Logbuch

Alfred war ein GRABESRITTER.

Das ist ja ein Ding. Ich hab so manchen Strauß mit ihm ausfechten dürfen. Wenn ich das damals gewusst hätte. Aber am Ende hat er sich nicht gegen mich durchsetzen können. Also alles gut. Altersmilde. In der Todesanzeige eines ehemaligen Kollegen lese ich, dass er ein Ritter vom Heiligen Grab war, eines direkt vom Vatikan gestifteten Ordens, der das Motto „Gott will es so!“ (deus lo vult) führt. Unter dieser Legitimation war schon vor gut tausend Jahren mit den Kreuzzügen begonnen worden, die Jerusalem aus der Hand des Islam befreien sollte. Gottes Wille. Das finde ich beeindruckend schlank. So geht PR. Es ist in einem Satz alles gesagt. Da war ja das Koppelschloss der Wehrmacht noch zurückhaltend, das nur ein „Gott mit uns“ formulierte. Welch ein finales Argument! Angeblich soll es ein Ausruf der Menge gewesen sein, als zum Kreuzzug erstmals aufgerufen wurde, so der Mythos. Plausibler ist, dass die STELLVERTRETER dies den Massen in den Mund gelegt haben. Der Vatikan kannte sich aus in Legitimationsfragen. Mein Herr Vater knurrt noch heute: Sie haben Panzer gesegnet! Da bin ich nicht sicher. Aber sie haben zum Holocaust geschwiegen. Mit einem Satz einen Märtyrer schaffen können; das ist Rhetorik. Alle Achtung. Wie jeder CASUS BELLI veranlasst der KRIEGSGRUND den armen Tropf sein Leben zu opfern; nicht nur seins, auch das anderer. Selbstaufgabe. Andere Geschichte: Aus Frankreich höre ich die entsetzte Stimme eines Lehrers, dass die Enthauptung eines seiner Kollegen durch einen Schüler (wegen angeblicher Gotteslästerung mittels Karikatur) von der Mehrheit seiner Schüler zustimmend behandelt würde. Gott will es so. Diesmal der andere Gott, aber gleiche Logik. Nun will ich den braven Kollegen vom Heiligen Grab nicht mit einem islamistischen Attentäter vergleichen. Nihil nisi. Aber vielleicht tue ich es ja doch. In mir rebelliert die AUFKLÄRUNG gegen das Motto vom Gotteswille. Alle Kritik, hat der Bärtige aus Trier gesagt, beginnt mit der Kritik der Religion.

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FREUNDSCHAFT.

Nicht der Ossi-Gruß. Wahre Freundschaft, jedenfalls vorübergehende. Was man Freunden nicht vergisst. Vor rund einem Jahrzehnt hatte ich mir bei Gartenarbeiten mal den Fuß gebrochen. „Weber B“: für die Chirurgen unter uns. Da baumelt der Fuß nur noch an den Sehnen, weil der Knocken durch ist. Ich lag nach der OP an einem Samstag eine knappe Woche im örtlichen Krankenhaus. Und wer schaut vorbei? Salvatore, der Inhaber der Pizzeria, in die ich damals notorisch ging. Er hatte so was gehört, da wollte er mal schauen. Besucht mich im Krankenhaus, seinen Stammgast. Wir waren nicht dicke, aber man mochte sich. Es war nur eine freundschaftliche Geste, und ich vergesse sie nicht bis zum heutigen Tage. Ich esse inzwischen woanders, wenn Lokale denn mal geöffnet sind, aber eigentlich sollte ich mal nach ihm sehen, dem alten Freund. Kein EUPHEMISMUS. Freund? Eigentlich zu viel gesagt, war ja nur Stammkunde. Aber immerhin-que, wie der Lateiner sagt. Er hat mich im Krankenhaus besucht. Als das noch ging. Lange her.

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Mein Schreiner erzählt von seinem Vater, der habe ein Stück Holz nur in die Hand nehmen müssen, es von drei Seiten angesehen und das Stuhlbein sei fertig gewesen. Beliebte Nahkampfwaffe auf dem Land, das Stuhlbein. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Mein Herr Vater pflegt zu sagen: „Daran, wie der Zimmermann den Hammer hält, sieht man, ob der Nagel krumm wird.“ Wir reden über PROFIS und was einen FACHMANN ausmacht. Es ist diese Kombination von Erfahrung und Leichtigkeit, die mich fasziniert. Ist mir gerade in meinem Job auch mal wieder (selten genug) gelungen, etwas nicht würgen müssen oder zu basteln, sondern einfach mit leichter Hand hingekriegt. Fühlt sich gut an. Jeder Handwerker kennt ein wenig das Glück des Künstlers: Werk gelungen.

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DAS PHANTOM DER NATION.

Ich verstehe nichts von Fußball. Die albernen PHANTOM-DEBATTEN gehen mir aber auf den Geist. Nationalmannschaften? Frankreich schlägt England, lese ich.

Mein Gott, ist das so? Eine Völkerschlacht ist entschieden? Eine GRAND NATION hat wieder über einen Haufen von Piraten und Krämern den Sieg errungen? Wenn schon die Weltpolitik im Ernst nach Nationen geht, warum dann auch noch die Spiele?

Es fing gestern doch schon mit den Nationalhymnen an. Die einen bitten darum, dass ihr mediokrer KÖNIG errettet oder geschützt werde. Die anderen rufen die BÜRGER an die Waffen, um die Erde mit dem Blut der Feinde zu tränken. Genau das sagt die Marseillaise. Mittelalter trifft auf Neuzeit.

Der Inglese ist ein Barbar, der nicht kochen kann. Er ernährt sich von Haferschleim und Bohnen in Tomatensauce, schneidet kalten Braten auf und säuft dazu Bier. Der andere ist ein Bürger edlen Zuschnitts; er pflegt die HAUTE CUISINE und hat hunderte von Käsesorten zu hunderten köstlicher Weine. Das Primitive zu Tisch wiederholt sich nächtens im Bett.

Wo der Franzose ein Zauberspiel der Gefühle zu entfalten weiß, da rammeln die Albinos stur vor sich hin. Licht aus in unbeheizten Schlafzimmern. Queen Victoria bat ihren schottischen Jagdaufseher unter die Kissen, wo einst ein edler Deutscher Dienst tat, Prinz Albert aus Coburg. Aber reden wir nicht vom deutschen Blut im englischen Adel. Das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die legitimen Nachfolger der Römer sind die Franzosen, die Napoleon haben wirken lassen. Den Calvinisten auf den Inseln ist nicht mehr eingefallen, als ihre Frömmler nach Amerika zu verdammen, wo sie bis heute eine unselige Tradition begründen. Schon gut, wenn ich heute morgen lese, dass die Franzosen, die wahren Weltmeister, die Engländer geschlagen haben, oder?

Du siehst es doch schon am PETIT DEJEUNER. In Paris nimmt man einen kleinen Kaffee zu einem Hörnchen und raucht eine Zigarette, im Stehen in einem Bistro; vielleicht noch einen Anis. Der englische Sklavenhändler nimmt gebratenen Speck, Spiegeleier, Schweinswürstchen, gebratene Tomate mit Pilzen, die schon erwähnten Bohnen, Toast mit Butter und bitterer Apfelsinenmarmelade, das alles, nachdem er sich den Magen mit „porridge“ und gesüßten Tee verkleistert hat. Man achte auf die Pansen der Lords und die Knöchel englischer Frauen.

Und immer wieder die Frage: „War er drin oder nicht?“ Wohl kaum, wenn er einen halben Meter über die Latte geht, wie gestern. Man rät mir gerade über die Schulter, ich solle jetzt noch was zum Wembley-Tor von 1966 sagen, das als Lattentreffer oder PHANTOM-TOR in die Geschichte eingegangen sei, weil ein sowjetischer (!) Linienrichter einem Schweizer Schiri zu Dienst (pun intended) war. Tja, die Russen, höre ich. Jetzt auch hier? PHANTOM-DEBATTEN. Ich weigere mich. Nicht mit mir.