Logbuch

SCHLANGE STEHEN.

Der gigantische Trauermarsch zu London, das Defilieren zum Sarg von EIIR zeigt den englischen Nationalcharakter. Er ist es eigentlich, der hier zu Grabe getragen wird. Ein Mythos ist plötzlich leer.

Um von ihrer Königin Abschied zu nehmen, stehen die Engländer Schlange, diszipliniert und bedächtig. Von der City bis weit hinein nach Southwark auf die andere Themseseite. Die Wartezeit beträgt inzwischen unglaubliche 24 Stunden, bis die Trauernden den Sarg erreichen. Man weiß gar nicht, wie sie das physisch schaffen. Welch eine Trauer, welch ein Respekt. Und Wehmut.

Eine Nation weiß, dass das Symbol ihres besseren Selbst gegangen ist. Eine Nation hat mit Elisabeth der Zweiten endgültig sich selbst verloren; und sie weiß es. Man fühlt sich in Leere entlassen. Schon der BREXIT war ein verzweifelter Aufstand gegen die Wirklichkeit. Flucht in eine atavistische Nostalgie. Aber bleiben wir bei #TheQueue.

Man hat es schon immer an Londoner Bushaltestelle bewundern können. Die Wartenden bilden eine Schlange. Alle Menschen, von sich aus. Sich vorzudrängeln, das gilt als unfein. JUMPING THE QUEUE, das ist, wie man heute im Deutschen sagt, ein “no go“. Wir reden über zwei Tugenden und ein ideales Gesellschaftsmodell. Die Tugenden sind die der Höflichkeit und der Freundlichkeit. Man will „polite“ und „kind“ sein. Das sind die Manieren des Gentlemans und der dazugehörigen Lady.

Natürlich ist es historisch richtig, dass beide ihr Vermögen im Sklavenhandel gemacht haben, wenn sie nicht Bergwerksbesitzer waren, die Kinderarbeit zuließen, oder Landadel mit hungernden Kleinbauern. Man lese „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von Friedrich Engels. Oder Dickens. Oder Kipling (vor allem ihn). Das EMPIRE war ein imperialistischer Exzess, über Jahrhundert. Auf dem Rücken der unterworfenen Provinzen entwickelte sich als feiner Zug ein Selbstverständnis des FAIR PLAY; das ist jenes idealisierte Selbstverständnis, das spielerisch GERECHTIGKEIT im Umgang miteinander sehen wollte.

Der englische Fußball hat andere Wurzeln (er ist Fabriksport in der Rüstungsindustrie), aber zumindest ist er Mannschaftssport. Aber CRICKET, das Spiel, dessen Regeln nun wirklich niemand versteht, gilt als die Schule dieses Lebens. Dabei gibt es viel Ironie, auch das eine englische Tugend. Ironischerweise war die Queen, die den Engländern Mut gegen den Angriffskrieg Deutschlands gab, der Herkunft nach deutsch. Die deutschen Battenbergs anglisierten sich zu einem Fake-Adel namens Mountbatten. Egal.

Ein Volk steht als verwaistes Kind am Sarg der Mutter und fühlt sich für immer ins Profane entlassen. Aber so viel Nationalcharakter muss dann doch sein: Brav in der Schlange. Höflich und freundlich. Ich entdecke als Republikaner eine kleine Träne in meinen deutschen Augen. „Nach Ihnen!“ „Sehr freundlich, aber bitte nach Ihnen!“ „Vielen Dank!“

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LARMOYANZ.

Als eine feige Bande erscheinen die Journalisten, die gegen Missstände im eigenen Haus nix sagen wollten, weil sie Angst um den Job hatten. Wie klein. Früher war das das Salz der Erde.

Ist das jener unerbittliche Journalismus der HALTUNG, der seine Opfer ohne jede Gnade entehrt? Zweierlei Maß. Der NDR klärt über sich selbst mittels der Mediensendung ZAPP auf. Habe ich mir leider angesehen, das neueste Praktikantenstück. Wir sehen im Wesentlichen Außenaufnahmen von Gebäuden und zwei, drei Interviews mit marginalen Personen. Eine davon eine Moderatorin, die entlassen wurde und vor dem Arbeitsgericht in zwei Instanzen verloren hat; nennt sich in der PR „verärgerter Mitarbeiter“, eine Quelle minderer Qualität. Die Dame ergeht sich dann auch in anonymes Hörensagen. Sie hat verdeckte Werbung ins Programm gehoben, weil sie Angst um ihren Job hatte; der Markt für „übergewichtige Moderatorinnen“ sei nicht groß. Peinlich. Wehleidig.

Wo sind die Intendanten und Intendantinnen als Arbeitgeber? Warum schützen sie ihre Leute nicht? Macht sich irgendjemand Gedanken darüber, welches Bild von Journalismus hier gezeichnet wird? Ich meine nicht jenen Eindruck durch die aufgefallenen angeblichen Bösewichter (beim NDR alles Peanuts für meine Begriffe oder regelrechte Falschdarstellungen), sondern der Eindruck, den jetzt die Saubermänner von der Profession machen. Diese Selbstaufklärung ist dünn, sehr dünn. Eine Nacherzählung der Gerüchtelage ohne einen Hauch frischer Erkenntnis. ZAPP ist echt schlapp.

Sind das die Kräfte der Selbstheilung? Paaah. Was bleibt ist der Eindruck einer Kaste im Treibsand der Selbstdiskreditierung. Fast hat man als PR-Mann Mitleid. Aber auch das ist nicht nötig. Das Selbstmitleid ist bei den HALTUNGSJOURNALISTEN ohne Rückgrat ja schon groß genug. Einst Scharfrichter, jetzt Jammerlappen.

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UND JETZT ACTION.

Hollywood ist in das bescheidenste Leben eingezogen. Man macht Tick-Tock-Filmchen. Episoden, die in ihrer Banalität nicht zu unterbieten sind. Laienschauspieler all überall.

Dümmer geht es nümmer. Die neue Massenkultur.

Immer schon hat intellektuelle Beobachter fasziniert, was eine MASSE ausmacht, eine große Ansammlung von Menschen, kurz DIE MENGE. Dabei gibt es ein Wahrnehmungsmuster, nach dem der einzelne Mensch gut ist, aber der tobende Plebs eine Bestie. Von Pogromen wird berichtet, brutalen Horden, Hooligans. Vieles dabei feierte im Faschismus Wiedergeburt.

Diese MASSENPSYCHOLOGIE war nie eine Wissenschaft, sondern immer eine Sammlung von historischen Beobachtungen der unteren Stände, die die Angst vor dem Volkszorn geboren hat. Man glaubte, dass der Mensch in der Masse sich dort enthemmt. Daran denke ich, als ich im TV den Trauerzug der Queen im schottischen Edinburgh sehe. Es gibt einen Kameraschenk über die Zuschauermenge und ich traue meinen Augen nicht. Da stehen Tausende mit erhobenem Arm.

Nun ist eine Analogie zum Hitlergruß an diesem Ort völlig absurd, aber man sieht kein Meer von Köpfen, sondern Heerscharen erhobener Arme. Was dort angesichts des königlichen Sarges hochgereckt wird, sind Handys, mit denen der Trauerzug gefilmt wird. Aber nun aber auch von jedem in der Menge. Ein Volk der Handyfilmer. Das hat keine Würde und wirkt wie die Steigerung des Gaffens. Die filmischen Produkte der Sensationslust werden anschließend die Sozialen Medien fluten. Ekelhaft.

Ich erinnere eine ähnliche Beobachtung in Rom im Vatikan. Der Papst erschien an einem Fenster und die Menge riss den Arm hoch. Nun ist man in Italien ja nicht sicher, ob sich da eine Brüderschaft alter Zeiten erinnert. Gestern Abend meine ich sogar den greisen Berlusconi in einer italienischen Wahlwerbung gesehen zu haben. Straffe Gesichtshaut, tote Augen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Bisher hatte ich diesen Zwang, das Leben in Instagram-Episoden zu leben, nur bei chinesischen Prinzlingen erlebt, die im Sternerestautant ihre Gerichte extensiv filmen, bevor sie sie nachlässig herunterschlingen. Jetzt also auch bei John und Jane Brown. Wo demnächst noch? Was noch? Hochzeitsnacht? Kreißsaal? Letzte Worte, und zwar als Filmchen auf YouTube? Das gäbe den Letzten Worten Goethes neuen Sinn. Er soll sich gewünscht haben: „mehr Licht“!

Aber bitte nicht auch noch hier episodische Witzchen. Denn was bleibt, das ist Erkenntnisekel.

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DER BAUCH VON BERLIN.

Großstädte nähren sich aus Großmärkten. Legendär sind „les Halles“ in der französischen Metropole, die dem Roman von Emile Zola den Titel gegeben haben: Der Bauch von Paris. Ich erinnere einen ähnlichen Ort in London an den dortigen Schlachthöfen. In einem Restaurant gab es Knochenmark, das mit dünnen Löffeln aus den Beinknochen gelöffelt wurde. So lang wie Schullineale lagen die gerösteten Knochen auf den Tellern. Die Speisekarte hatte den Titel “nose to tail“, weil sie von den dort geschlachteten Tieren einfach alles servierten.

Im politischen Berlin ist für den Magen der Regierenden das BORCHARDT zuständig; von den ministerialen Schergen einfach nur “die Kantine“ genannt. Touristen, so sie in den Heiligen Hallen einen Platz ergattern, bestellen hier das sprichwörtliche Wiener Schnitzel; der kundige Thebaner weicht dem immer aus. Die Karte ist klein, aber wohlgewählt. Aber es soll heute nicht von KULINARISTIK die Rede sein. Im BORCHARDT fühlt man, ob das politische Berlin Bauchweh hat. Das ist der Fall.

Die AMPEL, die die Koalition der „Zeitenwende“ stellt, beruhte, das wissen die Insider, auf einem Einverständnis von Robert Habeck (Grüne) und Christian Lindner (FDP); das war der Nukleus. Hier wurde entschieden, dass man für dieses Bündnis von Gelb & Grün den SCHOLZOMATEN als Kanzler akzeptiert. Und Habeck die Dame mit dem Bullerbü-Ton im Ministerium des Äußersten als feministische Bellizistin wirken lässt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Nun sagt mir mein Kellner im Bauch von Berlin, die Stimmung zwischen den Häusern sei schlecht. Er wirft dabei seine Stirn in Falten. Er meint das Wirtschafts- und das Finanzministerium, also Habeck und Lindner. Nach allem, was gesagt ist, ein schlechtes Zeichen. Jedenfalls kein gutes. Das gegenseitige Vertrauen schwinde, man belauere sich. Der Bauch von Berlin übersäuert. Rennie-Alarm!

Nun muss man dieser Regierung tatsächlich eines zu Gute halten: die jeweiligen Fraktionen muten ihren Parteien einiges zu. Das ist immer die Sollbruchstelle: Was hält die eigene Basis noch aus? So betrachtet geht es den Roten deutlich kommoder als den anderen beiden Farben. Die Sozen verteilen süße Placebos für ihre Anhänger, während die Liberalen und die Grünen vorwiegend bittere Medizin an ihre Klientel zu verabreichen haben. Der Erfolg des einen ist immer der Ärger des anderen.

Wir sind im BORCHARDT nicht sicher, wie lange das noch hält. Das macht uns Sorge. Keine Alternative in Sicht. Friedrich Merz, der leere Anzug, der verkehrt hier nicht.