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POMPÖS.

Gestern bei den Berliner Philharmonikern voller Saal bei voller Bühne. Wir haben das große Orchester mit einer blonden Dame im Mezzosopran, vielen Damen des Rundfunkchores und allen Knaben des Staats- und Domchors Berlin, insgesamt gut zweihundert Personen auf der Bühne. Ein kanadischer Dirigent arbeitet sich durch die 3. Symphonie von Gustav Mahler, ein Monstrum in d-moll von gut hundert Minuten Länge.

Zur Vorbereitung hatte ich gestern bereits die Generalprobe besucht und bewundert, wie nett der kleine Mann am Pult mit dem Knabenchor umging. Sie sollten bitte, sagt er ihnen, Fröhlichkeit in ihren Gesang legen, so als gäbe es morgen Ferien. Das Libretto, sprich der von der Hundertschaft zu singende Text lautet: „Bimm, bamm, bimm, bamm.“ Kein Witz. Es ist als „Armer Kinder Bettlerlied“ von Mahler benannt. Wenig später haben dann Frauen- und Knabenchor noch mal einen gemeinsamen Einsatz; er lautet: „Bimm, bamm, bimm, bamm.“ Text nach Achim von Arnim und Clemens Brentano aus „Des Knaben Wunderhorn“; kein Witz.

Auf dem Schnittchenteller Lachs, Camembert, Kartoffeltörtchen und kleine Bulette. Weißwein, wenigstens kalt. Auf dem Heimweg denke ich über den „carbon footprint“ nach. Ich meine, zweihundert Leute, die ja alle ein- und ausatmen: Was das an CO-Zwei bringt? Eigentlich unverantwortlich. Ein einzelner Hornist hatte es nicht mal mehr auf die Bühne geschafft und spielte seine Soli hinten aus dem Saal. Obwohl, das war bei der Generalprobe auch schon so. Irgendwie pompös, dieser böhmische Banause.

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BIG TIME CRIME.

Mit halbem Auge sehe ich einschlafend noch einen Krimi im Fernsehen, der so läppisch angelegt ist, dass es den Zuschauer beschämt. Dabei ist unsere Zeit doch voller Stoffe ganz großer Verbrechen. Drei Notate dazu.

Die Gattung wurde unter der Engländerin Agatha Christie populär, die in hunderten von tief albernen Erzählungen abgeschmackte Gesellschaftsspielchen abwickelte. Dazu brachte sie eine radikal begrenzte Anzahl von Charakteren in einen strikt geschlossenen Raum und ließ den Leser raten, wer es von denen wohl war, der Tante Käthe das Gift in den Cherry gemixt hatte. Am Schluss immer wieder eine Aufklärungsrunde mit überraschender Wendung. So ging das beim Doppelmord auf Schloss Käsekuchen und anderen Belanglosigkeiten. Ja, und gelegentlich war der Mörder der Gärtner. Eine tuntige Tantenliteratur.

Die amerikanische Tradition bringt das Verbrechen zurück auf die Straße, wo es zuhause ist. Wir lassen uns von Dashiell Hammett und Raymond Chandler nach Amerika entführen, dem Land des Big Time Crime. Der zynische Privatdetektiv Philip Marlow wird uns auf immer durch die Schauspielkunst des fabelhaften Humphrey Bogart präsent sein. Ein Archetyp! Vieles was uns noch heute in den USA irritiert, wird schon hier geschildert; ich ahne, was die „hardboiled school“ zu Trump und Musk und dieser dunklen Welt schriebe. Ich erinnere: „Big time crime does not come from people that hold up liquor stores.“ Wie wahr.

Dann neuerdings die Kategorie „true crime“, das tatsächliche Kriminalfälle erzählen will, zum Teil simultan zu den entsprechenden Gerichtsverfahren. Mit so bitterem Fällen wie Missbrauch, Entführung oder gar Ermordung von Kindern durch ihre Mütter. Ich lese unter den Ghostwritern berühmte Namen von Strafverteidigern und PR-Leuten; nicht alle in tadelloser Mission. True crime? Das wäre mir recht, wenn es ein Raymond Chandler schriebe; es schreibt aber eine Agatha Christie. Did I make myself clear?

Übrigens ist der Chandlersatz bei Diogenes durch Hans Wollschläger falsch übersetzt. Er spricht von Leuten, die einen Schnapsladen „betreiben“; der „hold up“ ist aber ein „rob by gun point“, also ein Überfall mit Mitteln des untersten Milieus. Sagen will er: Das große Verbrechen stammt nicht von den ganz kleinen Leuten. Der Fisch stinkt vom Kopf. Das ist ganz eindeutig ein soziologisches Argument. Klar?

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EMPFINDSAMKEIT.

Das Mutterland der Modernen Zeiten, die USA mit der Hauptstadt San Francisco, hält nicht nur die Fackel der Freiheit hoch, auch die der Empfindsamkeit. Das ist eine kulturelle Regung, deren Wurzeln im Europa des späten 18. Jahrhunderts liegen und in der Neuen Welt verkommt. Zwei Beispiele.

Kein Roman wird dort auch nur lektoriert, geschweige denn gedruckt, wenn er nicht durch die Zensur eines „sensivity readers“ gegangen ist. Was dem Gebot der Empfindsamen widerspricht, ist zu tilgen. Ich zitiere: „Sensitivity Reading (or a "diversity check") is an editorial process where a manuscript is reviewed by experts with lived experience in marginalized or underrepresented communities. The goal is to identify harmful stereotypes, biases, or discriminatory language regarding race, gender, disability, or mental health before publication.“ Da bleibt nichts.

Zum Zweiten: Dem im Kongo mit Ebola infizierten Arzt amerikanischer Nationalität ist vom Weißen Haus die Heimkehr in die USA versagt worden. Er befindet sich nach üblen Verzögerungen nun mit Frau und seinen vier Kindern in der Berliner Charité. Die deutsche Klinik benennt sich nach dem lateinischen Caritas, was Luther Nächstenliebe genannt hat. Meint Empfindsamkeit. Oder eben deren Abschaffung.

So sehe ich die junge Nationalkultur der Amis in zwei Hälften zerfallen. Zwei kulturelle Ansichten. Beides böse. Auf gut Englisch: Paradise lost.

 

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TESLA.

Die Ökobilanz eines Batterieautos ist schlechter als die eines Diesel, wenn sie wirklich ganzheitlich und über die volle Lebenszeit des Gefährts durchgeführt wird. Tesla ist ein affiger Kult, mehr nicht.

Wer auf Twitter ein böses Wort zu Tesla sagte, durfte sich schon immer mit einer ganzen Horde von Fans des kalifornischen Wunderautos rumschlagen. Nicht alles natürliche Personen; auch Sockenpuppen und Roboter gehörten zur Gemeinde. Wie der kalifornische Wundermann Elon Musk, dem Tesla gehört, im Internet seine Geschäftsinteressen pflegte, das war schon eindrucksvoll. Kritiker ernteten koordinierten Hass.

In meiner Nachbarschaft gibt es einen Berufspolitiker der dritten Reihe in der SPD, der sich als stolzer Besitzer eines US-Wunderwagens im Netz zeigt. Er hat sein Batterieauto so angemeldet, dass es im Nummernschild seine Initialen zeigt. Die Blonde findet das affig. Der Sozi will mit dem Besitz der US-Schüssel etwas beweisen; er prahlt mit dem Auto. Was dem Grünen in Berlin das holländische Lastenrad ist dem Roten sein Tesla. Der Manta von Herrn Musk. Die Marke steht für Gesinnung.

Dafür habe ich Verständnis. Nie würde ich zum Beispiel in einen OPEL steigen. Der Manta-Wahn gehört nicht in meine Welt, seit ich mich für VOLKSWAGEN mit GENERAL MOTORS gestritten habe, denen damals Opel gehörte. Heutzutage ruiniert PEUGEOT sein Image mit den elenden Schüsseln aus Rüsselsheim. Da blutet mir das Herz; ich hab mal, stolz wie Oskar, einen Peugeot 504 Ti Automatik gefahren. Mein erster Neuwagen. Mein späterer Chef Ferdinand Piëch hat mich mal danach gefragt, irritiert geguckt, aber den Franzosen knapp durchgewinkt. Ich hatte ihm gesagt, das sei Vorsprung durch Technik gewesen.

Reden wir also über den ehrgeizigen Muttersohn Elon Musk, seine kalifornischen Traumfirmen und die Art, wie er gerade 3500 Leute bei Twitter mit einem lakonischen YOU‘RE FIRED fristlos an die Luft gesetzt hat. Der Headcount an natürlichen Personen wird wohl eine geringere Zahl finden, da die Hälfte aller Stimmen bei ihm schon immer Sockenpuppen und Bots waren.

Ich glaube übrigens nicht an die Batterie.