Logbuch
STAMMTISCH.
Ein vernichtendes Urteil: Das ist ja Stammtisch! Wenn etwas reaktionär klingt oder rassistisch oder gänzlich „un-woke“. Dann ist das Stammtisch. Warum eigentlich?
Ich hatte mal eine Meinungskolumne in der FR, der linksliberalen Frankfurter Rundschau, die in der Redaktion selbst wenig beliebt war. Die Damen der Kommentarredaktion empfanden mich als Fremdkörper. Der Chefredakteur erzählte mir, dass sie oft gegen meine Beiträge bei ihm zu intervenieren suchten, indem sie das Urteil verhängten, das sei ja STAMMTISCH-NIVEAU. Irgendwann hatte ich dann keine Lust mehr. Gestern traf ich die Nachfolgerin jenes Chefs und hörte sie, eine kluge Frau, öffentlich gendern; das provinziellere Publikum murrte.
Einst war der Stammtisch ein Ehrentisch in der Dorfkneipe, an dem die Honoratioren Platz nahmen, Konversation trieben und sich mit Speis und Trank erfrischten, mitten im saufenden Plebs. Der Bürgermeister, der Herr Pfarrer, der Arzt, der Apotheker und der Lehrer. Man übte sich kultiviert im Abusus von Alkohol, während das Vieh Haxen fraß und halt soff. Es ist zu vermuten, dass man eher konservativ war, vaterländisch und von jener Männlichkeit, die Kellnerinnen in das Dirndl schielt und auf den Hintern haut.
Den STAMMTISCHPAROLEN ist gemein, dass sie, wie alle Vorurteile, ein Körnchen Wahrheit enthalten, aber eine Hetze herbeischwadronieren, die so polarisiert, dass schließlich ein Feind zur Vernichtung ansteht und das härteste Mittel gerade recht ist. Hier kann man sich im Klartext über Erbfeinde auslassen und das Böse überhaupt. In allem ist man sich ganz gewiss. Es ist der Geburtsort dessen, was in heutiger Parteienlandschaft AfD heißt.
Aus dem Honoratiorentisch ist wohl die Petrischale geworden, in der das gesunde Volksempfinden wuchert. Hier übt sich die Stimme des Volkes; genauer gesagt, die Stimme jenes Teils, der sich durch die Eliten verachtet sieht. In Frankreich tragen sie dann gelegentlich GELBE WESTEN. In den USA wohnen sie in FLY OVER STATES, riesigen Provinzen, über die man nur hinwegfliegen kann. In Deutschland wohnen sie im Osten.
Neuerdings haben sie auch ein iPhone und äußern sich in den ASOZIALEN MEDIEN. Sie sind soziologisch nicht aus Akademikerhaushalten, sie wohnen nicht in den Metropolen, sie trinken keinen Latte mit Hafermilch, sie gendern nicht. Nur eine Minderheit? Nun, da bin ich mir nicht so sicher. Houston, wir haben ein Problem.
Logbuch
SCHAUSPÜLER.
Wer den Rummel um die Stars verachtet, kann den berühmten Schauspieler schon mal scherzend SCHAUSPÜLER nennen oder Schausteller. Nichts als Fratzenschneider. Ein Darsteller ist noch kein Künstler.
Mein Freund Jürgen, Gott habe ihn selig, liebte solche Wortwitze. Selbst Plattitüde waren ihm da nicht peinlich. Der proletarische Spott des Ruhrpotts war sein Metier, gerade wenn er peinlich wurde und beißend und zynisch. Also: Kein Starkult mit den Fratzenschneidern. Allenfalls für Robert De Niro, da hätte er mich sich reden lassen. Aber wenn ein Mafia-Boss hinter einer Rolle gesteckt hätte, das hätte er wissen wollen.
Wenn es keine Schauspielkunst als KUNST gibt, was bringt den Ruhm? Nun, die ROLLE, nicht der Darsteller. Und hinter dieser das STÜCK, das aufgeführt wird, das WERK. Dann wüsste ich noch gern, wer der DICHTER ist und was er sonst so geschrieben hat. Ich will wissen, wem das THEATER gehört, der SENDER. Und was der MEDIENKONZERN sonst so macht. Insbesondere wenn sich dahinter die Tycoons und Oligarchen verstecken. Folge der Spur des Geldes!
All das will ich auch dann wissen, wenn ein Volk, man denke an DONALD TRUMP, eine TV-Rolle mit einer Person verwechselt und den Darsteller der Rolle zum Präsidenten wählt. Die Welt kann ein Theater sein, eh klar. Wenn aber das Theater die Welt zu regieren beginnt, wird man fragen müssen, wessen Werk sie da aufführt. Mit wessen Geld, zu wessen Nutzen?
Das galt vor dem TV-Star Trump für den Schauspieler Ronald Reagan wie den Medienmogul Silvio Berlusconi, wie es für jede Besetzung der Rolle „Diener des Volkes“ gilt. Hätte mein Freund Jürgen gefunden.
Logbuch
ÄHM. ÖHM. HMMM. ODERRR?
In gesprochener Sprache tauchen Laute auf, die anzeigen, dass der Sprecher nachdenkt. Er zögert. Er nutzt zudem überflüssigerweise Füllwörter. Sie alle heißen Hesitationsmarker.
Ein Rat: Beantworten sie die Frage „Wie war ich?“ niemals spontan. Bemühen Sie sich um zahlreiche ÄHM oder ÖHM oder solche Einschübe wie „ehrlich gesagt“ oder „Ach ja…“ Signalisieren Sie, dass Sie zögern (englisch: to hesitate) durch einen Laut, der genau das markiert. Deshalb Hesitationsmarker. Sprechpausen helfen immer.
Ich hatte mal einen Chef, einen genialen Autobauer, der in Interviews ohne eine Miene zu verziehen derart lange Sprechpausen machte, dass die automatischen Bandgeräte sich schon abschalteten. Er konnte damit sein Gegenüber in den Wahnsinn treiben. Ein Journalist der FT hat mir mal gesagt, er sei drauf und dran gewesen, dem Alten den Puls zu fühlen, weil er nicht mehr wusste, ob der CEO überhaupt noch lebte.
Das gesprochene Schwyzzerdütsch kennt zudem das dem Satz nachgestellte ODERRR, was keine Frage anzeigt. Es ist eine Bekräftigung, oder? Eine sogenannte Vergewisserungsformel. Das hat landmannschaftliche Züge; es kann auch ein nachgestelltes GELL oder WOLL oder NICHT WAHR oder NÄÄ sein oder eine sogenannte INQUITFORMEL. Bei der wörtlichen Wiedergabe von Dialogen können gewisse Zeitgenossen hundertmal anzeigen, wer was gesagt hat.
Das geht dann so: „Also ich so…er dann so…ich darauf so…dann er so…“ So erkennt man Deppen. Sie sind nicht in der Lage, über ein Gespräch einen Bericht abzugeben, indem sie den Inhalt zusammenfassen oder bestenfalls in indirekte Rede kleiden. Der Depp plappert nach. Er kann übrigens auch die Aufsatzform des BERICHTES nicht, sondern nur die ERLEBNISERZÄHLUNG. Schon sein Schulaufsatz zum schönsten Ferienerlebnis begann mit dem Satz: „Kaum waren wir angekommen, als wir schon da waren.“
Den schlauen Zeitgenossen erkennt man an einer Unzahl von Hesitationsmarkern. Nehmen Sie den Karlsruher Peter Sloterdijk, der behauptet in Berlin zu wohnen, aber in Klein Machnow (Brandenburg) haust. Seine Schriftsprache ist geschliffen; was er aber in gesprochener Sprache erzählt, das ist unter den ganzen ÄHMS und ÖHMS kaum zu verstehen. Der Nachdenkliche zögert. Der Schwätzer plappert. So ist das in der Rhetorik, oderrr?
Logbuch
Man kann wissen, was Cato, der Ältere zu Mittag hatte, wenn er zum Senat eilte. Fast-Food-technisch. Nämlich Wild, Geflügel, Fisch und Schnecken. Dazu mit Geschmacksverstärkern gepanschten Wein. Wieso weiß man das so sicher? Vor etwa 3000 Jahren gingen im alten Rom plötzlich die Lichter aus, jedenfalls in Pompeji, das der Vulkan Vesuv unter seiner Asche begrub und damit für alle Zeiten konservierte. Das freut den Archäologen. Dort gräbt man schon 200 Jahre aus. Gestern sah ich das Foto einer römischen Pommesbude in der Presse. Man hat jetzt gerade ein Thermopolium ausgegraben, einen Schnellimbiss für warme Gerichte. Es gab allerlei Köstlichkeiten und natürlich Wein für den eiligen Esser, der durch die Handelsstadt flanierte. Echt beeindruckend. Das Essen ist heute schlechter mit dem Einerlei von Pizza-Döner-Pommes-Currywurst. Pompeji ist schon ein Unikum, weil so authentisch, böse authentisch. Die Skelette der Verkäufer lagen noch hinter dem Tresen, dessen bunte Bemalung uns heute wie frisch gemalt anstrahlt. Eine verlässliche Quelle; zum Schönfärben und Lügen war nämlich in der Katastrophennacht 79 v. Chr. keine Zeit mehr. Man muss ansonsten ja vorsichtig sein mit der Geschichtsschreibung. Mein Lieblingsbeispiel (die Studenten können es schon nicht mehr hören): Rom selbst will gegründet worden sein von zwei zürnenden Söhnen des Kriegsgottes Mars, die er mit einer hochadeligen Nonne (verstoßene Königstochter)als Zwillinge gezeugt haben soll. Romulus und Remus wurden, weil ausgesetzt von der hochwohlgeborenere Mutter, von einer WÖLFIN gestillt und so aufgezogen. Man kennt die Bronzeskulptur. Da stimmt alles: göttlicher Ursprung, aus bestem Hause und das Martialische mit der Muttermilch aufgesogen. Das ist aber PR, eine Heldenverehrung aus dem Mittelalter, gut tausendfünfhundert Jahre später ersonnen. Korrektur der Historie. Der eigentliche Mythos erzählt von Kindesaussetzung (siehe MOSES und SPARTA) und Ammenaufzucht, einer Kultur, in der Kindesverwechslungen bei den Ammen notorisch waren. Die Berufsbilder der Kinderfrau und der Gespielin waren damals noch nicht getrennt. Jetzt der Eingriff: Man gab der kapitolischen WÖLFIN nachträglich die Gründungsinfanten an die Zitzen, weil man den alten Mythos gerne hübscher wollte. Die Sage berichtete nämlich nur davon, dass Romulus und Remus von einer „lupa“ aufgezogen worden seien. Lupa? Da klingelt was beim kundigen Thebaner. Es gab eben nicht nur das Thermopolium (siehe oben) für den schnellen Hunger, sondern auch das Lupanarium für den schnellen Sex. Und dass man Nachkomme von zwei Hurensöhnen sei, das war den stolzen Römern irgendwann mal nicht mehr gut genug. Da wurde der Mythos ins Genialische umgedeutet. Der Hure wurden sie genommen und der Wölfin gegeben, die Gründer. Und so prangt „Mutter und Kinder“ heute in Rom an jeder Ecke und preist den römischen Senat und sein Volk. Stolzer Code: SPQR. Regierungs-PR früherer Zeiten.