Logbuch
AGIL WIE VERGIL.
Es plaudern Insider immer in einer Fachsprache, was den Laien ärgern mag, aber einfach der Fachlichkeit dient. Man will einer eindeutigen Bezeichnungsfunktion dienen. Denomination genannt. Wenn der Mediziner „Krebs“ sagen würde, könnte es ja auch ein anderes Krustentier sein, Hummer oder Garnele. Er meint aber „Cancer“ und trägt nur ein „Ca“ im Krankenblatt ein. Es geht dabei eher nicht um sein Abendessen.
Für den Chemiker ist es ganz elementar, die Elemente sauber auseinanderzuhalten. Obwohl, da geht’s schon los, mein Herr Vater war Chemiker; er hätte nicht verstanden, warum es moralisch verwerflichen Kohlenwasserstoff gibt und ethisch erhabenen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Soziologisch dient die Fachsprache der Distanzierung des Laien; der Ärger ist also gewollt. Quod licet iovi non licet bovi. Was für Jupiter gilt, gilt nicht für den Ochsen.
Ich hätte das mit dem Rindvieh und Gottvater (Jupiter ist der römische Zeus) auch gleich deutsch sagen können. Aber wie der weißbekittelte Onkel Doktor mit dem Krustentier fröne ich der Latinitas. Wessen Bildungsbiographie nicht vergönnt war, Latein zu lernen, dem bleibt ja noch Dinglisch. Der freundliche Inder spricht bei diesem Jargon vom Tauben-Englischen, warum auch immer.
Ich höre im eigentlich immer unsäglich woken Deutschlandfunk einen Personalchef einer Aktiengesellschaft sagen, dass man sich bemühe, die „Mitarbeitenden zu Leadership zu enabeln“. Der Enabler ist ein Ermöglicher; na gut. Die Mitarbeitenden sind Männlein wie Weiblein wie Hermaphroditen in abhängiger Beschäftigung; auch noch verstanden. Aber LEADER, das ist ja wohl der Führer. Nachfragen erlaubt.
Lassen wir mal Braunau (Geburtsort von Herrn Schicklgruber jun.) außen vor. Und billigen zu, dass Verantwortungsbewusstsein und Eigeninitiative zu fördern sind, aber tatsächlich alle in der Mannschaft zu Offizieren machen zu wollen, das ist organisatorisch herausfordernd. Aber man will sich dazu committen. Na dann. Wenn das committet ist.
Es kann nicht ganz einfach sein, einen ohnehin trägen Teil der Verwaltung (Lähmschicht, Kissenpuper) von der Anwesenheitspflicht zu befreien (Home Office genannt, was eigentlich zu Deutsch Innenministerium heißt) und so selbst die Kommunikation auf dem gemeinsamen Gang in die Kantine („Mahlzeit!“) zu unterbinden und damit Produktivität zu steigern. Das war falsch. Jetzt klebt es an denen, die es verbockt haben. Da muss man Geschnatter in Dinglisch über Agilität (sic) hinnehmen. Wie wäre es mit „AGIL mit VERGIL“?
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PYGMALION.
Wenn es eine Mundart gibt, die selbst Linguisten in die Verzweiflung treibt, so ist es der Slang der Londoner Unterschichten namens Cockney. Er liebt es, reimend gebräuchliche Wörter durch Eigenbildungen ganz oder teilweise zu ersetzen und dabei pragmatische Regeln anzuwenden, keine linguistischen. Es wird gereimt, aber mit willkürlichen Ersatzwörtern, die ähnlich lauten.
Man kann das in Oscar Wildes Stück PYGMALION nachempfunden finden oder in MY FAIR LADY; das ist ein Marktweib (a lady from the fair) aus dem vornehmen Stadtteil Mayfair (sic), also eine vornehm tuende Weiblichkeit niederen Zuschnitts. Man interessiere sich für Wette der Gentlemen in PYGMALION um die Zukunft des Blumenmädchens.
Ich sage das zur Entlastung der amtierenden Bundesministerin des Äußeren, die gerade den TV-Kameras anvertraut hat, dass sie sich um die Regierung des Libanons kümmere, die eine geringe „Durchschlafkraft“ habe. Also schon wieder kein Speck der Hoffnung.
Das ist Cockney. Offensichtlich während des extensiven Studiums des Völkerrechts in London erlernt. Übrigens hat das Blumenmädchen im AA gerade auf die künftige Kanzlerschaft verzichtet. Wenn wir also in der nächsten Legislatur die schwarzgrüne Wende kriegen, muss das jemand anderes machen. Trauzeugen aufgepasst! Bestman Alarm.
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MÄNNERGRIPPE.
Der Mann ist das empfindsamere Wesen. Jedenfalls das empfindlichere. Das hat die Natur so gewollt, weshalb die Frauen die Kinder kriegen. Und die Kitas spielen in der frühkindlichen Erziehung die ganz wesentliche Rolle der Durchseuchung mit insgesamt 60 Infekten. Beides zusammengenommen führte dazu, dass ich Männergrippe habe. Und zwar echt schlimm. So schlimm, dass ich den Hausarzt aufsuche. Wg. Rezept.
Ich will harte Drogen. Weil viel hilft viel. Es ist mir so elend, dass ich gern ein Bombenantibiotikum hätte, so ein Mega-Peniszilin. Und diese Schmerzmittel für Pferde, die man auch auf der Drogenszene verticken kann, weil sie als halal gelten. Gern auch eine Kernspinntonographie. Auf keinen Fall etwas Homopathisches; das ist mir zu schwul. Mein Hausarzt ist von großer Geduld und einiger Erfahrung.
Mein Elend ist viral, sagt er; da hilft kein Peniszilin. Er rät zu Kapuzinerkresse und Mehrrettich. Alta, ich sterbe und die geben mir Brunnenkresse und Radi. Ein pflanzliches Medikament? Ökokacke! Wenn es dann nicht in drei Tagen besser sei, solle ich eine Mail schreiben. „Dann ändern wir die Strategie.“ Ich habe dann vergessen, ausdrücklich nach Fentanyl zu fragen.
Mir ist besser. Vom Totenbett auferstanden. Wird wohl nix mit den Opiaten, die ich auch im Görli verticken kann. Kresse oder Mehrrettich gehen da eher nicht, vermute ich. Das war knapp.
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AUS DER ZWEITEN REIHE.
Wer sich ein Bild machen möchte, der sitzt am besten in der zweiten Reihe. Die erste Reihe ist im politischen Theater immer Teil der Aufführung. Die Kameras sind oft nicht nur auf die Bühne gerichtet, sondern auch die Frontlinie des Parketts. Man will einfangen, wie das Publikum reagiert. Man sieht Beifall, aber auch Gähnen, selten Protest und Männer, die statt Strümpfen Socken tragen. Oder an ihren Handys daddeln.
Die zweite Reihe gibt dem Betrachter Schutz, aber ist eben auch noch nahe genug dran, um jene Regungen mitzukriegen, die die Fotografen nicht mehr einfangen. Das betrifft die Berühmtheiten, aber auch deren Entourage, und die kleinen Momente der Privatheit im öffentlichen Trubel. Ich werde dazu hier nichts Despektierliches berichten, weil ich meinen reservierten Platz in der zweiten Reihe nicht verlieren mag, den ich einem politischen Ehrenamt verdanke. Ich zahle dafür mit ernstem Gesicht und gelegentlichen Bravorufen.
Gestern also der Kanzler und der Vizekanzler, Friedrich Merz und Lars Klingbeil, eine junge Bundesministerin aus einem Haus minderen Rangs, ein gelernter Staatssekretär aus einem höheren Belang und Beamte mancher Ministerien. Sie alle kämpfen, jeder für sich, aber doch als Gattung, einen Kampf gegen die Beiläufigkeit des politischen Geschäfts. Mit einigem Respekt sehe ich die Bemühungen um Gewicht.
Der Lateiner nennt dieses Ziel der öffentlichen Rede „gravitas“; das meint ein inhaltliches Gewicht, das den Geschäften mit dem unvermeidlichen Gewusel eine Geltung vor der Geschichte gibt. Daraus zieht das Publikum nämlich jene Hochachtung, die Autorität verleiht. Man spricht von Charisma. Charismatisch macht nicht das Amt; es ist eine Zumessung an den Inhaber, an eine Person. Schnell ist vergessen, wer frei davon.
Dieserhalben muss man lange Linien ziehen können, große Bilder malen, treffende Worte finden. Die Zeitgenossen erinnern ja, was jene vortrugen, die sie als Vorfahren verehren. Ein Sozialdemokrat hat wie Willy Brandt, mindestens wie Helmut Schmidt zu klingen. Bei einem Konservativen möchte man Helmut Kohl hören, wenn nicht gar Ehrhardt oder den alten Adenauer. Das ist ungerecht, weil was diese zu Vorbildern erhebt, das ist unsere Erinnerung, die bekanntlich vergoldet.
Da mir das klar, betrachtet ich mit Nachsicht und Geduld das Geschäft der mittleren Gewichte im Bestreben um Größe. Klingbeil war übrigens echt gut gestern. Merz ganz okay; der kann das. Ich wünsch denen einen langen Atem.