Logbuch

SCHÄRFE DES TONS.

Im Englischen kann man sich davor hüten, dass unterschiedliche Meinung zu Feindschaft wird: „We agree to disagree!“
Vorbildlich.

Mit den Warnern vor der Apokalypse ist es wie mit den Verursachern, sie wollen jede Abwägung verhindern und wissen sich dabei argumentativ im ALTERNATIVLOSEN. Das kann man intellektuell nicht akzeptieren. Wir können, wenn wir wollen; das ist der Zentralsatz des Humanismus. Wollen wir?

Das ist ja das fundamentale Verhängnis in der Politik, wenn sich GEGNER immer und überall zu FEINDEN wandeln wollen. Danach geradezu streben. Die Falle des Carl Schmitt, für die Fachleute unter uns.

Und da verhilft dann auch nicht zu Frieden, was man DEZESSIONISMUS nennt, die vermeintliche Tugend, lieber radikal eine falsche Entscheidung zu treffen, ruckzuck ein Verhängnis einzugehen, als des Attentismus geziehen zu werden.

Bitte immer mit Bedacht. Doch, Ihr wisst, wovon meine Feder spricht.

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NACHRUF.

Eine große Persönlichkeit ist in hohem Alter verstorben. All überall Kondolenzen. Einem meiner Freunde fällt auf, dass man dabei von mir kein Wort gehört hat, obwohl ich dem Umfeld angehörte. Nihil nisi.

Die Trauerrede über einen Verstorbenen einen „Nachruf“ zu nennen, das ist klug. Denn es geht im Nekrolog nicht nur um den Ausdruck der Trauer, also die Hinterbliebenen, sondern auch um den NACHRUHM dessen, der da abgemeldet wird. Viele Menschen treibt es schon zu Lebzeiten um, was die Nachwelt ihnen einmal nachsagen wird. Dafür werden Autobiografien verfasst. Die meisten Werke dieser Art sind eher peinlich.

Ich schaue mir also an, welche Legenden über den Verstorbenen aufgerufen werden und lese vieles, an dem er selbst ein Leben lang gestrickt hat. Das werde ich nicht bewerten. Nihil nisi. Wenn er damit durchgekommen ist und seine eitlen Petiten jetzt in die Geschichtsbücher als Wahrheiten aufgenommen werden, so sei ihm das gegönnt. So haben künftige Generationen von Historikerinnen und Historikern wenigstens etwas zu dekonstruieren.

Was mir aber auffällt: Sie haben fast alle ein verstecktes Thema, die Nekrologe. Sie preisen im Medium des Beileids nicht nur den Toten und seine Hinterbliebenen, sondern auch den Nachrufenden selbst. In schlecht verborgener Eitelkeit bricht Eigenlob sich allenthalben seinen Weg. Das berührt mich eher unangenehm. Der Nachrufer mahnt seine eigene Rolle in dem Ruhm an, den er da dem Verstorbenen in gnädiger Geste zubilligt. Nil nisi bonum.

Was soll das mit „nihil nisi“? Über die Toten solle man nichts als Gutes sagen, das ist eine Spruchweisheit aus dem alten Sparta, die es aus dem Griechischen ins Lateinische geschafft hat und irgendwann christlich klang. Man soll, so das Motto, Vergebung gewähren. Man möge die banalen Streitereien doch bitte nicht über das Grab hinaustragen. Einen besonderen moralischen Wert kann ich darin aber nicht erkennen. Friede unter den Lebenden ist mir weit wichtiger als pathetische Totenruhe.

In einem Lied des frühen Brecht heißt es: „All meinen Feinden will ich verzeihen, aber vorher schlage man ihnen die Fresse mit schweren Eisenhämmern ein.“ Und an anderer Stelle im gleichen Stück: „Es geht auch anders, aber so geht es auch.“

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LIKÖR.

Wer Kummer hat, der hat Likör. Bei Christine Lambrecht war es LIMONCELLO, berichtet die Boulevardpresse. Das ist widerlich, gleich mehrfach.

Ein Reporter ist am Abschiedsabend der scheidenden Verteidigungsministerin ihr nachgestiegen und berichtet Privates aus dem Hinterzimmer des Italienischen Lokals, einschließlich Details zur Person des Sohnes. Nicht in Ordnung! Und zur Sicherheitslage, also zu dem begleitenden Kommando. Das geht gleich mehrfach gar nicht. Presserechtlich bedenklich. Charakterlos.

Teil dessen ist die Benennung des Aperitifs auf‘s Haus, den der aus dem Neapolitanischen stammende Gastwirt am Prenzelberg spendierte. Es soll sich um den LIMONCELLO genannten Zitronenlikör gehandelt haben. Der ist ein weiteres Vergehen. Denn das ist kein Brand, sondern Zuckerwasser mit Alkohol. Likör geht nach dem Essen gar nicht. Er gärt im Leib nach und produziert als Fusel die übelsten Kopfschmerzen.

Schwarzbrenner wissen: Ein guter Geist (pun intended) wandelt die Stärke und den Zucker des Ausgangsstoffes, also der Himbeere oder des Korns, vollständig in Alkohol, möglichst in mehreren Gängen der Destille. Alle Fuselöle sind getilgt. Ein guter Doppelkorn ist rein und hat Vanille im Abgang (pun not intended). Im Asbach, wir erinnern uns, war der Geist des Weines.

Wie geht LIMONCELLO? Man löst die äußere Schale der Zitrone und lässt sie in medizinischem Alkohol zwei Wochen ziehen und filtert ab. Das ätherische Gebräu wird dann mit warmen Zuckerwasser auf Trinkstärke verdünnt und mäßig gekühlt. Zitronenschalen, Alkohol aus der Apotheke und Zucker von Aldi, und das in Prosecco-Temperatur. Nicht mein Ding.

Ich achte die italienische KULINARISTIK, aber das Zitronenschalengebräu gehört nicht zu meinen Lieblingsgetränken. Sizilianische Weine haben zudem eine Größe, die Liköre gänzlich überflüssig macht. Auch wenn man als gescheiterte Ministerin in den Schoß der Fraktion zurückkehrt. Aber wer Kummer hat…

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SCHNAPS AUS DER KELLE.

Woher kam der Montanbrauch, nach der Schicht einen halben Liter Korn aus dem Fass per Kelle je Mann auszuschenken? Die englische Marine gab traditionell ein Rumdeputat aus. Das Matrosenrecht auf 8 Pint Bier täglich wurde gewandelt in 1 Halfpint Rum; die Rumration hörte auf den Spitznamen „tot“. Under Ages kriegten Grog. Unter den Augen eines strengen Offiziers standen die Matrosen mit ihrem Becher zur Ausgabe an, immer mittags. Die Becher wurden niemals gespült, weil man da abergläubig war. Die Fassstärke soll da gelegen haben, wo heute noch der österreichische Stroh-Rum liegt; kaum vorstellbar.