Logbuch

JETZT MAL WAS KONSTRUKTIVES.

Ein Freund fordert mich zu positiver Utopie auf. Man solle darauf achten, in all der Polemik über Politisches nicht selbst zur toxischen Persönlichkeit zu werden. Da ist was dran. Ein kluger Publizist nennt das Logbuch gelegentlich gar „gallig“; weniger Galle und mehr Gemüt? Geht das?

Mir hängt ohnehin ein DICHTERWORT nach, dass davor warnt, sich dem Zorn auf die Zeiten zu ergeben. Es stammt von dem ins Exil gezwungenen Brecht, mit dessen Schicksal man sich nicht vergleichen will; aber umso ernster vielleicht seine Warnung an die Nachgeborenen: „Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. Dabei wissen wir doch: Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht Macht die Stimme heiser.“

Brecht hat sich mehr FREUNDLICHKEIT in der Welt gewünscht. Man kann sich aber nicht vorstellen, dass dies auf Kosten der Ehrlichkeit gehen sollte. Wie also finden wir in all dem Hohn zu mehr Heiterkeit? Und zu Freundschaftsdiensten? Macht man sich damit nicht zum Idioten? Das Übelste, was einem Kabarettisten passieren kann, ist für einen Humoristen gehalten zu werden.

Da ist noch was; Brecht nennt den Zweiten Weltkrieg einen „Krieg der Klassen“. Da spricht der Marxist aus ihm. Ich habe recht genau studiert, was er sich da so angelesen hat. Darauf liegt ja nun wirklich mittlerweile die Patina der Zeit. Nichts, was der Vulgärmarxismus so vorträgt, sagen wir zum Thema Kolonialismus, ist ja noch geeignet, die Welt zu erklären. Stichwort Seltene Erden in anderer Herren Länder. Es geht schon wieder los. Das ist wieder gallig, obwohl es gemütvoll sein sollte.

Meine Feder taugt nicht für‘s Freundliche. Ein galliger Ghostwriter. Ich sollte Gastwirt werden oder Gärtner.

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ZERRÜTTET.

Die Ampel hätte alles gehabt, um zu einem Erfolg zu werden; sie hat es kontinuierlich zu einer Zerrüttung genutzt, die ihresgleichen sucht. Es ist wie bei schmutzigen Scheidungen im Privaten: Man will als Außenstehender irgendwann mit den Zerstrittenen insgesamt nichts mehr zu tun haben. Fassungslos stehe ich vor dem Bedeutungsverlust von SPD und FDP. Grüne Freunde reagieren wie eine vom Leben beleidigte Sekte. Und die originäre Kraft der Union gegen die Neue Rechte sehe ich nicht so recht.

Die SPD ist, da ich auf die Welt kam, mit einem Drittel der Wählerstimmen angetreten; sie hat das nie allein auf die Hälfte ausbauen könne, aber stolze 40 % waren es doch. Keine absolute Mehrheit, aber doch attraktiv für Gelbe und dann Grüne. Sie war eine veritable Volkspartei links der Mitte und in der Mitte; sie verstand sich so. Jetzt hinterlassen diese Figuren im Willy-Brandt-Haus ein Trümmerfeld von einem Sechstel, bittere 16 %. Restsozen, zu allen bereit, wenn es noch ein paar Posten bringt. Projekt Abendsonne im Altersheim.

Denn der magere Hund Merz braucht sie als Schwanz, mit dem er wackeln kann, die elenden Mehrheitsbeschaffer. Liebe Freunde, Frühlingserwachen sieht anders aus. Im Tauwetter sehe ich an den Bäumen in meinem Garten die ersten Knospen, aber Osterstimmung scheint mir in der Politik sehr fern. Abgeschmackte Figuren des zerrütteten Systems stehen auf der Bühne rum, aber es wird kein neues Stück gegeben. Sicher ist nur, dass es im Parlament drei starke Oppositionsgruppen geben wird, die Grünen, die Roten und die Blauen; untereinander nur in Missgunst verbunden, also gar nicht. Sprechen wir es aus: Der wirkliche Gewinner des inszenierten Kampfes gegen Rechts ist die AfD.

Die Regierungsbildung geschieht nun während des Karnevals, sagt der designierte Kanzler; das glaube ich auf‘s Wort. Sauerländische Fassenacht. Genauso sieht das auch aus. Abgeschmackter denn die Vorjahreskostüme Klingenbeil und Esken kann man nicht sein. Karikaturen ihrer selbst. Und natürlich ist die Union in der Merz-Falle: ein dürrer Verwaltungsjurist bastelt uninspiriert rum. Politik als Heimwerkerkunst.

Die eigentliche Aporie ist nicht gelöst. Wie umgehen mit der Neuen Rechten? Hier sind 20%, die 25 werden, wenn nicht 30. Bisher haben wir hier als Strategie der Union das Genie des kleinen Kindes bei Gewitter: die Augen zuhalten beim Blitz, die Ohren verschließen bei Donner. Es gibt geographisch wie sozial wie altersmäßig ganze Kontingente, die an die AfD strukturell verloren sind. Die Ossis, die armen Alten und die metropolen Jungen. Wer darüber nicht den Verstand verliert, hat keinen zu verlieren.

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FINGERFOOD.

Wie kann es Unklarheit darüber geben, wieviel Hände der Mensch so gemeinhin hat? Nicht auf sich, sondern an sich. Bei den Veranstaltern von Stehempfängen scheint es da aber kühne Erwartungen zu geben, jedenfalls wenn es an die Verköstigung geht. Man baut auf eine eigene Artistik der zu Fütternden. Die rechte Hand ist durch eine Sektflöte belegt oder das gemeine Weinglas. Bleibt die Linke für‘s Linkische.

Ein kleines Schüsselchen mit Kartoffelpü und einem Lauch, bedeckt von einem Bratenstück, dazu eine Kuchengabel. Das Fleisch nicht zu zerteilen, der Lauch zäh wie Galanterieware, während das zu weiche Pü über den Rand geht und die Krawatte ziert. Das Kunststück war nur möglich, weil die Nachbarin solange das Glas hielt. Dann halte ich ihres, während sie sich einsaut.

Einfacher die Languste im Bierteig an einem Bambusstab, in Honigsauce süßsauer. Während das Böff aus der ersten Übung ausgekühlt war, hatte der Tempuramantel die Fritösentemperatur wunderbar gehalten. Schweineheiss, Blase am Gaumen, Zunge verbrannt. Zum Pü auf dem Binder jetzt auch noch ein Tropfen Honig. Der Gast süßsauer.

Ich will Sandwiches, Stullen kleinerer Art, zu deutsch Schnittchen. Vielleicht noch Buletten. Vor mir aus nennt es Canapés, solange es Schnittchen sind. Kleine Butterbrote. Was zum Teufel ist daran schwer?

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AUS DER ZWEITEN REIHE.

Wer sich ein Bild machen möchte, der sitzt am besten in der zweiten Reihe. Die erste Reihe ist im politischen Theater immer Teil der Aufführung. Die Kameras sind oft nicht nur auf die Bühne gerichtet, sondern auch die Frontlinie des Parketts. Man will einfangen, wie das Publikum reagiert. Man sieht Beifall, aber auch Gähnen, selten Protest und Männer, die statt Strümpfen Socken tragen. Oder an ihren Handys daddeln.

Die zweite Reihe gibt dem Betrachter Schutz, aber ist eben auch noch nahe genug dran, um jene Regungen mitzukriegen, die die Fotografen nicht mehr einfangen. Das betrifft die Berühmtheiten, aber auch deren Entourage, und die kleinen Momente der Privatheit im öffentlichen Trubel. Ich werde dazu hier nichts Despektierliches berichten, weil ich meinen reservierten Platz in der zweiten Reihe nicht verlieren mag, den ich einem politischen Ehrenamt verdanke. Ich zahle dafür mit ernstem Gesicht und gelegentlichen Bravorufen.

Gestern also der Kanzler und der Vizekanzler, Friedrich Merz und Lars Klingbeil, eine junge Bundesministerin aus einem Haus minderen Rangs, ein gelernter Staatssekretär aus einem höheren Belang und Beamte mancher Ministerien. Sie alle kämpfen, jeder für sich, aber doch als Gattung, einen Kampf gegen die Beiläufigkeit des politischen Geschäfts. Mit einigem Respekt sehe ich die Bemühungen um Gewicht.

Der Lateiner nennt dieses Ziel der öffentlichen Rede „gravitas“; das meint ein inhaltliches Gewicht, das den Geschäften mit dem unvermeidlichen Gewusel eine Geltung vor der Geschichte gibt. Daraus zieht das Publikum nämlich jene Hochachtung, die Autorität verleiht. Man spricht von Charisma. Charismatisch macht nicht das Amt; es ist eine Zumessung an den Inhaber, an eine Person. Schnell ist vergessen, wer frei davon.

Dieserhalben muss man lange Linien ziehen können, große Bilder malen, treffende Worte finden. Die Zeitgenossen erinnern ja, was jene vortrugen, die sie als Vorfahren verehren. Ein Sozialdemokrat hat wie Willy Brandt, mindestens wie Helmut Schmidt zu klingen. Bei einem Konservativen möchte man Helmut Kohl hören, wenn nicht gar Ehrhardt oder den alten Adenauer. Das ist ungerecht, weil was diese zu Vorbildern erhebt, das ist unsere Erinnerung, die bekanntlich vergoldet.

Da mir das klar, betrachtet ich mit Nachsicht und Geduld das Geschäft der mittleren Gewichte im Bestreben um Größe. Klingbeil war übrigens echt gut gestern. Merz ganz okay; der kann das. Ich wünsch denen einen langen Atem.