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MACHTGEIL.

Das englische Königshaus der Windsors wurde von Lady Di als „die Deutschen“ getadelt. Stimmt mehrfach. Westminster & Windsor waren immer Vorbilder für uns Hunnen. Aber was sie jetzt abliefern, das behagt mir nicht.

Was man aus London hört, von dem Hannoveraner Geschlecht der Battenschlags, die sich Mountbatten genannt haben und so dem Geschlecht der Windsors zurechnen, wie von dem Herrn an der Spitze der Westminster Demokratie, das alles erinnert an den Untergang Roms unter Kaiser Nero; er steckte seinen Palast in Brand. Wg. Sex & Party. Spätrömische Dekadenz.

Die Doppelmoral der englischen Oberklasse blüht im Großen wie im Kleinen. Brexit wie bei Partygate. Vom gleichen Zynismus ist es, das Land mit Lügen und Rubel aus Europa zu führen wie besoffene Bürofeten zu feiern, während man die Leute in den Hausarrest schickt und die Beerdigung des großartigen Philip ansteht.

Im ersten Monat nach seiner Amtseinführung ließ sich Boris Johnson scheiden, heiratete wieder und wurde gleichzeitig Vater. COVID musste da erstmal warten. Mindestens vier Frauen rechneten ihm bereits vorher mindestens neun Schwangerschaften zu. Schreibt John Lanchester in der „London Review of Books“, um ihn als Traumtänzer und unsteten Wunschdenker zu charakterisieren. Er vermeide notorisch jede Verantwortung.

Und ein drittes Beispiel vom gleichen Schlag: Prinz Andrew. Sich dem Verdacht von „under-age-sex“ auszusetzen, als Royal in der Gunst eines reichen Päderasten, als sei das halt ein Hausrecht. Ekelhaft. Britannia: Boris & Andrew are two of a kind.

Ich bin enttäuscht von Westminster wie Windsor. Beides waren Vorbilder für das durch die Nazis geschändete Deutschland. Meine englische Seele hielt ich mal für das bessere Ich. Es bricht einem das Herz. Kipling („a gentleman in khaki“) würde sagen, dass man so kein Empire führen könne, das sich „Gemeinwohl“ (Commonwealth) nennen dürfe. Recht hätte er. Spätrömische Dekadenz in Khaki.

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IRRLEHREN.

Eine liberale Gesellschaft duldet jedwede Irrlehre. Als private Freiheit. Dagegen setzt sie nur Staatsräson. Sehr, sehr spärlich. Das unvermeidliche Minimum.

Antwerpen war eine blühende Stadt im 16. Jahrhundert, historisch nach Brügge und noch vor Amsterdam. Alle Religionen genossen hier alle Freiheit. Weil man blühenden Handel wollte, gewährte man Religionsfreiheit. Obwohl in den Spanischen Niederlanden gelegen, sprich katholisch, hielt man selbst die Inquisition raus. Freier Welthandel von freien Weltgeistern. Weltbürger.

Protestanten, Katholiken, Juden, Muslime, seltsame neue Sekten. Alles ging, weil der WELTHANDEL im Mittelpunkt stand, genauer die BEURS (Börse); der bargeldlose Zahlungsverkehr war gerade erfunden. Ich lese Interessantes vom Verlagswesen der Antwerper: man erlaubte sich IRRLEHREN jedweder Art. Für versprengte Sekten und Kulturen, so zahlungskräftig.

Das Zauberwort lautet HETERODOXIE. Ein soziologischer Begriff, wohl von BOURDIEU. Irrlehren, das ist gemeint. Was eine Gesellschaft eint (DOXA), das macht ihre Normalität aus, eben das ORTHODOXE von Glauben, Sitten und Gebräuchen, Wissenschaft. Was aber verlegten die Antwerpener? Auch alles andere. So Querdenkerzeugs. Eine freie Gesellschaft beweist sich nicht in der ORTHODOXIE, sondern der Toleranz für HETERODOXES. Die Börse als Ort der Aufklärung. Und der Gegenaufklärung. „Die Gedanken sind frei…“ Natürlich viel Betrug und Übervorteilung.

Die FREIHEIT endete historisch mit den Bilderstürmern, fundamentalen Protestanten, die die Kirchen plünderten. Und die Juden vertrieben. Bald kam dann die Inquisition und die Jesuiten fielen ein. Auf den Straßen Antwerpens wuchs Gras. Die Kaufleute waren längst nach Amsterdam gezogen. Motto: „Liever Turks dan Paaps“. Von wegen Islamophobie! Der Papst, sagten sie, macht das Geschäft kaputt.

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WIEDERGEBURT.

Reparieren. Eine hohe Form der Wertschätzung. Wegwerfen? Die niederste. Keine.

Kleinmöbel aus wiederverwertetem Holz („reclaimed pine“). Die Spuren ihres vorigen Lebens zeigend. Im dritten oder vierten Leben beweist sich ihr eigener Charakter.

Da ist der Anzug mit der gestopften Hose; ein Durchschussloch. Beim Vorbesitzer, der Türsteher auf dem Kiez war und Maßanzüge trug. Die geänderten Maße, neuer Wohlgefallen.

Da ist der Stuhl, dessen Bein ersetzt wurde, weil das alte nicht mehr zu verleimen war. Ein englischer „Hall Chair“, immer nur für Nebensächliches gedacht, nie saß da wer, Handschuhablage. Aber er ist wieder stabil.

Da ist der Füllfederhalter, dessen Sprung mit Zyankleber überdeckt wurde, eine Narbe, an der man heute fühlt, dass dies das Schreibgerät mit der roten Tinte ist.

Das geklebte Notizbuch. Der Flicken. Die frisch besohlten alten Schuhe. Die Uhr mit dem neuen Armband. Ein schlecht restauriertes Bild, von einer vorherigen Verwendung kündend.

Und der unsägliche abgenutzte Witz: „Kommt ein Einarmiger in einen Second-Hand-Shop…“

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WEIN PREDIGEN.

In Berlin will man Wohnungsnot durch Enteignungen beheben, nachdem Mietpreisdeckel sich als illegal erwiesen haben. In der Frage können die roten Ossis mit den Grünen, die zudem Autos und Heizungen verbannt wissen möchten. Aber deren Wahlergebnis reicht nicht, zumal sie nicht miteinander können.

Eine Politikerin der Grünen, ein Urgestein, die bei der Presse den Spitznamen „Die Frisur“ trug, schimpft nun auf Twitter über die Koalitionsverhandlungen in Berlin, weil das drohende Bündnis von CDU und SPD nicht fortschrittlich sei. Nun gut, wenn die Grünen und die SED-Roten raus wären, dann hätte der alte Mainstream das Sagen. Das findet sie rückschrittlich.

Aber so jungfräulich fortschrittlich ist das Ansinnen gar nicht. Die Berliner Grünen wollten selbst mit der Union in die Kiste. Schwarz-grün war der Plan der Augsburger Grünen-Chefin an der Spree. Übrigens auch eine Frisur. Während der Grande der Union eine rasierte Offiziersglatze sein Eigen nennt. Aber lassen wir das mit der Frage, wer die Haare schön hat.

Das eingangs zitierte grüne Urgestein wohnt in einer Stadt, die ich aus Gründen der Diskretion hier nicht nennen werde, in der historischen Villa eines berühmten Industriellen des frühen 20. Jahrhunderts, den ich hier nicht nennen werde. Man sprach seinerzeit bei diesen Industrie-Anlagen von einem „deutschen Versailles“. Als ich sie darauf anspreche, reagiert sie pampig. Jedenfalls habe sie einen großen Garten, sagt sie mir. Klar. Innerstädtisch. Gegenüber einem riesigen Park. Villenviertel.

Wein saufen, Wasser predigen. Politisch links blinken, privat rechts abbiegen. Im Westen nichts Neues.