Logbuch
NINOs NOTIZEN.
Mit Bedacht zu lesen. Ich erhalte als Geschenk das Logbuch eines NINO und erfahre, dass der Autor für seine Gedanken in den Kerker ging, der ihn gesundheitlich ruinierte.
Fünf, sechs Bände liegen vor mir. Tausende Seiten von NOTIZEN. Eigentlich ein Weihnachtsgeschenk, aber ich bin zu neugierig und öffne das Paket, beginne schon zu lesen. Ordentlich editiert beginnt die Sammlung von NINOs NOTIZEN mit einer Chronik. Ich lese von einer großen Tragik: die angegriffene Gesundheit übersteht nicht die Kerker, in die man ihn über Jahrzehnte gepfercht hat.
Kein Titan in der Erscheinung, eher verwachsen, schreibt er sich groß; so jemand wird Journalist. Und Politiker. Recht große Namen fallen. Leo Trotzki zum Beispiel habe an NINO gelobt, dass er der einzige seiner Genossen gewesen sei, die den Aufstieg Benito Mussolinis ernstgenommen habe und kommen sah, was dann das Gesicht der Erde veränderte. Zu lesen mit Bedacht: der Autor dieses Logbuchs hat um Papier und Stifte bitten, ja betteln müssen.
Ein „Pessimist des Verstandes und Optimist des Willens“ wollte er sein. Was mich dabei schon jetzt beeindruckt ist die Attitüde des Autodidakten, dem es nicht an der Wiege gesungen wurde. Wer sich Wissen erkämpfen muss, weiß um seinen Wert. Vor allem jene, die sich als „Hofmeister“, sprich Nachhilfelehrer, ihr karges Brot verdienen mussten. Wie hat Hölderlin darunter gelitten. Von NINO weiß ich das noch nicht, aber bald. Man wird hier noch von ihm lesen, denke ich, der ich gern Gedanken stehle.
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GEHEIMNIS.
Ein Geheimnis ist eine gänzlich unbekannte Information, die erst als solche erkannt wird, wenn sie genau das gar nicht mehr ist, was sie einst ausmachte, nämlich geheim.
Der legendäre Sir Humphrey Appleby, der in YES PRIME MINISTER der Behörde für behördliche Angelegenheiten (kein Witz) vorstand, wusste gegenüber seinem Labour-Bundeskanzler trefflich zu definieren, was ein GEHEIMNIS ist. Er sagte: „He who would keep a secret must keep it a secret that he hath a secret to keep.“ Ins Deutsche entschlüsselt: Wer ein Geheimnis zu bewahren hat, der hat als Geheimnis zu bewahren, dass er ein Geheimnis zu bewahren hat.“
Was ist das Gegenteil eines Geheimnisses? Eine Allerweltsweisheit? Was weiß jeder? Nun, es gibt nichts, dass alle wissen, und es gibt niemanden, der alles weiß. Geheimnisse sind sozial radikal begrenzt und vom leichtem Verfall. Wir kennen ihre Bewahrer erst, wenn sie keine mehr sind, weil ihre Verräter erfolgreich waren. Das Geheimnis offenbart sich durch seine Vernichtung.
Transparenz ist sein Tod. Es gibt Staatsgeheimnisse und Spionage; beide nähren sich gegenseitig. Auch unter Freunden, weiß jetzt auch Frau Merkel, werden die Handys abgehört. Ein Staat ist der allzu oft vergebliche Versuch zu Geheimnissen. Denn keine Armee gewinnt eine Schlacht, wenn ihre Strategie verraten. All das lese ich in einer Abhandlung über das geheime Manhattan Projekt, in dem die USA die erste Atombombe entwickelten, die die Welt veränderte. Ihre Gegner sollten das Geheimnis nicht erahnen, Deutschland und Japan. Und ihre Alliierten, jedenfalls die Russen, auch nicht, da die Gegner von morgen.
Als Truman, der vom dem Geheimnis auch erst nach seiner Vereidigung erfahren hatte, damit vor Stalin auf Jalta prahlen wollte, blieb der gänzlich unbeeindruckt. Erstens war es danach kein Geheimnis mehr. Zweitens wusste es Stalin vorher schon, durch den deutschen Spion Klaus Fuchs. Ha! So hieß der. Mehr sage ich nicht; ist ein Geheimnis.
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SUITS.
Man hört von dem Bolivianischen Marschierpulver, dass es den routinierten Nutzer zur Selbstüberschätzung animiere. In bösen Fälle führe es zu Wahnzuständen. Das kann sich seinen Weg bis in künstlerische Ausdrucksformen brechen. Die Weltliteratur ist voll davon, auch das Triviale in der Glotze.
Auf Netflix gab es eine Serie aus der Welt der RECHTSANWÄLTE, diese Typen in Anzügen („suits“), die wirklich authentisch wirkte, es passte („suits“). Und zwar so gut, dass ein Mitglied des Englischen Königshauses aus dem Personal der Serie im wirklichen Leben seine Gattin wählte. Übrigens für mich als Zuschauer die falsche. WIR ALLE (meine „Blase“) hätten DONNA genommen. DONNA ist eine Göttin von Frau! Da nimmt Harry diese Miss Mega Marple. Versteht man nicht, das FIKTIONALE mit dem FAKTISCHEN verwechselnd und im FIKTIVEN landend.
Willkommen in der fiktionalen Welt der Hollywood-Berühmtheiten. In diesem Licht, so lese ich, wollte PROF DR CHRISTIAN SCHERTZ, der einschlägig zitierte Presserechtsanwalt vom Ku-Damm, angeblich auch seine Profession beleuchtet sehen. Er zeichnet nun unter IDEE für eine Spielfilmserie mit der fiktiven Staranwältin Leo Roth, die die Öffis als DOUBLE FEATURE SHOW bringen (zwei Folgen hintereinander weg). Für mich Pflicht!
Ich kenne viele prominente Vertreter des ÄUSSERUNGSRECHTS, berühmte, berüchtigte und zwei, drei gute. Deshalb schaue ich hochinteressiert zu. Nicht wegen der spannenden Handlung, nicht wegen des flotten Filmschnitts, nicht wegen der Berliner Handlungsorte. Nicht mal, weil Herr SCHERTZ in der Serie einen Auftritt haben soll, wie einst Alfred Hitchcock in seinen Filmen. Sondern?
Mich interessiert das gelegentliche Auftauchen eines Hauchs von FAKTISCHEM in all dem FIKTIONALEN, ein Zipfelchen der wirklichen Verhältnisse. Sehr selten sowas. Natürlich gibt es die Technik des SCHLÜSSELROMANS auch im Film: es wird angespielt auf reale Personen oder Medien. Unschwer entdeckt man hinter dem Boulevardblatt TAG Springers BILD. Aber juristisch Korrektes? Selten. Wirksames PR? Nie! Politisch Korrektes, also PC? Schon eher.
Unter der Decke eines gewöhnlichen TATORTS lauert, so legt die kolportierte Entstehungsgeschichte nahe, das Eigenbild einer Branche, der Promi-Anwälte und der Promi-PR.
Ein Berufsbild wird für Laien geformt. Ich bestaune dabei die LATENZ von rückhaltloser EITELKEIT, deren Wirken ich aus meinem Berufsleben kenne, und gebe zu, so auf die Spitze getrieben, wandelt sich mein notorischer Brechreiz davor in Faszination. So sehen sie sich also selbst, die PROMMI-ANWÄLTE und ihre PROMMIS? Ist das die Insider-Story? Es riecht nach Potsdam.
Logbuch
ZWISCHEN BAUM UND BORKE.
Das war peinlich. Ich saß in einem Schloss zum Dinner mit den Präsidenten eines BENTLEY CLUBs, sauteure Oldtimer, vornehme Herrschaften. Am Tisch mein damaliger Boss, der sich für anglophil hielt. Zur Konversation genötigt, beginne ich: „The Guardian had this story on…“ Der Bentley Boy (historisch korrekte Anrede solcher Gentlemen) neben mir unterbricht und fragt mich mit steifer Oberlippe, ob ich etwa den MANCHESTER GUARDIAN meine. Voll blamiert, ein despektierliches Blatt zitiert. Abstriche in der Haltungsnote…
Der GUARDIAN ist zweihundert Jahre alt; seit 1959 verzichtet er auf die Nennung des Geburtsortes, an dem eine neue Mittelklasse von Textilunternehmern aufbegehrte. Damals war liberal etwas anderes als heute, aber eben nie „Tory“, wie es dann heißen sollte. Das Blatt ist klar links der Mitte und brüstet sich mit INVESTIGATIVEM JOURNALISMUS. Eine Festung dessen, was sich bei uns der HALTUNG verpflichtet weiß. Ja, in der Redaktion eine selbsternannte Elite mit moralisch formuliertem Bekehrungswillen. Und Verdiensten.
Vor die Frage nach der angemessenen MEINUNG haben die Götter nämlich die Frage danach gestellt, was überhaupt passiert ist. Bevor es um die WAHRHEIT geht, muss es um die WIRKLICHKEIT gehen. Das ist der Kern der Aufklärung, dass es immer mehrere Meinungen zu verschiedenen Wahrheiten geben kann, aber eigentlich nur eine Wirklichkeit. Aber auf „Twitter“ kann man das nicht diskutieren; dort tobt der rigorose Meinungsmob. „Was war wirklich?“ Meine Generation hat das schon während des Vietnamkrieges der Franzosen und der Amerikaner gelernt; der Irakkrieg der Amerikaner und Engländer ist ein aktuelleres Exempel. Propaganda täuscht über die Wirklichkeit, lange bevor es um Wahrheiten oder gar Meinungen geht.
Der GUARDIAN hat in seiner Blattgeschichte sehr oft für helle Wut und für bittere Enttäuschung gesorgt. Die Rechte war sauer und die Linke traurig. Zwischen Baum und Borke, aber auf der Suche nach dem, was wirklich passiert ist. Ich finde, da gehört Journalismus hin.
PS: Ich lese den GUARDIAN, auch hinter der Bezahlschranke (was das Blatt galanter macht als deutsche Verleger).