Logbuch

GRÜNE VORHERRSCHAFT.

Ich wage es gar nicht zu sagen. Meine Lieblingsfarbe ist RACING GREEN, das ist eine Mischung aus GRÜN und SCHWARZ. Peinlich. Jetzt glaubt doch niemand mehr, dass ich die Farbe englischer Rennwagen liebe. Es riecht nach politischer Anbiederei. Grün mit schwarz ist ab sofort die angesagte Nationalfarbe.

Die Grünen sind zum ersten Mal stärkste Partei im Bund. Historische Zeitenwende. Der Zeitgeist regiert durch. Die Stimmung bestimmt die Struktur. Grün liegt in der Wählergunst bald bei einem Drittel. Die Schwarzen abgefallen auf ein Viertel. Und die Sozis kauern bei einem Sechstel. Kurzum: Der grüne Schwanz wackelt künftig mit dem Hund.

Wäre unsere Demokratie ein Wohnhaus aus der Gründerzeit, so stünden jetzt Umzüge an. Die grünen Mieter aus dem Gartenhaus ziehen an die Straße in den ersten Stock, Bel Etage. Die Schwarzen in den vierten Stock, wo früher die Dienstboten wohnten. Kein Aufzug. Die SPD macht es sich im Souverän gemütlich, rote Kellerkinder. Olaf grinst aus dem Kellerloch. Unterm Dach, edelsaniert, die Liberalen. Und die Braunen wie die Linken im Hinterhaus, dritte Stiege, ganz links, und vierte, ganz rechts. Grüne Gentrifizierung.

Da die regierungsbildende Fraktion unter Anna Lena Bär Bock jetzt ihre Klientel unterbringt, ist das von Bestand. Der prekär beschäftigte Grüne wird endlich Beamter, was er in der Seele immer schon war, und sorgt künftig für einen moralisch ambitionierten Staat, also eine allgemeine Besserungsanstalt. Jetzt wird auch der Rest der Woche „für Zukunft“, not only the fridays for future.

Nachhaltig ist nicht nur, dass der Bauch der Partei, sprich das grüne Mittelmaß, jetzt überall in Lohn & Brot kommt. Die eigentliche Remanenz liegt in der Vorbildwirkung auf die anderen Parteien. Überbietungswettbewerb entsteht; alle wollen nun diesen Erfolg kopieren. Es beginnt eine allgemeine Umlackierung ins Grüne. Man will auch ein wenig wie Bär & Bock. Grün-schwarz statt schwarz-rot-gold.

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GLAUBENSBEWEIS.

Das ist das größte Glück des Philisters, dass er RECHT hat. Recht zu haben, das ist ihm aber kein trauter Trost, sondern ein Dorn im Fleisch, steter Anlass für böswillige Drohungen. Eine Hass-Geste gegen Andersgläubige. MICHAEL KOHLHAAS ist der Säulenheilige der ewigen Rechthaber. Ein Urgrund der Spießerseele. Letztinstanzlich, so lautet sein Zauberwort.

Der letztgültige Beweis des Rechthabers ist ein Gerichtsurteil. Deshalb wird er manisch zum Prozesshansel. Bei Glaubensfragen kommt der ultimative Ratschluss aus Rom, von dem Nachfolger Petri, „Papa“ oder Papst genannt, egal, wer da gerade sitzt. Hier herrscht eine gottgegebene Macht. Unfehlbar, so das Zauberwort.

Für den einfachen Gläubigen sind es die Riten und Reliquien. Ein Schicksalsschlag. Sein Fläschchen mit dem geweihten Wasser aus Lourdes. Ein Kruzifix. Das Grabtuch Jesu, der Schweißabdruck seines Antlitzes, ein Holzsplitter vom Kreuz, die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Glaubensbeweise, das ist ihm heilig. Hexen sind zu verbrennen. Die Spanische Inquisition. Und ab und zu ein veritabler Krieg.

Herr K. hielt aus sportlichen Gründen viel von dem Kampf zwischen Aberglauben und der rechten Gesinnung. Die Kämpfe amüsierten ihn. „Immer irren beide Seiten“, pflegte er zu sagen, „und genau darin, was sie also eint, werden sie sich nie einig sein.“ Denn der Glaube beweise die Reliquie, nicht die Reliquie den Glauben.

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VORPFUSCHEN.

Wenn der Engländer, dieses sagenhafte Kulturwesen, auf den Bus wartet, steht er brav in der Schlange. JUMPING THE QUEUE, sich vorzudrängeln, das gilt als Unding. Macht man nicht. Das gilt für den Hafenarbeiter Andy the Cap wie für den Banker Lord Pommeroy mit Schirm, Charme und Melone. Eine Frage der Zivilisation. So sollte es auch beim Impfen sein.

Herr K. berichtet, dass sein alter Herr mit 98 durch sei, die Siebzigjährigen mit Vorerkrankung kurz davor stünden und die Mittdreißiger sich in Geduld üben. Ausnahmen verständlicherweise für Ärzte und Lehrer. Aber es gebe, bemerkt Herr K., auch Glücksritter, die eine der Ausnahmen clever nutzten. Die Cleveren pfuschen vor? Jeder wie er kann? Herr K. hat dazu keine Meinung, also eigentlich zwei.

Es ist klug von der Admiralität, eine Meuterei auf der BOUNTY zu verhindern und Extraportionen Rum auszugeben. Es ist dumm von der Admiralität, weil damit die Disziplin durchbrochen wird. Wie aber verhindern man eine Meuterei? So ernst scheint die Lage. Jedenfalls bei den Schauspielern unter den Matrosen. 53 von ihnen verlangten schon, dass die Offiziere im Beiboot ausgesetzt werden. 

Man kann das alles nachlesen. Das offizielle Logbuch

des Captain Bligh, und sein privates, die liegen wohlverwahrt in australischen Archiven. MEUTEREI AUF DER BOUNTY. Captain Bligh war nicht der Unmensch, als den ihn die Meuterer und später selbst sein eigener Bruder geschildert haben. Er hat das Kommando über die HMS Bounty verloren, weil er inkonsequent war. Das reicht. Mal das Kommando „Alles unter Deck“, dann wieder ein Landgang zu den Schönheiten Haitis, dann wieder alles unter Deck. Disziplin geht nur konsequent. Und nicht mit einem ständigen Wechsel in Spendiermanier von Brackwasser zu Rum und wieder zurück zu fauligem Wasser. 

Aber, um konsequent sein zu können, da braucht man das Sagen. Die Macht hat nur, wer den Notstand beherrscht. Deshalb geht mit der Disziplin auch das Kommando verloren. Beziehungsweise von der BRÜCKE in die KOMBÜSE. An den Koch mit dem Holzbein; John Silver, oder? Ein Lehrstück, findet Herr K.

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Zu vielen Themen habe ich keine MEINUNG.

Das geht eigentlich nicht, dass man einfach keine Meinung hat, aber ich lebe mit diesem Dilemma. Insbesondere in den Sozialen Medien verbietet sich das eigentlich. Allen voran auf TWITTER. Twitter ist voll von Menschen, die zu allen möglichen Themen entschieden einer bestimmten Meinung sind. Und streitlustig, wenn nicht streitsüchtig. Es herrscht eine stets gereizte Grundstimmung. Immer auf Krawall gebürstet. Geht mir ab. Ich habe den ersten starken Kaffee des Tages genutzt, um mir über mein Defizit Gedanken zu machen. Zunächst sind da die Dinge, die mich nicht interessieren, weil sie mir egal sind. Dazu habe ich auch auf Vorhalten einfach keine Meinung. Dann sind da die Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie nicht wissen kann. Warum sollte ich dann dazu eine Meinung haben? Beispiele? Wer im Fußball in dieser oder jener Liga als Nächstes gewinnt; mir egal. Zweitens: Ob es einen Gott gibt; kann ich nicht wissen. Da ist der Unterschied zwischen einem Atheisten, der eine Meinung hat, und einem Agnostiker, der weiß, was er gar nicht wissen kann. Also entspannt bleiben. Und dann sind da die kontroversen Themen, bei denen man in Treibsand gelockt wird. Achtung Sackgasse! Wenn ich keine Böcke habe, mich nutzlos zu verkämpfen, habe ich eben dazu keine Meinung. Etwa, ob der Mohr von Magdeburg dort noch im Dom stehen darf oder nicht. Kommt so ein Thema auf, tue ich so, als hätte ich keine Meinung. Ganz ehrlich ist das nicht. Aber da ich ahne, was der empörungswillige Fanatiker entgegnen wird, bitte ich um Dispens; leider keine Meinung. Na und dann die Situation, wenn „die Blonde“ (A A Gill) vom Frisör kommt und fragt, wie ich die neue Frisur finde. Das habe ich KEINE ABWEICHENDE MEINUNG. Gründe siehe oben. So wie „Blonde“ ( gemäß A A Gill) keine abweichende Antwort auf die Frage des Galans haben, wenn der fragt: „Na, wie war ich?“ Da denkt sich die kluge Frau wie der alte Lateiner: „Anathema est!“ Einfach kein Thema.