Logbuch

Marianne.

In Paris herrscht wieder die Stimmung der Marianne, wenn man den Bildern glauben darf. Ich verstehe aber nicht, was man da brüllt. Mein Französisch ist schon immer eine Katastrophe. Und die Kenntnisse aus der Lyrik bruchstückhaft. Das macht mich untauglich als Autor über Herbstzeitstimmungen im Tenor „Der Sommer war groß!“ Das eingeräumt, will ich über einen banalen Irrtum berichten. Und die Segnungen der Künstlichen Intelligenz, wenn schlicht Nachhilfe nötig. Über ein halbes Jahrhundert habe ich mit einem Irrtum gelebt.

Ich hatte berichtet von meiner Erinnerung an den Pariser Mai-Aufstand im Jahr 1968 und einen Mauerspruch, den ich bis heute erinnere, jetzt aber weiß, dass mangelnde Schulbildung mich bedeutungsschwanger machte. Doof, aber beseelt. Er lautete: „Le vent se lève ! Il faut tenter de vivre !“ Zu gut Deutsch: Der Wind erhebt sich! Man muss versuchen zu leben! Rilke fasste es lyrisch kompetenter als: Man muss das Leben wagen! Der Schüler K. dachte damals, es sei ein Imperativ an den Wind, dass er zu leben habe, als Sturm der Revolution. Romantisch revolutionär. Marianne eben. Welch ein Irrtum.

Das passiert, wenn man „il faut“ als Prädikat mit Personalpronomen liest, also meint, der Wind müsse was müssen; es bedeutet aber nur, dass etwas nötig ist, sprich „man muss“. Überhaupt sind wir in einem ellenlangen Gedicht von Paul Ambroise Paul Toussaint Jules Valéry über einen Friedhof am Meer, ein lyrischer Schinken, für den man schon die Sprachmacht eines Rilke braucht, um ihn überhaupt zu mögen. Mich hat jetzt meine KI aufgeklärt. Doch zu was nütze, der allwissende Klug-Scheißer-Apparat. Folge: Ich beschäftige mich nicht mit den Straßenkämpfen in Paris, sondern Friedhöfen am Mittelmeer. Nicht der Sturm der Revolution, nicht die Marianne auf den Barkaden. Sentimentales von Friedhöfen. Und dem Auftrag, sein Leben gelingen zu lassen.

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UNTER DIE LEUTE GEHEN.

Mein Freund K. (Name der Redaktion bekannt) ist fantastisch, was seine Gesundheit angeht; er wird, ich sehe es kommen, hundert. Ich bin da nachlässiger. Und hätte dazu gern das Recht.

Wenn man die Gesundheit der Menschen seitens der Politik vorsätzlich fördern will, können die Maßnahmen zwischen Appellen an die Eigenverantwortung liegen, geschickt gewählten politischen Rahmenbedingungen bis hin zu drastischen Interventionen. Strafzölle liegen auf dieser Achse irgendwo in der Mitte oder Werbeverbote. Irgendwie schräg finde ich allerdings diese puritanische Ekelstrategie, wie sie bei Zigarettenschachteln durchgesetzt werden; aber gut.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie weit ein Staat das Recht hat, Menschen vor sich selbst zu schützen. Die Beantwortung dieser Frage hängt davon ab, wie man den Bürger einerseits liest und den Staat andererseits. Ich gehöre zum Beispiel zu jenen Liberalen, die die allgemeine Schulpflicht befürworten, aber gerne auf Kinder und Jugendliche beschränken wollen. Erwachsene unterliegen keiner pädagogischen Bevormundung mehr. Das sehen nicht alle Gutmenschen so.

Diese Einstellung lässt mich die Erhöhung der Abgaben auf Alkohol und Tabak begrüßen, zumal wenn die Mittel erkennbar zu medizinischen Zwecken verwendet werden; hinterlässt mich aber bei den massiven Pönalen auf Limonaden zweifeln. Ich trinke keine Cola, hätte aber die Wahl zwischen der Version mit Sirup, der Light und der Zero. Wenn ich sie falsch treffe, treffe ich die falsch. Aber das ist vermintes Gelände. Worauf ich hinweise: Staatliche Präventionspolitik sollte nicht den paradoxen Effekt haben, dass die Gesunden gesünder werden und die Kranken ärmer.

Ja, es gibt eine soziale Frage. Wir sehen, dass es Lebenswelten gibt, die rigoroser ihre Gesundheit ruinieren als andere. Das sollte man nicht tolerieren. Ob ich das alleine über das Finanzamt geknackt kriege, da zweifle ich. Und es gibt eine politische Frage. Aus dem reaktionären Milieu der Neuen Rechten werden Impfungen stigmatisiert ; in den USA sitzen diesbezügliche Scharlatane in der Regierung. Das ist fatal, weil das geringe Wissen um die eigene Gesundheit bildungsferner Kreise hier auch noch mit stupidem Aberglauben aufgeladen wird.

Gewohnheitsbedingt bin ich selbst nicht abstinent und kein Eremit; meine Abneigung gegen Fixen schließt allerdings die zur Schlankheit ein. Disziplin bleibt ein Wert der Lebensführung. Was also mache ich? Ich halte mich in Bewegung. Ich gehe öfter als mein Auto zum TÜV, ich gehe jeden Tag mindestens 5000 Schritte, ich trinke Wasser wie das liebe Vieh und nicht Sirup und ich gehe unter Leute. Die neue Volkskrankheit heißt nämlich Einsamkeit.

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« Paris s’éveille »  

Als Schüler, gerade 16 Lenze jung, streifte ich durch Paris und hatte den Frühlingsduft einer Revolution in der Nase, dachte ich, während ich gegen Tränengas anschneutzte. Natürlich romantisierte man, was da an Studentenrevolte die Straßen durchzog. Ich habe den skandierten Ruf „flics-fascistes-assasins“ noch im Ohr, nach einem halben Jahrhundert. Er diskriminiert die Polizei als faschistische Mörder. Heute hört man ihn wieder und er ist rechtlich so falsch wie er politisch scharf ist. Jetzt rufen ihn Schüler, unter die sich das migrantische Milieu der Vorstädte gemischt hat.

Als Pennäler war das erwachende Paris auch ein frivoler Ort, eine wirkliche Metropole und historisch noch immer der Ort der großen Französischen Revolution, die der heimische Geschichtsunterricht dekliniert hatte, während er zur jüngeren deutschen Vergangenheit routiniert schwieg. Ich sehe noch den lyrischen Spruch, auf eine U-Bahn-Wand gesprüht: „Der Wind hat sich erhoben, er muss versuchen zu leben.“ Wohl von Villon oder so. Jedenfalls Revolutionsromantik. Mit drei, vier Gläsern „rouge ordinaire“ im Bauch und einer Zigarette, die Zigeuner hieß, in der Hand, da fand man das toll.

Jetzt lese ich, dass die Beute aus den geplünderten Luxusläden im Internet auftaucht, mit deutlichem Preisabschlag, weil man die Sicherheitsetiketten von der Voutontasche nicht abkriegt. Zu bezahlen mit PayPal. Bei dem so offenbarten Revolutionär wird demnächst die Polizei klingeln. Wie banal. Irgendwie kann man sich als alter weißer Mann nicht mehr zur ursprünglichen Romantik des Straßenkampfs durchringen. Man hofft auf einen wirksamen Schutz der Nachbarschaft durch die Polizei vor dem Milieu der Dealer, die hier neben der Voutontasche frech Steine anbieten, was Crack meint. Kein Frühlingsduft.

Paris erwacht? Da habe ich Zweifel. Berlin will ruhig schlafen. Da bin ich sicher.

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ETHIK DER PRESSE.

Was genau ist der Berliner Kommunistin Eilig Error passiert, als sie und ihr dilettantisches Team ein SPIEGEL-Interview gründlich verpatzten? Da es sich um ein Konvolut von Kapitalfehlern handelt, der Reihe nach. Zu offenbaren, da von erheblicher politischer Bedeutung; da hilft dann auch keine Beschwerde beim Presserat. Eilig Error wird keine Regierende mehr sein können. Wegen eines eiligen Errors.

Zum ersten hat sie sich beim Interview mit dem SPIEGEL selbst vor laufendem Tonband verquatscht. Die Dame plappert. Sie hat auf Vorhaltung eines konkreten Namens aus dem palästinensischen Terrormilieu, diesen Namen konkret bestätigt. „Ja!“ Das macht man nie, warum auch. Sie räumt selbst ein, von einer Warnung des Landeskriminalamtes davor gewusst zu haben. Die allzu schrille Stimme der Elfe weiß nicht immer, was sie sagt.

Bei der anschließenden Autorisierung des Wortlauts ihrer Antworten geht ihr der Fehler auf und sie will die ganze Frage gestrichen haben. Oder das Gespräch ungeschehen machen. Das ist aber nicht gängige journalistische Praxis; man hat die Freiheit der Umformulierung bei seinen eigenen Worten, nicht bei denen der Journalisten. Gefragt ist gefragt. Welch ein Irrtum. So weit, so doof.

Eilig Error diskutiert das alles aber intern mit ihrem peinlichen Presseteam schriftlich. Sie nutzt eine elektronische Korrekturfunktion, die nicht nur die gewünschten Änderungen kenntlich in das Dokument rein redigiert, sondern in einer Kommentarspalte die Diskussion darum vollständig dokumentiert. Killed by Markups! Wir haben danach einen überschriebenen Text, der vielleicht für Idioten fabelhaft frisch aussieht, aber verräterisch ist. Der wird eilig in die Redaktion gegeben. Das passiert; es passiert aber nur Anfängern. Beim SPIEGEL sitzen gemächliche Profis, die den Irrtum entdecken.

Eilig Error hat intern Angst um die Sicherheit ihrer Familie vor terroristischen Kräften im islamistischen Milieu ihrer Partei formuliert. Das lässt den SPIEGEL auf seine Grundsätze scheißen; er veröffentlicht auch die internen Kommentare. Ist das gemein? Klar. Trifft es eine Unschuldige? Nun, Eilig Error ist studierte Volljuristin mit Ambition auf die Macht. Da kann man nicht von einem unlauteren Opfer seiner Naivität reden.

Ihr peinlicher Pressesprecher weiß nun auch, was Markups sind und dass man überschriebene Dokumente nicht eilig versendet. Spät, zu spät. Und der SPIEGEL? Nun, wir lernen, dass die hehren Regeln nur solange gelten, wie es um Nix geht. Wenn man einen Titel draus machen kann, geht die Ethik eilig in den Error. Wundert mich nicht. Ich schließe mit einem Rat, der geruhsamen PR-Leuten geläufig: „Schrift ist Gift!“