Logbuch

HEIMAT.

Das Heimatgefühl wächst vor allem in der Fremde. Und es hat nichts mit der Nationalität, dem Pass zu tun. Es sind die Sitten und Gebräuche, das Alltagsleben; das Vertraute, das erst auffällt, wenn es fehlt. So als ich im Französischen, leider schiffbrüchig, unerwartet in das bekannte Gesicht eines türkischstämmigen Freundes schaute. Schot- und Mastbruch waren vergessen.
Der Genfer See nennt sich bei den Eingeborenen Lac Léman, weil er unschuldig tun will. Er ist aber gefährlich, gefährlicher als der Bodensee. Ich gerate in einen Sturm und notlande im französischsprachigen Montreux, wo man nicht tot über ‘n Zaun hängen möchte. In der Bar des Hotels stellt eine junge Frau unaufgefordert einen Whisky vor mich. Ich so: „Quesque c’est?“ Sie so: „Sind Sie nicht Herr K.?“
Es war Lagavulin 16, mein Gift, wie der Engländer sagt. Und wen sehe ich in der Tiefe des Raums hinter der Bar, mir freundlich zuwinkend. Meinen Bartender aus Harry’s New York Bar in Berlin. Den fabelhaften O. aus Kreuzberg. Er hatte sich die Vorliebe für 16 Jahre alten Islay-Whisky gemerkt. Das alles ist zwanzig Jahre her. Ein rauchiger Geschmack mit einer leichten Sherry-Note. Salz und Gras. Heimat.

Logbuch

SELBSTGESPRÄCHE DER MACHT.

Fensterreden interessieren mich eigentlich nicht. Was jemand vorträgt, um andere zu beeindrucken: meist nur Eitelkeiten. Aber die vertraulichen Selbstgespräche der Mächtigen mit ihresgleichen, die müssen spannend sein. Die Stimmen im INNERSTEN der MACHT. Gerade erfahren wir, was im Management eines vermeintlich kriminellen Unternehmen gesagt worden sein soll, als die ermittelnde Staatsanwaltschaft eben diese Beschuldigten darüber informiert haben soll, dass sie, die Staatsanwaltschaft, in dieser Sache eine Presseanfrage gehabt haben soll.
Doppelte, dreifache Vorsicht: Wie bei jedem Hörensagen weiß man nicht, was inwieweit wirklich stimmt. Aber schon der Ton dieser internen Mails von WIRECARD ist literarisch interessant. Und der vermeintliche Vorgang. Die Justiziarin des Beschuldigten will, so ihre interne Bekundung, von der Ermittlungsbehörde erfahren haben, wer da aus der Presse bei der Behörde Interesse am Thema bekundet haben soll. Dieses Gerücht empört nun wiederum Teile der Presse. Und den Oberhirschen der Journalisten. Die UNBERÜHRBAREN fühlen sich berührt. Allerseits Dementis.

Logbuch

ZUR PRAXIS DER GALAXIS.

Kleingeister erkennt man daran, dass sie stets groß denken. Das macht sie politisch so gefährlich. Sie sind immer Agenten des Schicksals, mindestens der Arm Gottes. Es geht ihnen immer ums Ganze. Die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel. Mutter Erde stirbt. Und das epochale Unheil, es ist von MENSCHEN GEMACHT. Die Frage nach den Ursachen ist dabei nicht die nach der Größenordnung oder den wirklichen Gründen. Oder der Verhältnismäßigkeit. Es geht um Symbolisches, sprich kleine Sünden, die große Strafen rechtfertigen.
Der grüne Zeitgeist fiebert, wenn er fundamental wird, in religiösem Wahn. Das KAUSALE rutscht ins SYMBOLISCHE. Das gilt dann auch für die Behebung der Misere. Auch hier muss fürsorglich alles Menschenmögliche verlangt werden. Man soll Buße tun. Sich selbst kasteien. Man kann sich dieserhalben mit einer Peitsche auf den Rücken schlagen oder, so höre ich, eine Dornenkette um den Oberschenkel tragen. Wer war das noch? Die Jesuiten? Auch schwarz-grün.
Man hört schon die Boulevardphilosophen wie Herrn Precht darüber räsonieren, was nach der Corona-Pandemie zu kommen habe, etwa wenn wegen der Klimaveränderung Vater Staat strengere Seiten aufziehen muss. Da sei es dann mit Maskenpflicht und bloßem Hausarrest nicht getan. Das Schreckensbild einer ÖKO-DIKTATUR nimmt für diese modernen Wahrsager wünschenswerte Formen an.
Der grün-schwarze Fürsorgestaat, der hier an die Wand gemalt wird, droht uns ungezogenen Kindern übrigens nicht als strenger Vater, sondern mütterlich, als Fortsetzung des Matriarchats. Es ist daher folgerichtig, dass auf Angela jetzt Annalena folgt. Wir, die ehedem erwachsenen Wähler, werden verkindert und stecken fürderhin als Infanten in der Ödipus-Falle; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Logbuch

KITSCH.

Was ist Kunst? Und was ist Kitsch? Andersherum gefragt: Warum ist Kitsch erfolgreicher als Kunst? Weil Kunst Ansprüche stellt, Kitsch dagegen nichts verlangt, aber immer liefert.

Gestern Abend habe ich fasziniert eine TV-Show mit dem holländischen Orchestermusiker Andre Rieu angesehen. Die Verkitschung der Philharmonie zu einer Fernseh-Show, die mit Operette noch zu positiv beschrieben wäre. Der toupierte Dirigent gibt den Teufelsgeiger. Ich hätte geschworen, dass dieser Kees Kippennöker aus Maastricht keinen französischen Namen hat, aber falsch; der heißt wirklich so, der aufgewienerte Stehgeiger. Interessant die kleinen Portraitschnitte ins Publikum. Man sieht die niederländischen Calvinisten in südeuropäischer Verzückung, fast in Ekstase. Kitsch liefert.

Dann noch ein langes Interview mit Boris Becker, jener tragischen Figur, die mit 17 Jahren wohl gut Tennisspielen konnte und jetzt ein ganzes Menschenleben unter der darauffolgenden Überschätzung leidet. Ich fand den nicht so doof, wie ich gefürchtet hatte. Aber natürlich auch Kitsch. Eine Biographie als Seifenoper. Fast empfindet man Mitleid mit dem in die Jahre gekommenen Bobbele. Er soll für den Auftritt eine halbe Million Honorar gekriegt haben. Respekt. Kitsch liefert.

Schließlich mein Wort zur documenta in Kassel. Bisher habe ich zu dem Thema ja vorsätzlich geschwiegen. Die Invektiven um Antisemitismus berühre ich erst gar nicht, weil mir das Thema zu ernst ist für die Possen, die darum gespielt wurden. Aber doch eine Entschlüsselung des Geheimnisses der documenta: Es ist der unverhohlene Anspruch auf Kunst, den hier vulgärer Kitsch stellt, der diese Ausstellung so berühmt gemacht hat. Na gut, es ist Kunst. Aber diese Kunst liefert nicht.