Logbuch

Was von der Pandemie bleiben wird? Die Enteignung des (privaten) Wohnzimmers zum Büro (des Arbeitgebers), sprich erzwungene HEIMARBEIT. Die Atomisierung der Schreibsäle zu Schlafzimmerkanzleien. Die Virtualisierung des Bureaus als Immobilie. Irreversibel, so nennt man eine Entwicklung, die sich nicht wieder umkehren lässt. Das Modewort heißt ja „disruptiv“, weil man sich beeindruckt zeigt, wenn eine Innovation von heute, die von gestern ablöst. Das ist aber nur der halbe Gedanke. Man kann aus Eiern ein Omelett machen; aber aus einem Omelett keine Eier. Eine Unumkehrbarkeit ist gnadenlos. Gerade sagt ein Allianz-Vorstand, er könne sich durchaus vorstellen, dass die Hälfte der Belegschaft im Home Office bleibe. Für immer. Das glaube ich auch. Die ökonomischen Vorteile der Virtualisierung von Kooperation sind so gigantisch, dass sie sich als irreversibel erweisen wird. Der Lektor meines neuen Buches sitzt in einem Ort namens Mumbai. Das ist, glaube ich, Bombay. Im Home Office. Weil es gerade regnet, sagt er. Da regnet es immer.

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Heinrich Heine erzählt in seinen Artikeln für die Allgemeine Zeitung 1832 von der Pandemie in Paris, dass die Särge ausgegangen seien und die Choleratoten nur noch in Säcken beerdigt wurden. Zwei Knaben hätten neben ihm gestanden und ihn gefragt, ob er sagen könne, in welchem Sack auf dem Leichenberg wohl ihr Vater läge. Es sei „sehr störsam, wenn einem beständig das Sichelwetzen des Todes allzu vernehmbar ans Ohr klingt.“ Das ist uns ja dann doch bisher erspart geblieben.

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Vergleiche menschlichen Verhaltens mit dem von Tieren sind akademisch irgendwie aus der Mode. Zu Unrecht. Sehe diesen Film über Auerhähne. In der Biologie „der theatralische Ur-Hahn“ genannt. Sein, die Begattung einleitendes, Tanz- und Gesangsverhalten nennt sich BALZ. Diese Vögel führen es auf dem BALZPLATZ auf. Balzen auf dem Balzplatz. Alle Männchen posieren und plärren vor allen begattungswilligen Weibchen. Die besten Balzer bestimmen die Performance , dann die Kultur und am Ende qua Evolution die Art. So, genauso geht TWITTER.

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BEILEID.

Manche Stücke formen auf immer die Erinnerung, obwohl im Inhalt kaum bekannt, nur weil ihr Titel so einprägsam. So geht es vielen Menschen der Gattung „Rollkoffer“ mit Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Wir reden von den Rastlosen im Außendienst, die es durch die Lande treibt, als seien sie notorisch nichtsesshaft. Diese ambulanten Gewerbetreibenden versammeln sich nächtens in billigen Hotels, Orten ganz eigener Verzweiflung. Auch Spitzenpolitiker kennen das.

Neben dem amerikanischen Opus vom Salesman erinnern wir Mobilen mit Rollkoffer das tragische Foto des deutschen Politikers Uwe Barschel, der im Genfer Beaux Rivage in seiner Badewanne ertrunken aufgefunden wurde. Oder ertränkt. Der STERN machte das zum Titel; nicht sehr pietätvoll. Bis heute sind die Umstände ungeklärt. Sicher ist nur, dass es sich um eine persönliche Tragik zeitgeschichtlicher Bedeutung handelt. Auch seine parteipolitischen Gegner hat das Geschehen gezeichnet. Leid auf allen Seiten.

Jetzt also der Tod eines bayerischen Politikers in Berlin, der mich betroffen macht, weil so tragisch banal. In der Mitte des Lebens. Wohlgemerkt, den Angehörigen jedes Mitgefühl. Und ihm, den ich nicht kannte und wohl auch fern war, ewige Ruhe in Gottes Hand. Aber in mir rumoren Fragen. Warum war er, der stellvertretende bayerische Ministerpräsident, ausgerechnet im Berliner Hotel „Neuer Fritz“? Das ist dem Ortskundigen völlig unplausibel. Es handelt sich um eine DDR-Platte am Schiffbauer Damm, eher mittleren Zuschnitts, allerdings über der Kultgastronomie „Grill Royal“. Austern-Alarm. Da steigt ein Spitzenpolitiker ab? Und warum ohne Kommando, sprich die obligatorische Sicherheit? Da stimmt was nicht.

Es schnürt den Hals zu, wenn man annehmen muss, dass dem Mann schon tagsüber übel war und er allein und einsam auf einem Hotelzimmer zu kämpfen hatte. Man möchte ihn vor falschen Assoziationen bewahren, die mit der Nennung der Barschel-Affäre verbunden werden könnten. Dafür gibt es nicht den geringsten Anschein. Alleiniger Gegenstand des Interesses ist Mitgefühl. Und die Angst vor einem einsamen Tod in einem Hotelzimmer gemäß Arthur Miller. Jeder Handlungsreisende hat dieses Trauma. Wehe dem, der fern der Heimat und allein, in fremden Trubel und doch voller Zweifel, wenn still. Beileid.