Logbuch

MÄRWEG.

Die Mehrwegflasche, genannt Dicke Berta, ist unhygienisch; schlecht gespült und bewusst mit chemischen Zusatz versehen wird sie wiederbefüllt. Egal, was zwischendurch in ihr weilte, geht sie dutzendmal wieder an die Lippen.

Und jetzt wird das Schmuddelkind auch noch knapp. Die Brauereien klagen, die Glaspreise seien um 80% gestiegen. Bierflaschen werden knapp. Die Dicke Berta ist nicht nur energie-intensiv, sondern vor allem übergewichtig. Das versaut auf weiteren Transportwegen jede Ökobilanz. Die grünen Seelen müssen jetzt ganz stark sein! Bier trinkt man vernünftigerweise aus der Dose. Es grüßt von der Tanke der legendäre Joe Six-Pack, jetzt als Öko-Held.

Wählt man Weißblechdosen, so können sie nach Gebrauch nur minderwertig eine Nutzung erfahren, sofern sie überhaupt der Müllverbrennung entgehen. Wählt man aber Alu-Dosen, was hier empfohlen wird, so ist wirkliches Recycling möglich. Aus Alu wird wieder Alu, ein geschlossener Kreislauf ist möglich. Alu kann das. Vor dreißig Jahren habe ich mir mit Journalisten in Schweden ein solches KREISLAUF-System angesehen. Klappte perfekt, weil die Dosen hoch bepfandet wurden. Es geht, wenn man politisch will.

Das ökologische Profil einer Verpackung entscheidet sich nicht am Werkstoff, sondern am Recycling. Und der politischen Konsequenz. Der Werkstoff muss so hochwertig sein, dass er ihn erlaubt, den KREISLAUF. Gegen die schlanke Jungfrau aus Alu hat die Dicke Berta aus Glas keine Chance. Das darf hier aber nicht stehen, weil „body shaming“ verpönt ist. So überlebt die Mär vom Mehrweg. Trotzdem gilt: Bier nur aus der Büx!

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CASINO-KAPITALISMUS.

Wucher gehört zu den Todsünden. Ein knappes Angebot an eine hohe Nachfrage zu verteilen, das kann am besten die Börse. Man trennt damit den Preis von den Kosten. So wird Wucher normal, sprich gottgefällig.

Von dem großen Bertolt Brecht stammt der Satz: Als ich sah, wie sie an den Weizenbörsen in Chicago den Hunger der Welt verteilen, und es verstand und zugleich nicht verstand, wusste ich, ich bin in eine böse Sache geraten.

Das wird auch bei der Verwaltung des Mangels an Energie kommen, dass Erdgas an Börsen zum Spekulationsgut wird. Damit erledigt sich die volkswirtschaftlich naive Frage nach den Gestehungskosten; es gilt das höchste Gebot, alle anderen gehen leer aus. Die moraltheologische Frage nach der Verwerflichkeit von Wucher ist damit erledigt.

Was für Diamanten und Derivate kommod sein mag, gilt dann auch für elementare Grundlagen des Lebens, jetzt Energie und morgen Wasser und übermorgen Luft. Ich stelle die Verteilungsgerechtigkeit der Börse nicht in Frage; aber verweise darauf, dass sie für die Verlierer gnadenlos ist. The winner takes it all.

Aus der Kernenergie auszusteigen, das war leichtfertig. Die Erneuerbaren Energien nicht konsequenter auszubauen, fahrlässig. Effizienz nicht klarer zu erzwingen, eine Torheit. Und das Erdgas nicht stärker zu diversifizieren; gar den ausländischen Produzenten direkt an den Kunden zu lassen, ein Kardinalfehler. Übrigens auch dem Steinkohle-Import sinne ich nach. Ich habe Anthrazit-Tagebau in Australien gesehen, vor vierzig Jahren, als die Ruhrkohle AG dorthin Journalisten karrte. Und Steinkohle zu Öl hydrierte, in Bottrop.

Die Apokalypse des Klimas, der grüne Mythos, scheint abgesetzt von der Weltbühne. Frühere Verderben drohen.

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STÄDTEBAU.

Der besondere Reiz, den mittelalterliche Städte bis heute ausüben, ihre bauliche Schönheit, beruht auf einer sehr strengen Bauordnung, auch im gestalterischen und geschmacklichen Detail. Das ist verloren gegangen.

Man begehe in Ruhe die Kleinsiedlungen, die sich jedes Dorf, das etwas auf sich hält, in den Randlagen leistet. Eine Perlenschnur von Grundstücken beidseitig längst einer Straße, in der Häuslebauer nun ihre Seligkeit finden dürfen. Jeder wie er will. Bei zwanzig Neubauten finden sich zwanzig Stile. Eine Siedlung ist dies Sammelsurium wegen der Nähe, nicht wegen eines einheitlichen architektonischen Städtebaus.

Eine gewisse gestalterische Einheit wird deutlich, wenn man sich die Beifügungslogik für die Doppelgarage (Flachdach) ansieht; bestenfalls butt daneben gestellt. Tragisch schließlich das dritte Gebäude, die Gartenhütte. Hier war, verständlich ob des dahingeflossenen Budgets, Papa im Baumarkt und hat für eine kleine Mark eine finnische Hütte geschnappt. Die Bretterbude wird nun zu Tode geschmückt (Lichterkette). Damit das zusammengewürfelte Etwas wie ein Anwesen wirkt, ist es abschließend mit einem Metallzaun einzugrenzen, durch den Plastikbänder gezogen werden (Sichtschutz). Schrebergärtenkultur.

Das Überraschende dieser Vielfalt ist ihre Einfalt: alle machen das Gleiche, aber jeder entschieden anders. Die ganze Situation erinnert ästhetisch an jenen Tag in der Kita, an dem alle Kinder mit jener Kleidung kommen dürfen, die sie selbst schickt finden, auch aus Mamas Kleiderschrank, die sich aber raushalten muss. Ein Sammelsurium der Verkleidung, aber kein Stil, schon gar keine große Mode. Ein architektonischer Kindergeburtstag, diese Schrebergärtenkultur.

Will jemand aber die alten Zünfte zurück, die in den mittelalterlichen Städten strikt regierten, und die Gilden, die die Macht des Geldes im Magistrat durchsetzen? Kein Mensch! Und das Bauen ist eh von unzähligen Vorschriften belastet, die es unnötig verteuern. Niemand will die Kolonie zurück oder die Kaserne. Am Beispiel des Kindergartens: die Schuluniform ist einfach nicht unser Ding. Wir wollen es bunt und locker. Obwohl die Schuluniformen einen sozialen Sinn hatten, der durchaus respektabel war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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SCHNELLE BRÜTER.

Es gibt Menschheitsträume und es gibt Technikfantasien. Zu der Spitze aller Illusionen der Ingenieure gehört die Hoffnung, dass der Ertrag größer sei als der Aufwand. Das Nukleare soll dem nahe kommen können.

Ein grüner Menschheitstraum ist die Annahme vom Genuss ohne Reue. Als Teil der Natur will man ihr nicht mehr entnehmen, als sie selbst regenerieren könne. Man will brav Untertan der Erde sein. Das ist der ideologische Kern des GRÜNEN Zeitgeistes. Kein Raubbau, sondern Nachhaltigkeit. Der fortstwirtschaftliche Ursprung der Nachhaltigkeit ist längst vergessen, weil das ideologische Heilsversprechen so stark ist: NATUR als IDYLLE. Der deutsche Wald als Elysium.

Für die Philosophen unter uns, das ist die Natur von Herrn Rousseau, nicht die von Herrn Darwin. Im Grunde ist es eine religiöse Vorstellung, die des PARADIESES. Darf ich erwähnen, dass selbst die großmäuligen Prediger des Alten Testaments wussten, dass wir als Menschen aus ihm vertrieben sind? Nun aber eine neue Verheißung am Baum der Erkenntnis. Eva lockt wieder Adam. Sie hat da einen neuen Apfel: Die Nuklearphysik verspricht Kernfusionen, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen.

Das hätte meinen Herrn Vater gewundert. Er war mit Leib und Seele Chemiker und wusste, dass die Reaktionsgleichung eine Gleichung ist. Ich höre seine Stimme noch: Wenn zwei Terme einem dritten gleich sind, so sind sie untereinander gleich. Als sein Sohn noch in der Energiewirtschaft war, wurde gerade der Traum von Kalkar beerdigt. Ich meine mich und das damalige Ende der Plutonium-Technologie. In Kalkar sollte ein SCHNELLER BRÜTER mehr nulklearen Brennstoff erzeugen als der Reaktor dafür verbrauchte. Eine Ingenieursfantasie vom Wert eines Menschheitstraums.

Dazu gibt es jetzt wieder aussichtsreiche Experimente. Die FDP zeigt sich sofort entzückt. Viele Skeptiker halten das für eine Büchse der Pandorra, die Menschen nicht öffnen sollten. Das ist aber eine andere Geschichte, würde Kipling sagen. Mein Hinweis ist: das ist nur unter Bedingungen möglich, die außerhalb der Biosphäre liegen. Daher der gigantische Schutzaufwand bei allen Vorgängen der ISOTOPENFORSCHUNG. Was noch außerhalb der Biosphäre liegt? Nun, die Sonne, das ganze All, die Tiefsee und der Urgrund der Erde, wovon die Vulkane künden. Die Bewohnbarkeit der Erde ist eine Episode.

Ich bringe es irgendwie nicht zu einem grünen Naturverständnis. Wenn man Idylle sucht, fürchte ich, ist die Natur schlicht der falsche Ort.