Logbuch

EINFACH DIE KLAPPE HALTEN.

Man wird morgens in dem Bett wach, in das man sich abends gelegt hat. Capisce?

Eine publizistische Fachfrage beschäftigt die breitere Öffentlichkeit: Warum werden Interviews mit Presseleuten autorisiert? Ist das nicht eine deutsche Unart, am Ende gar eine Manipulation? Hintergrund ist ein Patzer einer Berliner Kommunistin, die an die Spitze der dortigen Macht möchte und dafür ein Bündnis mit SPD und Grünen schmieden will. Sie erweckt fahrlässig Zweifel an ihrer Handlungsfähigkeit wg. zweifelhafter Milieubeziehungen. Der dabei zu beklagende handwerkliche Fehler ist pure Dilettanz und bedarf keiner weiteren Erörterung. Anfängerfehler.

Gute Praxis ist folgendes: Man spricht mit Journalisten Klartext und die fertigen dazu eine gekürzte schriftliche Fassung, die der Freigabe bedarf, dazu kann der Wortlaut der Antworten vom Interviewten redigiert werden. Alles fein. Zwei wichtige Punkte in diesem Regularium: Wenn die nachträglichen Eingriffe so massiv, dass insgesamt sinnentstellend, kann die Redaktion das ganze Interview absagen. Und wenn man seitens des Interviewten sich durch polemische Fragestellungen fehlgeleitet fühlt, kann man das ganze Interview für nicht geführt erklären. Hat nicht stattgefunden. Im Zweifelsfall formuliert man diesen Vorbehalt vorher in einem Vertrag.

Aus einem nicht geführten Interview kann eine Redaktion nicht zitieren, auch nicht in der grammatischen Variante der indirekten Rede. Es hat ja faktisch nicht stattgefunden. Das ganze Paket nennt sich Chatham House Rule. Was, wenn nun ein Journalist das nicht vereinbaren will? Dann sage ich halt nix; entweder verbleibe ich im Vagen von leeren Sprachregelungen oder ich schweige halt ganz. Kein Kommentar. Ende, aus, Micky Maus.

Es ist im Interesse des Journalisten, dass er offen mit einem Zeitzeugen reden kann, der wiederum das tut, weil er sicher ist, dass er die Endfassung seines Wortlauts redigieren kann oder ganz aussteigen. Jetzt höre ich die Quarknasen, die sich für Investigative halten, was vom Recht der Vierten Gewalt auf Regelbruch faseln. Das ist eine ideologische Selbstermächtigung, zu der ich nichts anzumerken habe. Denn hier liegt der Grund, warum diese Schlaumeier nichts erfahren; weil schlicht niemand, wenn bei Verstand und von einiger Erfahrung, mit ihnen überhaupt redet. Gut so.

Der guten Ordnung halber: Ja, es gibt explizit gefälschte Interviews. Ja, es werden auch lauteren Seelen Unworte in den Mund gelegt. Nein, man kriegt hinterher nicht immer Recht. Und der Presserat, der taugt nun gar nix. Was also rät der alte Fahrensmann? Zwei Lehrsätze. Zunächst und allererst: Erst grübeln, dann dübeln. Und dann: Wer dem Milieu einen Gefallen schuldet, schuldet dem Milieu einen Gefallen. Capisce?

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ETHIK DER PRESSE.

Was genau ist der Berliner Kommunistin Eilig Error passiert, als sie und ihr dilettantisches Team ein SPIEGEL-Interview gründlich verpatzten? Da es sich um ein Konvolut von Kapitalfehlern handelt, der Reihe nach. Zu offenbaren, da von erheblicher politischer Bedeutung; da hilft dann auch keine Beschwerde beim Presserat. Eilig Error wird keine Regierende mehr sein können. Wegen eines eiligen Errors.

Zum ersten hat sie sich beim Interview mit dem SPIEGEL selbst vor laufendem Tonband verquatscht. Die Dame plappert. Sie hat auf Vorhaltung eines konkreten Namens aus dem palästinensischen Terrormilieu, diesen Namen konkret bestätigt. „Ja!“ Das macht man nie, warum auch. Sie räumt selbst ein, von einer Warnung des Landeskriminalamtes davor gewusst zu haben. Die allzu schrille Stimme der Elfe weiß nicht immer, was sie sagt.

Bei der anschließenden Autorisierung des Wortlauts ihrer Antworten geht ihr der Fehler auf und sie will die ganze Frage gestrichen haben. Oder das Gespräch ungeschehen machen. Das ist aber nicht gängige journalistische Praxis; man hat die Freiheit der Umformulierung bei seinen eigenen Worten, nicht bei denen der Journalisten. Gefragt ist gefragt. Welch ein Irrtum. So weit, so doof.

Eilig Error diskutiert das alles aber intern mit ihrem peinlichen Presseteam schriftlich. Sie nutzt eine elektronische Korrekturfunktion, die nicht nur die gewünschten Änderungen kenntlich in das Dokument rein redigiert, sondern in einer Kommentarspalte die Diskussion darum vollständig dokumentiert. Killed by Markups! Wir haben danach einen überschriebenen Text, der vielleicht für Idioten fabelhaft frisch aussieht, aber verräterisch ist. Der wird eilig in die Redaktion gegeben. Das passiert; es passiert aber nur Anfängern. Beim SPIEGEL sitzen gemächliche Profis, die den Irrtum entdecken.

Eilig Error hat intern Angst um die Sicherheit ihrer Familie vor terroristischen Kräften im islamistischen Milieu ihrer Partei formuliert. Das lässt den SPIEGEL auf seine Grundsätze scheißen; er veröffentlicht auch die internen Kommentare. Ist das gemein? Klar. Trifft es eine Unschuldige? Nun, Eilig Error ist studierte Volljuristin mit Ambition auf die Macht. Da kann man nicht von einem unlauteren Opfer seiner Naivität reden.

Ihr peinlicher Pressesprecher weiß nun auch, was Markups sind und dass man überschriebene Dokumente nicht eilig versendet. Spät, zu spät. Und der SPIEGEL? Nun, wir lernen, dass die hehren Regeln nur solange gelten, wie es um Nix geht. Wenn man einen Titel draus machen kann, geht die Ethik eilig in den Error. Wundert mich nicht. Ich schließe mit einem Rat, der geruhsamen PR-Leuten geläufig: „Schrift ist Gift!“

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EIN EWIGER RUHRGASIANER.

In diesem Jahr wäre die Ruhrgas AG in Essen hundert geworden, wenn sie denn nicht im Wandel der Zeiten vor zehn Jahren in der Uniper verschwunden. Da ich dort mal Direktor war und von meinem damaligen Chef mit einiger Nachsicht und großem Engagement gefördert, hänge ich dem nach, was die Routine der Geschichtswissenschaft als Aufstieg und Niedergang der Ruhrgas beschreibt; ich lese sogar vom Ende des Marktführers. Erloschen.

Das narrative Konzept von „rise and fall“ ist beliebt, weil es eine Geschlossenheit des Gegenstandes suggeriert, mehr noch, eine durchgängige Entwicklungslogik unterstellt, die aber vor allem in den Augen des Betrachters liegt und nicht so sehr der Sache selbst. Von einem Historiker erwartet man, dass er nicht nur Ereignisse zitiert und in Sitzungsprotokollen herumnistelt, sondern Hintergründe herausschält und Geheimnisse offenbart, die dann als die wahre Geschichte gelten können. Statt stupider Faktenhuberei eine sensationelle Enthüllung. Fehlanzeige.

Es hat sich ein Bochumer Historiker um die Ruhrgas-Geschichte bemüht und daraus eine Venia Legendi gezogen, aber eine große Begeisterung war ihm beim Schreiben nicht anzumerken. Die Rezensionen des Wissenschaftsbetriebes loben nach Druck des Elaborats brav, kauen aber auf der Inspirationsleere des Schinkens. Nun muss man sagen, dass der Autor auch in einer ungewöhnlichen Weise Versuchen der Einflussnahmen der unterschiedlichen Fraktionen des ehemaligen Ruhrgas-Managements ausgesetzt war, und sich dabei charakterfest zeigte.

Man kann die Geschichte der Ruhrgas nur erzählen, wenn man sie einbettet in die internationale Energiewirtschaft dieser Epochen. Kohle, Öl, Kernenergie, Erdgas. Das schließt den Aufstieg der Montanindustrie an der Ruhr ein, so es um die Anfänge geht. Röhren für Gas. Das behandelt eine fatale Ministererlaubnis für eine falsche Fusion. Und endet noch nicht mit dem aktuellen Gas-zu-Gas-Wettbewerb, in den uns der befreundete Hegemon geschickt hat.

Die offizielle Ruhrgas-Geschichte erklärt ihren Gegenstand für erloschen, weil das so heißt, wenn man ins Handelsregister schaut. Aber die Rohre liegen noch, die allermeisten. Mein Lebensgefühl ist deshalb anders: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen | Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

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WAS AUS MUTTI WIRD.

Es gibt ein Menschenrecht, vergessen zu werden. Das erfahre ich zufällig, da irgendein Schrat klagt und verlangt, aus dem Geburts- und Taufregister seiner Heimatgemeinde gestrichen zu werden; jedenfalls dass die Archive nicht mehr zugänglich. The right to be forgotten. Steht so im EU-Recht, der Datenschutz-Grundverordnung. Das finde ich nicht in Ordnung.

Es fängt damit an, dass Schriftlichkeit ein wesentliches Kulturprinzip ist. Wir wissen wenig von jenen Jahrhunderten unserer Geschichte, in denen man das hat schleifen lassen und sich auf mündliche Überlieferung verlassen hat. Schriftlichkeit ist die Grundlage von Recht, wenn man die Willkür jeweils herrschender Eliten ausschalten will. Wir wollen Gerichtsbarkeit ja nicht den Launen alter Männer unter der Ting-Eiche überlassen. Oder gar rachsüchtigen Witwen.

Ich kenne ein Papstwort (Ratzinger), nach dem die Einführung der förmlichen Inquisition durchaus ein Fortschritt war, weil es für die Prozesse zur Hexenverbrennung nunmehr wenigstens die Schriftlichkeit verlangte. Das geht vielleicht zu weit, zeigt aber, was ich meine. Und es gilt natürlich das Luther-Lied mit dem Vers „Das Wort sie sollen lassen staan.“ Gerade noch im Reformationsgottesdienst gehört. Eine feste Burg ist unser Gott, eine gute Wehr und Waffen.

Was mir aber noch wichtiger scheint, das ist die Furcht, dass man mit seinem Nachruhm leben werden muss. So kann man ja die Hoffnung haben, dass die Menschen sich zu Lebzeiten halbwegs vernünftig benehmen. Wenn schon nicht mehr die Angst vor dem Jüngsten Gericht erzieht, so vielleicht noch die Furcht, als Unperson zur Schande seiner Nachgeborenen zu werden.

Die stärkste Kraft zur moralischen Erziehung der Eliten ist deren Angst, bei ihren Untaten erwischt zu werden und vor den Augen aller beschämt worden zu sein. Diese Scham vor Schande schützt einfache Leute vor ihren Potentaten; deshalb sollte man niemals auch nur die Möglichkeit andeuten, dass ihnen über die Untat Grad wachsen könnte. Wir vergessen nichts und verzeihen wenig.

Ich höre nun die Stimme jener, denen auf Erden keine Gerechtigkeit widerfahren ist, die mit Schimpf in die Schande gekommen sind. Es sind ja angeblich nicht wenige Menschen, die sich verkannt fühlen. Haben denn wenigstens diese Verzweifelten ein Recht, vergessen zu werden? Nach meiner Erfahrung sind das rare Ausnahmen. Den meisten schwebt Ewiges Leben vor. Weshalb sie nach der Kanzlerschaft auch noch Bundespräsidentin werden wollen. Kann ich das mit der Hexenverbrennung noch mal hören?