Logbuch

NARRENFREIHEIT.

Am Morgen nach dem Christopher Street Day frühmorgens um sieben in der U-Bahn unter jenen Touristen, die gestern zum Feiern kamen und kein Hotel buchten, weil es durchgehend gehen sollte. Alter Schwede.

Ich respektiere, dass eine fortgesetzte Diskriminierung von privatem Verhalten öffentlich kritisiert wird, nachdem der Staat einen Strafanspruch gegen deviantes Verhalten endlich aufgegeben hat und die sexuelle Präferenz den privaten Freiheiten überlässt, wo er nun wirklich sein Recht verloren hat.

Wer hat das gesagt: „Ich will, dass es all das gibt, was es gibt.“ Ich respektiere, dass Gesetze an die neue Freiheit angepasst werden, also zum Beispiel gleichgeschlechtliche Paare Elternschaft vereinbaren können. Nur das Kindeswohl hat zu zählen. Richtig. Und ich respektiere die Demonstrationsfreiheit sowie das Recht auf Party, dem Berlin so weit nachkommt, dass es die Freizügigkeit der Anwohner erheblich einschränkt. Wer Karneval erlaubt, hat eh jede Präzedenz geschaffen; wozu in Berlin auch andere Drogen als nur Alkohol gehören. Man ist hier nüchtern und hetero in einer gefühlten Minderheit. Und als ebensolcher Anwohner ein unfreiwilliger Gastgeber. Tag wie Nacht.

Und ich bin nachsichtig, was das Phänomen der ÜBERKOMPENSATION betrifft. Die straffrei gestellte Devianz im privaten Verhalten will auch öffentliche Geltung; sie gerät notorisch in der Aufmerksamkeitsökonomie an den Rand des Erträglichen. Geschenkt. Als Anwalt des Gleichmuts plädiere ich auf Narrenfreiheit. Auch für die Partytouristen aus Paderborn, die mit den ungewohnten Drogen zweifelhafter Qualität ihrer Gesundheit zu Leibe gerückt sind.

Aber, liebe Paderborner, liebe Sigmaringen, nehmt Euch bitte ein Zimmer mit Bad, wenn Ihr das nächste Mal in die große Stadt kommt. Mit Bad. Bitte.

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HOTDOG.

Hunde verzehrt man hierzulande nicht. Auch nicht, wenn sie als Brät in Schafsdärme gepackt sind und mit Röstzwiebeln sowie eingelegten Gurken verziert in einem süßen Weizenbrötchen dargereicht werden. Außer es sind knall rote Pölser; dann schon.

Der Speckdäne und der IKEA-Schwede färbt Fleisch auch mal wie Kulturnationen die HARIBOS, knall rot zum Beispiel. So habe ich auf Jütland Salami gesehen und in Stockholm Würstchen. Die Unart stammt allerdings aus Coney Island in den USA, wo deutschstämmige Migranten die Frankfurter Würstchen als Brötcheneinlage populär machten. Das Würstel vom Main ist gekochtes Schweinefleisch, das danach noch geräuchert wurde; etwas edles. Warum das dann mit süßem Senf, Ketchup und Mayonnaise zugeferkelt werden muss, wissen die Götter. Ja, und Röstzwiebeln und Gurkenscheiben. In einem Milchbrötchen. Weder koscher noch halal.

Bei dem Event in Montabaur, das ich letzte Woche besuchte, hatte der örtliche Caterer statt Frankfurtern oder Wienern dazu eine weiß gefärbte Bratwurst verwendet, die so kurz auf dem Grill war, dass der angebräunte Schafsdarm den fälschlichen Eindruck vermitteln konnte, es handle sich um Grillgut; das Schweinebrät war aber innen noch kalt, ekelhaft. Rohes Schwein im Schafsdarm mit Zuckersauce und panierten Röstzwiebeln. Och, nä.

Und der Sponsor, ein in die Jahre gekommener Hersteller von verglasten Holzhütten, nutzte das Ereignis als banale Werbung für sein Gezimmere auch als Gewerbebau. Das war echt peinlich. Übrigens an den Fenstern des Musterbaus Leerstandsanzeigen; die hätte man vielleicht abhängen sollen. Also, das hat mich nicht überzeugt. Man kann zudem an allem sparen, aber nicht am Buffet.

Wer im Holzbau noch IKEA unterschreiet, der tut diesem wunderbaren Gewerbe keinen Gefallen. Wegwerf-Qualität gehört nicht in die Architektur. Man baut, wenn man baut, für Generationen oder lässt es. Ich weiß nicht, wer die Schutzheilige der Zimmerleute ist, aber das hätte ihr nicht geschmeckt.

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MACH. FETTICH.

In meiner Heimat mochte man keine Dampfplauderer. Als Montaner nahm man Verantwortung und wurde ihr gerecht. „Get things done“ heißt an der Ruhr: MACH FETTICH. Schwätzer straft man hier mit Verachtung.

Ich zitiere die wunderbare Publizistin Hatice Akyün, die aus Duisburg stammt: „Nochen Spruch, Kieferbruch.“ Fertig machen. Szenenwechsel. Letzten Donnerstag traf ich im Westerwald meine Bundestagsabgeordnete, die als Rote einen schwarzen Wahlkreis geholt hat, und bat sie, dem Kanzler bitte auszurichten, dass ich meinen früheren Spott zurückziehe. Er macht das nicht schlecht. Am Freitag sah ich ihn dann im Fernsehen zu UNIPER. Unaufgeregt, sachlich, korrekt. Er macht das sogar ganz gut.

Man korrigiert gerade den fortgesetzten energiepolitischen Schwachsinn früherer Jahre. Es wurde damals die Fusion der RUHRGAS AG mit dem Stromerzeuger E.ON gegen die Bedenken des Kartellamtes per Ministererlaubnis durchgesetzt (erster Fehler) und dann hingenommen, dass die windigen Stromer die kreuzbraven Gaser an einen finnischen Saftladen verscheuern (zweiter Fehler). Die spinnen, die Finnen, eh klar.

Das alles auf dem Rücken der Erbsünde, dass man dem Betreiben des Chemiegiganten BASF nachgegeben hatte, die den Russen den direkten Marktzugang zu den deutschen Stadtwerken ermöglicht haben. Und damit den Produzenten die Endverbraucher auf dem Tablett serviert. Das war die GRUNDSTOFFCHEMIE. Deren Lobbyist war übrigens ein gewisser Helmut Kohl, ehemaliger Praktikant der BASF. Heute sitzt die Lobby der GRUNDSTOFFINDUSTRIE in Essen, in dem sagenumwobenen Casino der EVONIK; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Es gab übrigens bei dem Empfang im Westerwald ein so untergründiges Catering, dass von dem dort servierten HOT DOG später noch die Rede sein wird. Zuerst musste hier ein Kanzler abgewatscht werden und ein anderer gelobt. Erledigt. Fertig gemacht.

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YU KÄNN SAY YU TO ME.

Das Duzen ist im Deutschen noch immer ein Zeichen der Vertrautheit. Wenn also ein Headhunter einer Besetzungskommission des Bundeswirtschaftsministers eine Kandidatenauswahl vorstellt und der Minister würde einen der Kandidaten duzen, so gäbe es wohl Anlass zu der Nachfrage: "Sie kennen sich, meine Herren?"

Eine Antwort könnte dann sein: "Ja, wir sind zusammen zur Schule gegangen und langjährige Freunde; der Kandidat war zudem mein Trauzeuge!" Daran ist doch nichts verwerflich. Dann hätte ein kluger AR-Vorsitzender in einer AG gesagt: "Wollen Sie sich unter diesen Umständen nicht vertreten lassen, Herr Minister?" Und alles wäre heil.

Den Trick kenne ich von Bundeswirtschaftsminister a. D. Werner Müller, dessen persönliche Freundschaft mir vergönnt war (und nicht nur mir, sondern auch Personen von wirklichem Gewicht), der seinen Staatssekretär als Vertreter in ein Kartellverfahren schickte ("Ministererlaubnis"), weil seine eigene Befangenheit unübersehbar war. Und alles war heil.

Nun ist der AR-Vorsitzende der DENA, die jüngst mit dem Trauzeugen besetzt werden sollte, nicht nur zugleich Staatssekretär in nämlichem Ministerium, sondern auch noch ein Urgestein der grünen Partei, in der er nun wirklich Hinz und Kunz zuordnen kann. Ich kenne ihn noch als Umweltminister in Niedersachsen und Vize-MP; ein kluger und umsichtiger Mann, mit dem ich dienstlich zu tun hatte. Wenn der tatsächlich dadurch zu täuschen war, dass sich der Minister und sein Jugendfreund in der Besetzungskommission siezten, dann staune ich.

Übrigens habe ich mal als Verleger ein Buch von Werner Müller (siehe oben) verlegt. Und Müller sagte bei mehreren Gelegenheiten unaufgefordert, das Honorar sei anständig gewesen. So macht man das.