsichtig gehalten. Eine paradoxe Annahme. Ich habe gestern gelernt, dass das biologische Optimum mit 20 Lebensjahren erreicht ist; danach Degeneration. Sagt die Medizin, wenn sie Biologie ist. Wenn sie Psychologie ist oder Soziologie, sieht die Sache anders aus. Und wenn sie, gegen alle Natur, KULTUR ist? Auch gerade erst gelernt: Lebenszufriedenheit ist eine recht nachhaltige Disposition, also keine Folge von Erfahrungen, sondern eine Einstellung. Man erinnere bitte Le Carre‘ als zufriedenen Gentleman. Letzteres hätte er nicht ohne bitteren Kommentar zugelassen. Er mochte das Pompöse der Imperialen nicht.
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BODY SHAMING.
Das geht gar nicht. Jemanden hänseln, weil die Natur es mit ihm nicht gut gemeint hat. Nicht alle Menschen sehen so aus, dass sie ein antiker Bildhauer aus Marmor gehauen haben könnte, als Sinnbild des Schönen. Nicht jeder ernährt sich von Tofu wie der notorisch ungeduscht wirkende KARL LAUTERBACH. Wir sind keine Gottesgestalten. In vielem sind viele eher das KRUMME HOLZ, aus dem Immanuel Kant den Menschen gefertigt sah. Es ist mehr als rechtens, dass man Menschen nicht für Dinge tadelt, für die sie nichts können. Segelohren, zum Beispiel. Das gilt auch für FETTLEIBIGKEIT. Nicht immer soll Adipositas durch Fehlverhalten erworben sein. Aber Kundige achten auf ihr Gewicht. Insbesondere Ärzte, denke ich mir. Und der Mann ist Mediziner! Das nächste, was mir durch den Kopf geht, ist KÖRPERSPRACHE. Insbesondere der Gesichtsausdruck, die MIMIK. Wir suchen als Säugetiere aus dem Antlitz unseres Gegenübers dessen Charakter zu lesen, zumindest sein künftiges Verhalten. Das ist die Urfrage: Kann ich meinem Gegenüber trauen? Oder grinst der aus unerklärlichen Gründen irgendwie verräterisch, und sei es nur unmotiviert dämlich? Ich verstehe den Mann nicht; vielleicht ist es ja nur Verlegenheit. Dritter Punkt: Politische Verantwortung wiegt schwer. Und die handelnden Personen verdienen unseren Respekt. Gerade jetzt, wo unsere Staatsbürgerdisziplin gefordert ist. Respekt gegenüber den Regierenden. Auch, wenn sie grotesk überernährt sind und irgendwie schräg grinsen. Ich äußere mich prinzipiell nicht zynisch über Politik, aber behalte doch meine Bürgerrechte. Auch gegenüber dem Leiter des Bundeskanzleramtes, den Angela Merkel da erwählt hat. Diesen HELGE BRAUN finde ich, jetzt ist es raus, irgendwie komisch. Ich fremdle. Der ist nicht wie HELMUT SCHMIDT bei der Springflut oder CHURCHILL, als er dem Unterhaus „blood, sweat and tears“ versprechen musste. Eher wie LUDWIG EHRHART, der Zigarre rauchend und wohlgenährt seine Landsleute zum MASSHALTEN aufforderte, als es vielen noch eher schlecht als recht ging. Er wirkt auf mich linkisch. Der Mann fordert mich zum Radfahren auf. Kann ich dessen Rad mal sehen? Trotzdem folge ich im Wesentlichen seinen Anweisungen , also denen, seiner Runde. Ich bin Preuße und werde es bleiben.
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YU KÄNN SAY YU TO ME.
Das Duzen ist im Deutschen noch immer ein Zeichen der Vertrautheit. Wenn also ein Headhunter einer Besetzungskommission des Bundeswirtschaftsministers eine Kandidatenauswahl vorstellt und der Minister würde einen der Kandidaten duzen, so gäbe es wohl Anlass zu der Nachfrage: "Sie kennen sich, meine Herren?"
Eine Antwort könnte dann sein: "Ja, wir sind zusammen zur Schule gegangen und langjährige Freunde; der Kandidat war zudem mein Trauzeuge!" Daran ist doch nichts verwerflich. Dann hätte ein kluger AR-Vorsitzender in einer AG gesagt: "Wollen Sie sich unter diesen Umständen nicht vertreten lassen, Herr Minister?" Und alles wäre heil.
Den Trick kenne ich von Bundeswirtschaftsminister a. D. Werner Müller, dessen persönliche Freundschaft mir vergönnt war (und nicht nur mir, sondern auch Personen von wirklichem Gewicht), der seinen Staatssekretär als Vertreter in ein Kartellverfahren schickte ("Ministererlaubnis"), weil seine eigene Befangenheit unübersehbar war. Und alles war heil.
Nun ist der AR-Vorsitzende der DENA, die jüngst mit dem Trauzeugen besetzt werden sollte, nicht nur zugleich Staatssekretär in nämlichem Ministerium, sondern auch noch ein Urgestein der grünen Partei, in der er nun wirklich Hinz und Kunz zuordnen kann. Ich kenne ihn noch als Umweltminister in Niedersachsen und Vize-MP; ein kluger und umsichtiger Mann, mit dem ich dienstlich zu tun hatte. Wenn der tatsächlich dadurch zu täuschen war, dass sich der Minister und sein Jugendfreund in der Besetzungskommission siezten, dann staune ich.
Übrigens habe ich mal als Verleger ein Buch von Werner Müller (siehe oben) verlegt. Und Müller sagte bei mehreren Gelegenheiten unaufgefordert, das Honorar sei anständig gewesen. So macht man das.