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NEUE HEIMAT.

Gedankenspiel: Wenn ich auswandern müsste, warum auch immer, wohin ginge ich? Ich meine das nicht so ernst, wie es die Generation von Bert Brecht meinen musste, denen der Nazi-Staat nach dem Leben trachtete. Da ging es schlicht um‘s Über-Leben. Da waren die US of A die Rettung. Für Brecht keine angenehme. Ich wollte da heute auch nicht hin.

Ich meine Migration im kulturellen Sinne. Wenn ich mir eine neue, eine zweite Heimat suchen müsste, welches Land würde ich wählen? Sicher nicht die nordamerikanischen Kolonien mit jenem Präsidenten, der verspricht vom ersten Tag an ein Diktator zu sein. Übrigens Sohn eines zugewanderten Zuhälters aus der Pfalz. Nein, ich habe keine kalifornischen Träume. It never rains in southern california, man, it pours.

Wäre ich Hölderlin, wäre es Griechenland. Wäre ich Hemingway, wäre es Venedig. Wäre ich schwul, Kerpen. Nein, im Ernst, ich glaube, ich wüsste nicht, wo all mein Sehnen und Verlangen Erfüllung fände. Jedenfalls nicht im Leben des Karl Roßmann, der die Freiheitsstatue erblickt, da er wegen Schwängerns eines Dienstmädchens in die Neue Welt musste, wovon Kafka uns berichtet. Ich habe keinen amerikanischen Traum. Immer weniger.

Paris vielleicht, könnte ich besser französisch. Oder Apulien, hätte ich nur einen Vetter in der Familie. Oder London Bloomsbury, als Antiquar für Seltene Bücher mit einer kleinen Fälscherwerkstatt im Hinterhaus und Lunches im Diogenes Club; das könnte es sein. Und einem gut gefüllten Konto bei der BCCI, der Bank of Crooks & Criminals.

Wenn man nicht nur ein neues Land wählen könnte, sondern auch eine frühere Zeit, so würde ich mich anmelden als Robinson Cruseo. Aber bitte ohne Freitag.

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EIN ZEICHEN SETZEN.

Ein Freund berichtet mir von einem Film, den ich nicht verpassen dürfe, den er im Kino gesehen habe. Mit der Ortsangabe ist klar, welcher Generation er angehört (sprich: meiner). Es ginge um den Führer und seinen Verführer. Rückblickend halten wir in meiner Generation ja den Sportpalast und den Reichstagsbrand für Fanale.

Opa erzählt vom Krieg? Dabei sind wir ja Zeitzeugen des Setzens großer Zeichen. Man darf sich zu deren Würdigung argumentativ nicht in eine Sackgasse locken lassen. Für die historische Kraft des Zeichens ist es nicht entscheidend, ob es gesetzt wurde und wie und von wem. Entscheidend ist, dass eine Episode zum Zeichen erhoben wird und dann die urwüchsige Kraft des Symbols zu wirken beginnt. Man nehme nur die Wunder und Zeichen des Jesus aus Nazareth. Aus den einschlägigen Episoden lernten die Jünger, dass ihr Meister der Messias war.

Das Zeichen machte aus dem Balg von Maria und Josef immerhin Gottes Sohn, eine ziemliche Beförderung. Endorsement. Man unterschätze daher nicht die Kraft des Symbolischen; sie versetzt Berge. Dabei löscht sie banale Umstände ihres Entstehens aus, sollte es sie gegeben haben: Wer als Heilsbringer so gewaltige Bedeutung hat, erübrigt die Frage nach den Geburtsumständen. Wer noch kleinmütig zweifelt, wenn Titanen wirken, der ist ein Wurm, ein Hund.

Wenn das Zeichen gesetzt ist, greift es nach der Macht. IN HOC SIGNO… Unter diesem Zeichen wirst Du siegen. Seien wir genau: Mit diesem Zeichen greift jemand nach der Macht; so ist es wohl. Ich bin immer wieder überrascht, zu welcher Kraft Propaganda in der Lage ist, wenn sie gut gemacht ist. Wir sind Zeitzeugen der archetypischen Aktualisierung des Messianischen, jedenfalls für die Jünger, deren Zahl dadurch wächst.

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MEISTERSCHAFT.

Ich habe keine Ahnung von Fußball, aber die Spanier haben verdient gewonnen. Klar die bessere Mannschaft. Deutschland hat sich als Gastgeber blamiert; Stichwort Ausbuhen des Wischmobs wg. ungepfiffenem Handspiel. Das alles haben die zwölf Jungens aus Luton, England, nicht mehr so richtig mitgekriegt. Ein Sittengemälde.

Man war in der Gruppe angereist, obwohl keine Karten. Schwarzmarktpreise schon im Bereich eines Mittelklassewagens. Knapp noch ein Hotelzimmer in Moabit gefunden. Genau gesagt drei. Zu zwölft. Man fühlt sich in Moabit heimisch, wenn man aus Luton kommt. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich traf die Jungs morgens um 11 im Kleinen Tiergarten, bewaffnet mit Six Packs Dosenbier. Man fragt mich nach Nachschub. Ich empfehle DIE QUELLE. Nachmittags um 6 laufe ich da zufällig lang und werde wiedererkannt. Man lässt mich hochleben. So was haben die Jungs noch nie erlebt. Wie ich mit diesem Luxus leben könnte.

Nun, die QUELLE, das ist eine Absackerkneipe aus dem SCHULTHEISS-Imperium, die immer auf hat. 24/7, schlicht immer. Ich bin hier schon morgens um 6 vorbei gekommen und der Laden war voll. Man weiß nicht, ob er morgens „schon“ voll ist oder „noch“. Wer aus dem Land der strikten Barregeln kommt („last calls“) kann sein Glück nicht fassen. Ein Pub, der immer auf hat; das gilt es auszunutzen.

Die Jungs aus Luton haben nächtens ihre drei Zimmer nicht gebraucht, weil sie auf der Wiese im Tiergarten ausgepennt haben. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, wer die Meisterschaft gewonnen hat.

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DER DICHTERFÜRST.

Bert Brecht gilt als einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts. Er ist es. In diesem Jahr wird er 125 Jahre alt, also gefeiert. Ein Ozean an Dummheiten wird über ihn geschrieben werden. Ich leide schon jetzt.

Fangen wir mit seinem Geburtsort an; es wird notorisch Augsburg genannt. Das ist nicht in seinem Sinne. Wir lesen in seinem autobiografischen Gedicht VOM ARMEN B. B. folgendes: „Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern. / Meine Mutter trug mich in die Städte hinein, / Als ich in ihrem Leibe lag…“ Daran haben sich Generationen von interpretationswütigen Germanisten die Arme gebrochen, an der Symbolik der schwarzen Wälder, deren Kälte den Dichter nicht verlassen sollte, als er in den Asphaltstädten hauste. Ein Todesmotiv?

Mich fragt ja keiner. Der Großvater Brechts stammt aus Achern bei Sasbach-Walden im Rheingraben am Rande des Schwarzwaldes. Dort hat der Knabe Brecht häufig seine Sommerferien verbracht. Willst Du von Achern nach Augsburg, fährst Du durch den Schwarzwald. Im historischen Brechthaus war vor Jahrzehnten mal eine Arztpraxis, die ich, in das Elsass durchreisend, aufzusuchen hatte. Der Weißkittel dort hat mir das erzählt, mit dem armen B. B. und seiner Bude.

„Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich / Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit / Ich Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen / Aus den schwarzen Wäldern, in meiner Mutter, in früher Zeit.“ Bayern möge also aufhören, den Dichterfürsten für sich zu reklamieren; das ist das eine. Das andere ist, der notorische Pascha nennt zu seiner Abstammung keinen Vater, sondern nur den Mutterleib. Er kriecht unter den Rock. Später den der Helene Weigel.

Das wird ein ganzes Leben lang so bleiben. Länger noch. Selbst bei seinem Grab in einer Ecke des Dorotheenstädtischen Friedhofs muss er über die Weigel steigen, wenn er nachts mal durch die Asphaltstadt Berlin schlendern will.

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