Logbuch

BEHÖRDEN MIT SENDER.

Der halbe Rücktritt der Intendantin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Berlin und Brandenburg (RBB), nämlich von ihrem Vorsitz bei der gesamten ARD, weil sie das Amt beim RBB zweifelhaft geführt hat, wo sie aber bleiben möchte, ist unplausibel und nur als Anfang vom Ende zu verstehen. Die zweite Hälfte wird folgen.

Die Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) ist tragisch, weil sie eine an sich gute Idee von innen vergiftet. Beschert haben sie uns die Briten als Siegermacht, zu Zeiten als deren ÖRR, die berühmte BBC, noch ein Vorbild war. Der Kerngedanke ist der einer gemeinschaftlichen Finanzierung von Leitmedien, die sich gemeinwohlorientiert verhalten und ausgewogen berichten, also nicht dem Diktat von geldscheffelnden Verlegern oder der Propaganda von politischen Parteien unterliegen. Das hat ja was.

Die Idee ist verkommen. Entstanden sind riesige BEHÖRDEN MIT EIGENEN SENDERN, die sich geschickt wirklicher Kontrolle entziehen, indem sie sich unter dem Schutz der Zwangsgebühren als Staat im Staat verselbstständigen. Und faule Beamte durchfüttern, die unterbezahlte Freie die Arbeit machen lassen. Oder PR abkupfern.

An ihre Spitze wählen die Kolosse Symbolfiguren ihres Selbstverständnisses, meist prototypische Journalisten. Denen fehlt passim FÜHRUNGSERFAHRUNG. Woher auch? Auch der neue Interimschef der ARD, der WDR-Intendant Tom Buhrow, ist ein netter Kerl, aber ein schlichtes Gemüt. Gelernter Reporter.

Ideologisch erzürnen diese Behördenleiter, wenn sie einen politisch motivierten HALTUNGSJOURNALISMUS beherbergen, der über andere richten will, ohne dass er selbst sich den dabei angewandten Kriterien stellt. Man sieht sich seitens der Rundfunkbeamten durch SELBSTLEGITIMATION zur Belehrung der Welt berechtigt. Ankläger und Richter in einer Person. Wie bei allen Kasten mittelbarer Macht: Wein saufen, Wasser predigen.

Mir ist egal, was die RBB-Intendantin als Dienstwagen fährt; der „Audi A8 lang“ ist zudem ein klasse Auto, hatte ihn selbst mal zwei Jahre. Sollte es aber wahr sein, dass sie ihn zur privaten Nutzung nicht ordnungsgemäß versteuert (1% vom Anschaffungswert, also mit 1445€ als monatlichem geldwerten Vorteil) dann wäre das, sollte es so sein, wohl nicht legal. Die NEIDDEBATTE bricht los. Ich würde der Dame den A8 lassen, aber sie soll ihn versteuern. In der Industrie heißt das Legalitätsprinzip COMPLIANCE und wird seit einiger Zeit relativ ernstgenommen.

Was schlage ich vor? Doppelspitzen. Einer fürs Charisma und einer für den Cash. Männlich, weiblich, divers. Einen Präsidenten und einen Kanzler. Zu Deutsch: einen journalistischen Grüß-August und einen wirklichen Chef. Wie bei den Unis. Ups, höre gerade, da klappt das auch nicht. Dann bin ich ratlos.

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PFERDEVERSTAND.

Wer mit den Gäulen kann, der hat Pferdeverstand, pflegte mein alter Herr seinen Großvater zu zitieren, der aus Ostpreußen kam. Ich habe jetzt mal mit einem geredet.

Fiakerfahrt durch die Altstadt Brügges. Man sitzt hochherrschaftlich in einer offenen Kutsche und kann den Blick an der Schönheit mittelalterlicher Gebäude laben. Eine Handelsstadt des 13. Jahrhunderts, die die Welt auszubeuten wusste. Hier lagen die mit Kostbarkeiten bepackten Schiffe der Hanse. Mijnheer Pepperkorn. Vor Antwerpen und vor Amsterdam.

Auf dem Bock eine junge Frau mit Strohhut, die Zügel fest in der Hand, an ihrer Seite eine lange Peitsche, von der die keinen Gebrauch zu machen hat. Sie führt mit leisen Kommandos. Vorne ein stolzes Ross, das mit klapperndem Schritt die Kutsche zielsicher durch die Gassen zieht.

Für den gelernten Marxisten ein Bild der Klassengesellschaft. Das geschundene Proletariat schaukelt die Bourgeoise durchs Geschäft. Und dazwischen das Kleinbürgertum, das für die Herren die Chose managt, im Guten durch Worte oder im Bösen mit der Peitsche.

Man erhält bei Fahrtbeginn den Hinweis, dass die knappe Stunde der Rundfahrt durch eine Pause für das Pferd unterbrochen werde. Ich bleibe in der Kutsche sitzen und sehe, wie den Tieren frisches Wasser aus einem Brunnen gereicht wird und Hafer, dem gern zugesprochen wird. Die Auffangschürze für die Pferdeäpfel erfährt Reinigung. Ich nutze die Gelegenheit zu einem Gespräch. Der Gaul ist gut drauf.

Das Pferd ist verwundert, dass Menschen aus aller Herren Länder anreisen und 60€ bieten, damit er, der Gaul, zu seinem Vergnügen kommt. Und das fünf, sechsmal am Tag. Alle wollen in der Stadt nur zu seinem Brunnen und landen hinterher wieder, wo sie vorher schon waren. Für das Ross sitzen in der Kutsche eindeutig Deppen. Und seine Freundin auf dem Bock macht dabei 10 k Cash im Monat. Dafür gibt es eine Menge Hafer. Fury ist neoliberal, es fehlt ihm an Klassenbewusstsein.

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BITCH.WEAR.

„Tragen Sie bitte im Hotel kein BITCH .WEAR, sondern erscheinen SMART CASUAL.“ Zunächst war ich verwirrt, was da eine Karte auf dem Zimmer von mir verlangt, jetzt verstehe ich es. NO.BITCH.WEAR, yes Sir!

Ein Verbot von Strandmode? Ich lege mich selten halbnackt auf behandtuchte Liegen an Pools oder Strände, etwa zum demonstrativen Erwerb von Hautkrebs; nie in dazu eigens gefertigten Monturen der exzessiven Geschmacklosigkeit. Ich meine, wenn schon Exhibitionist, dann FKK. Aber Hawaiihemden, das ist ein Kulturbruch.

Selbst in guten Hotels erscheint aber zum Frühstück ein Teil der Paxe in Aufzügen, die zwischen Karneval und Geisterbahn liegen. Kein Schuhwerk, Flip-Flops. Bermuda-Shorts, zu lang für Schlüpfer, zu kurz, um uns den Anblick des Krampfader-Geschwaders zu ersparen. Büstenhalter mit einer Präsentationslogik, die der Wursttheke einer Landmetzgerei entspricht. So hergerichtet für den Strand schlägt dann auch Oma Waltraut aus Oer-Erkenschwick mondän auf wie ein 1000$-Russen-Escort in Dolce & Gabbana.

Intervention der Blonden: nur 20 % die rügenswerten Erscheinungen sind Damen und 60% Herren. Sandalen & Socken. Ärmellose Unterhemden der Kategorie „muscle shirt“ mit „bingo wings“ am Bizeps. Freigelegte Bierbäuche zur allgemeinen Nabelschau. Jungs, also ehrlich.

Man fürchtet als Zeitzeuge beim Frühstück, dass die BITCH.MODE nicht nur tagsüber am Strand getragen wird, sondern, einmal gehörig durchgeschwitzt, bis zum Dinner durchhalten muss. Und, wie immer bei schlechtem Stil, man wird nicht enttäuscht. Da kommen abends die tausend Dollar auf Flip-Flops. So geht das nicht. Bei HARRY in Venedig kommst Du in kurzen Hosen erst gar nicht rein. Ich befürworte das.

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OHRWÜRMER sind ein Leiden, über das Menschen klagen, die musikalisch sind. Die haben dann in irgendeinem Aufzug eine Melodie gehört, die ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht. Ständig müssen sie das dann nachsummen. Aber nie wird ein richtiges Lied draus. Verflixt! Das kenne ich aber nur vom Hörensagen. Ich selbst bin gänzlich unmusikalisch; das mit den verflixten Melodien ist mir völlig fremd. Aber es gibt wohl auch so was wie GEHIRNWÜRMER. Ich höre einen Gedanken und muss ihn noch Tage nachsummen. Meistens sind es nur Wörter. Genauer gesagt Gegensatzpaare. Kürzlich machte ein Medizinprofessor in einem Interview, das ich mit ihm führte, eine Nebenbemerkung, die mir nachhing. Jetzt lese ich das von ihm auch noch mal in einer großen Zeitung. Verflixt. Der Gedanke ist folgender: Es gäbe WISSEN und GEWISSEN, und das sei nicht das Gleiche. POLITIK ließe sich nicht durch Wissen rechtfertigen, nur durch Gewissen. Anlass in unserem Gespräch zu dieser Nebenbemerkung war Frau Merkel, die im Bundestag der AfD vorgehalten hat, dass es an der Schwerkraft und der Lichtgeschwindigkeit wenig zu rütteln gebe; deshalb habe sie, Merkel, in der DDR eben Physik studiert; den Naturgesetzen hätten selbst die Kommunisten nicht beikommen können. Das finden wir beide, mein Interviewpartner und ich, eher „vorkritisch“, weil schlau, aber nicht klug. Also, es schwirrt in meinem Kopf. Wissen versus Gewissen. In der Politik sollte man, sagt der Professor aus Bayreuth, seinem Gewissen folgen, nicht irgendwelchem Wissen, sprich irgendwelchen Wissenschaftlern. Klingt gut, auf den ersten Blick. Der Mann fordert damit aber doch ein PRIMAT DER MORAL. Gehe ich da mit? Ich bin nicht sicher. Denn das sagen die Irren der Verschwörungstheorie ja auch. Hier entsteht alternatives Wissen, sprich schlanker Aberglaube. Die empörte Moral als Treibstoff des Pogroms. Uhhhh, der Leibhaftige betritt den Raum. Auf der anderen Seite kann ich auch keinen blinden Glauben an Wissenschaft befürworten. Ich weiß zu viel, um zu glauben, dass wir viel wissen. Alle Aussagen über den apokalyptischen Klimawandel etwa, die finde ich vor allem wissenschaftlich dünn. Die Zweifel würde ich auch nicht los, wenn man mich als „Klimaleugner“ beschimpfen würde. In sich unsinnig. Das Klima kann man nicht leugnen. Deshalb fragt KANT so klug: „Was kann ich wissen?“ Wissenschaftelei über Dinge, die ich nicht wissen kann, das ist BULLSHIT. Vornehmer: Physikotheologie. Religion im Gewand von Wissenschaft. Und so summt es in meinem Kopf. Wissen vs Gewissen. Hmmm. Wie nach einer schlechten Aufzugsmusik. Was macht eigentlich dieser Lars Chrismes? Fiel 2020 wohl aus.