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VOR DEM GESETZ.

Im Dunkeln ist gut Munkeln. Man fragt mich, was LITIGATION PR sei. Der englische Begriff meint Öffentlichkeitsarbeit bei einem Rechtsstreit. Erinnern wir juristischen Laien uns bitte an die Innenarchitektur eines Gerichtssaals. Da gibt es die Bank der Staatsanwaltschaft, die die Anklage vertritt; und gegenüber die Verteidigung, die dem Beklagten zur Seite steht. Hier agieren gelegentlich auch Staranwälte, unter Umständen sogar aus Peru in den Anden. Vorne groß, ebenso erhoben wie erhaben, die Richter, unter Umständen mit Schöffen. Im Saal, wenn zugelassen, die Öffentlichkeit, oft eben auch die Presse. Wo sitzt in dieser courtroom scene die Litigation-Fraktion? Auf dem Gang. Im Foyer. In der Lobby. Der Gerichtskantine. Did I make myself clear?

Ich schätze Gerichtsreporter sehr. Sie geben der Öffentlichkeit ein Bild von dem, was bei Gericht passiert. Der Laie soll das Verfahren begreifen, dessen Regeln nicht trivial sind. Und am Ende darf sich das Publikum dank ihrer Berichterstattung ein Urteil bilden, ob nicht nur Recht gesprochen wurde, sondern auch Gerechtigkeit herrscht. Ich nenne hier zwei Namen großer Publizisten dieser wichtigen Disziplin: Gerhard Mauz und Gisela Friedrichsen. Mit beiden habe ich mal ein langes Interview geführt. Zu dessen genius loci komme ich noch.

Was macht der Schlemiel in der Lobby? Welche Rolle ist noch offen? Ist er eine verdeckte Waffe der Verteidigung? Dass die Staatsanwaltschaft sich eine PR-Agentur leisten kann, ist ausgeschlossen; braucht sie auch nicht. Hier heißt das Verfahren der Wahl angeblich verdeckte Akteneinsicht (behauptete mir gegenüber vor Jahren mal ein frustrierter Verteidiger in München). Dass der PR-Mops dem Richter eine Urteilsbegründung diktiert oder das Urteil selbst, das glaubt auch keiner, der bei Verstand. Was also macht er? Ich habe ihn gefragt. Er verhindert eine öffentliche Vorverurteilung. Das wäre ja aller Ehre wert. Respekt, Herr Kollege.

Ich habe das Interview mit Mauz und Friedrichsen damals übrigens in Hamburg am Rothenbaum im Hotel Élysée geführt. Der Laden gehört Eugen Block, dem Steak-Haus-Besitzer. Bestes Rindfleisch. Premium Steaks. Heute verkehre ich da nicht mehr. Man geht da laut besseren Kreisen nicht mehr hin. Ich müsste mir für ein Gespräch mit den Nachfolgern von Mauz und Friedrichsen einen anderen Ort suchen. Did I make myself clear?

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ENTEN.

Der von mir geschätzte NEW YORKER hat ein längeres Stück über „fact checking“; das, was beim SPIEGEL etwas irreführend Dokumentation heißt. Es geht um ein obligatorisches Lektorat in Redaktionen, das die faktischen Angaben der Autoren auf Richtigkeit prüft, bevor der Text in Druck geht. Das hat mit Fälschung noch nicht viel zu tun und mit Wahrheit gar nichts. Aber langsam mitti die jungen Pferde; respektive die Enten.

Wie immer im amerikanischen Journalismus ist der Bericht im NEW YORKER eine Plauderei, die nicht wirklich auf den Punkt kommt; nennen wir es ein „Feature“, was da zwischen ernster Problemstellung und Anekdoten pendelt. Wie man zum Beispiel die Autorenzuschreibung an ein gleichaltriges Geschwisterpaar als identische Zwillinge geprüft habe und widersprüchliche Angaben der vermeintlich Eineiigen erhalten, es also offen war, ob die Mutter dies Wunder der Natur überhaupt habe prüfen lassen.

Tjo, denkt man sich. Und? Viel interessanter wäre doch die Geschichte, wenn die Zwillinge unterschiedliche Väter hätten. Daraus mache ich eine Story! Vielleicht gar der eine schwarz, der andere weiß. So macht man Auflage. Sex and the City. Neu bei Netflix. In der Hauptrolle eine hochrangige Politikerin der UN in High Heels. Wäre Herr Relotius noch beim SPIEGEL, würde das Ding fliegen.

Allerdings könnte es sein, dass dann ein aufmerksamer Lektor „n. t.“ an den Rand schreibt. Das meint „non testatum“, zu deutsch „unbestätigt“. Von diesem „n. t.“ kommt die Zeitungsente; heute „fake news“ genannt. Aber Fälschungen sind nicht das Problem. Viel mehr stören mich Geschichten, die einfach zu sehr stimmen. Eine Geschichte kann zu rund sein. Man entwickelt als alter Fahrensmann da im Laufe der Zeit ein Störgefühl. Unabhängig davon, was der Tatsachen-TÜV sagt.

Das ist das Wesen der Propagandalügen, dass sie zu plausibel sind. Das Leben ist voller offener Fragen und der Mensch aus krummem Holz. Man misstraue der glatten Rede, dem hundertprozentigen Beweis. Dies ist ein seichtes Gewässer voller Enten.

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PARTY IN DER REICHSHAUPTSTADT.

Ferienende. Was für Schüler bitter, ist für Parlamentarier erleichternd. Endlich kann man Ehefrau und Wahlkreis zurücklassen und wieder in der Berliner Blase flanieren. Die Stimmungswende begehen die Sozialdemokraten stets mit dem Gartenfest des Seeheimer Kreises (das ist der schwarze Teil der Roten) in der Parlamentarischen Gesellschaft hinter‘m Reichstag. Ein wichtiger Termin, wenn man die innere Stimmung des politischen Berlin testen will. Ich komme früh wg. guter Sitzplatz mitten drin; alter Lobbyistentrick.

So sitze ich regensicher unter’m Schirm auf Gartenstuhl. Es gibt immer viel Security und Kontrolle, weil man keine Unbefugten hier eindringen lassen will. Das passierte aber gestern. Ich sehe von meinem Gartenstuhl aus plötzlich ein vier-, dann sechsköpfiges Kommando; das hieße, der Kanzler kommt. Wir sind aber bei den Sozen. Friedrich Merz schreitet durch die Menge, schüttelt Hände, hier ein freundliches Wort, dort ein Schulterklopfen. Ein Schwätzchen mit Rudolf Scharping. Der Mann gehört hier hin wie ein Schwein auf‘s Sofa. Merz meine ich. Alle Achtung.

Die gastgebende SPD ist sprachlos. Es fehlt gänzlich Herr Klingbeil, der ungeliebte Bonapartist; es stottert Belangloses Bärbel Bas, die Parteiobere mit betont linker Ambition. Merz kommentiert gutgelaunt von der Bühne zur Partei zwischen Basta und Bullshit. Der Mann kann Kanzler. Ich bin wirklich überrascht. Nach exakt dreißig Minuten sehe ich das sechsköpfige Kommando durch den Hinterausgang abrücken, in der Mitte der Lange aus Brilon. Anders als der unglückselige Olaf Scholz pflegt er seine Koalition. Auch kein leichter Job. Wenn er jetzt noch die Union für sich gewinnt, könnte die Koalition halten.

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MADE IN GERMANY; das war mal ein Warnhinweis der Engländer. Als Sheffield noch industriell Spitze war und man die Konkurrenz aus Solingen diskreditieren wollte. Lange bevor man die eigene Rückständigkeit als Brexit nostalgisch verklärte. Kulturelle Überlegenheit. SWISS MADE. Überlegen, weil man etwas kann, das anderen verwehrt ist. Zum Beispiel hochwertige SCHWEIZER UHREN, mechanische natürlich. Stolz trage ich eine alte ROLEX AIR KING. Oder neuere SINN-Uhren mit Schweizer (!) Werken. Das macht denen keiner nach. Und bitte keine Batterien. Mein Glaube an SWISS MADE ist allerdings, das räume ich ein, mehrfach erschüttert. Beginnen wir mit dem Geburtsort dieser technischen Wunderwerke. Von Genf aus fährt man in die Berge hoch auf ein Plateau einer klassischen Armeleutegegend. Arsch der Welt. Darum hat der Schwarzwald es zu Kuckucksuhren gebracht und Sachsen zu etwas, lange vor dem Arbeiter- und Bauernstaat. Weil arme Bauern sonst im Winter nichts zu tun hatten. Handwerk als bäuerlicher Nebenerwerb. Nischen, erst technisch und dann ökonomisch. Man müsste mal was erforschen über das Diamantenschleifen, das in jüdischer Hand war und in indische übergeht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Denn nicht die „soziale Frage“ des Ursprungs erstaunt mich, sondern wie winzig heute noch die edelsten der Uhrenmanufakturen sind. Man könnte sie für eine etwas größere Garage halten. Calvinistische Bescheidenheit. Uhrmacherarbeitsplätze sind halt sehr, sehr klein. Vergessen ist längst die peinliche Marketingverirrung namens Swatch. Es werden wieder Kaliber ganz seltener Qualität gebaut. Zu seltenen Preisen. Ich habe kürzlich eine luftdruckgetriebene Tischuhr zur Revision ins Schweizer Stammwerk eingeschickt, da hat der vorgeschriebene Versandkarton mehr gekostet als eine dieser Quarzuhren. Ich höre von Experten, dass es für einzelne Rolex elendlange Wartelisten gibt, die einen regelrechten Schwarzmarkt befördern. Also Buzzen im Schweizer Jura, das war das erste. Neue große Marken in Buzzen in Sachsen (Nomos) und Sachsen-Anhalt (Dornblüth) das zweite. Jetzt aber die wirkliche Überraschung: Seiko ist ein Edelproduzent. Die Japaner! Die Marke hatte bei mir einen billigen Klang, falsch, ganz falsch. Ich habe mir gerade Grand Seiko angesehen, insbesondere die SNOWFLAKE. Eine mechanische Automatik mit einer quarzgesteuerten Regulation, ohne Batterie, versteht sich; selbsterzeugter Strom als Steuerenergie. Spring Drive. Ich verstehe zu wenig davon, höre aber, Gangabweichung max. 2 Sekunden im Monat. Gangreserve 8 Tage. Das Zifferblatt zeigt ein Schneegestöber. Hammer. Die Japaner, wer hätte das gedacht. Von wegen „America first“: Nicht der Rede wert, dass es keine exzellenten US-Uhren gibt. Man muss sich nur in einem GM setzen. Wenn jetzt einer hier Tesla sagt, gibt es Tote.