Logbuch

MAL WAS GANZ VERSTIEGENES.

Erlebe gestern eine Weinrunde gehobener Gastlichkeit über Montaigne und Descartes. Alles vertraulich, vielleicht bis auf ein einzelnes Bonmot, ein gewitztes Wort höherer Wahrheit.

Ein gebildeter Mann im Weinkolleg, der Privatgelehrte Lupus Festinus Montanus, nähert sich in einem Scherz zwei Gestalten der Kulturgeschichte über deren Gifte. So nennt der Herr von Welt die Drogen seiner Wahl. „What’s your poison?“ Das interessiert mich, weil das Logbuch nicht denkbar wäre ohne den starken Kaffee, mit dem ich mich morgens zurück ins Leben hole: „the lifeblood of all tired man“. Das Kaffeehaus ist der eigentliche Ort der Moderne, beginnend mit dem Lokal des John Lloyd in London, wo die Glocke der Versicherer geschlagen wurde und Lloyd‘s List entstand, die älteste Tageszeitung der Welt. Man verachte mir die Kaffeehäuser nicht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zurück zu Montaigne. Der anwesende Privatgelehrte der Gegenwartsphilosophie behauptet, dass der Holländer Renatus Cartesianus ein Kiffer war, jener Denker, dem wir den Existenzbeweis verdanken, nach dem das Denken die Existenz beweise. Die Moffen! Dazu kommen wir noch am Schluss. Der Franzose Michael Montanus dagegen war Weintrinker. Das merke man seinen Essays an, dass sie zwar mit Spruchweisheiten des Cato begännen, aber mit dem Wein an Leichtigkeit und Flughöhe gewönnen. Ein Kiffer und ein Säufer, wenn man es bös sagen wolle; dem Cannabis oder dem Bordeaux zugeneigt, das wäre hier folglich die Frage.

Ich kenne mich in der Philosophie des 16. Jahrhunderts nicht wirklich aus. Mein Studium hat sich viel zu kurz Kant gewidmet, den Hegel mühsam und zügig durchwandert, den frühen Marx allerdings aufmerksam gelesen, um sich dann gänzlich in den schwätzenden Franzosen des 20. Jahrhunderts zu verlieren. So wird man zum Dampfplauderer. Jedenfalls weiß ich noch, was Derrida mit „pfropfen“ meint. Dekonstruktion und Differenz. Das ist eigentlich die Rettung des europäischen Weinbaus vor der aus Nordamerika eingeschleppten REBLAUS, die die Wurzel des Weinstocks aussaugt, bis er gänzlich vertrocknet. Kam aus USA. Natürlich trinke ich keine kalifornischen Weine, die ein wirklicher Kenner am Tisch kurz und gut als „Katzenpisse“ bezeichnet. „Oh, I will kill that cat!“ (James)

Zwei Anmerkungen. Die Auslobung von Kaffee als Lebensblut aller müden Männer stammt aus dem äußerst sehenswerten Film JOHNY GUITAR - WENN FRAUEN HASSEN von Nicholas Ray aus 1954. Pflichtlektüre. Und der kniffende Moff wäre besser beschrieben mit dem Lateinischen „coito ergo sum“; was ein Bonmot ist, das daher an den Anfang eines Essays gehört, nicht an den Schluss. Sagt Montaigne.

Logbuch

DELEGITIMATION.

Früher brauchtest Du eine GUTE SACHE, einen erhabenen Beweggrund, am besten moralischer Art, einen Paravent, hinter dem Du Deine wirklichen Absichten verstecken konntest. Verschleiern war eine KRIEGSKUNST. Das war nicht immer ganz einfach, aber insbesondere die Kirche war hier zu jedweden Hilfsleistungen bereit. Wenn den Pfaffen und den Publizisten nichts mehr einfiel, musste man auch schon mal ganz tief in die Mottenkiste alter Vorurteile greifen, um noch eine LEGITIMATION zusammenzukriegen. Aber es ging. Keine Causa ohne GOOD CAUSE, wie der Engländer sagt.

Man könnte diesen Lehrsatz eindrucksvoll erläutern an den Mythen, die zu allen Zeiten die Judenverfolgung rechtfertigen sollten. Die Pogrome galten oft aus den aberwitzigsten Legenden heraus als gerecht, auch wenn sich hinter der Rechtfertigung ganz schnöde nur Neid und Raub verbargen. Das ist der tiefste Makel deutscher Geschichte, was normale Bürger taten und sagten, als die Braunen ihre Nachbarn holten.

Jeder Krieg bedarf des Kriegsgrunds. Die CAUSA BELLI ist idealerweise von moralisch höheren Gnaden. Als besonders raffiniert erweist sich dabei die Täter-Opfer-Dialektik, wenn also der Aggressor nur ein Verteidiger ist, der Angriff folglich als Vorwärtsverteidigung daherkommt. Mir klingt noch der Wochenschausatz in den Ohren, dass „nun auch mit regulären Truppen zurückgeschossen“ werde. Der Überfall auf Polen. Volk ohne Raum, so lautete damals der gute Grund der Braunen.

Im Gewerbe der Legitimation, sprich der ideellen Rüstungsindustrie, verdienten die Propagandisten ihren Teil der Millionen, die inzwischen Milliarden sind. Da wird es jetzt, hier ist mein Punkt, Pleiten und Entlassungen geben. Legitimation ist kein Geschäftsmodell mehr. Päpste, die Panzer segnen, können zurück ins Kloster. Das neue Paradigma kommt ohne Legitimation aus. Die Macht macht, was sie macht. Kein Weihrauch. Sie sagt: Wir machen es, weil wir es können. Das reicht völlig.

Logbuch

JEU DE PAUME.

Black out in Berlin. Nützt das der Opposition? Und wenn, dann erneut der AfD? Oder im Berliner Milieu den Grünen? Der CDU jedenfalls fehlt die Fortüne. Lokal wie national. Zu den Possen der Politik.

Während Berlin sich von dem Terroranschlag auf die Stromversorgung erholt und gefühlten 13 Grad Minus zu widerstehen hat, offenbart der REGIERENDE eine kleine Notlüge. Er hatte sich zu Beginn der Krise nicht, wie behauptet, in seinem Home Office eingeschlossen, da von dort wenigstens zu telefonieren war, also die Front aus der Etappe in die Schlacht geführt, sondern zunächst versucht, seinen Kopf frei zu kriegen. Er war dieserhalben mit seiner Konkubine Tennis spielen; die Dame ist auch Regierungsmitglied. Beide CDU.

Wie konnte man das ahnen? Nun, es stand, bevor irgendjemand darüber schrieb, hier. Ich hatte mich zu der Formulierung hinreißen lassen, dass der OB als Toy Boy zu Schäferstündchen im Amt neige. Darauf rief ein Leser des Logbuchs an, der bei der örtlichen Boulevardpresse arbeitet, und fragte mich: „Wie sicher ist das?“ In solche Fallen laufe ich nicht; wahrheitsgemäß habe ich ihm gesagt: „Hörensagen. Status: unbestätigt.“ So ist der Jargon in unserem Gewerbe. Heute lese ich, dass ich richtig lag. Da freut sich der Griffelspitzer.

Jetzt zur Entschuldigung des Komischen Kai zu Berlin: Was hätte er auch vor Ort machen sollen? Erfahrungsgemäß verstellen solche Gummistiefel-Promis und die sie begleitenden Gaffer ja nur Rettungswege. Tennis ist allerdings ein wenig Proll. Er hätte Golf wählen sollen. Ich kenne internationale Exempel dazu, die durchaus damit durchkommen. Ich schließe mit Marie Antoinette: „Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen!“ Hier in der Berliner Version: Wenn gefroren wird, helfen warme Gedanken.

Logbuch

DER ADLER UND SEIN HORST.

Welch ein Symbol. Das Adlernest brennt ab. Der Führer hatte sich, der frischen Luft und des besseren Überblicks wegen, eine Datsche in den Bergen bauen lassen, einen Adlerhorst. Wir sind auf dem Obersalzberg bei Berchtsgaden, wohin sich die Nazi-Elite verzog, da das Bad in der Menge nicht mehr kommod schien im hässlichen Berlin. Schon die Erste Demokratie hatte sich aus den Straßenschlachten an der Spree ins Thüringische Weimar zurückgezogen. Daher Weimarer Republik genannt.

Die Weimarer Republik ist an ihrer eigenen Bevölkerung gescheitert. Das deutsche Volk wollte 1932 keine Demokratie. 60% der Wähler stimmten gegen sie. Das sagt mir Götz Aly, den ich als Historiker schätze. Dieses Volk hat sich eine Diktatur gewünscht. In zwei Lagern. Rechts gab es die deutschnationale Extreme, darunter aufsteigend die Nationalsozialisten; links die Kommunisten, die wortwörtlich eine Diktatur des Proletariats wollten und Sowjetdeutschland erträumten. Ja, sicher unterschiedliche Qualitäten, aber in der Summe der Untergang der parlamentarischen Demokratie. Die Machtergreifung war kein zufälliges Unheil; sie hatte eine parlamentarische Mehrheit.

So zog der preußische Adler zu seinem Horst auf den Obersalzberg. Man sagt mir jetzt, dass ein Irrer die Bude abgefackelt habe. Da wär ich zurückhaltender. Erstens: Wieso stand das Ding überhaupt noch? Zweitens: Man begnadige den Mann. Vielleicht ist es ja ein Ratschluss der Götter. In Berlin sollen wieder Kommunisten an die Macht kommen. Man verspricht die Überführung der Wohnungswirtschaft in einen Volkseigenen Betrieb. Man kann das auch ohne Kapital, zumal ausländisches, vor allem jüdisches. Ich zitiere. Ich zitiere. Es ist in klarem Code wörtlich von einem Geländegewinn gegen die Staatsräson die Rede. Das will an die Macht.

Bezahlbare Mieten. In Deutschland zahlst du im Schnitt 9€ den Quadrat. In Berlin 13. Das ist mehr. In Frankfurt aber immer 15, in Stuttgart 17 und in München, wenn es günstig ist, 20. Das ist das Doppelte des nationalen Schnitts. Wo ist der Ruf nach Vergesellschaftung in München, was ja in der Nähe von Berchtesgaden liegt. Geschenkt. Und ich weiß, wie man die Mieten weiter senkt: einfach ein Überangebot schaffen. Leere Büros zu Wohnungen! Und jungen Mietern durch Steuererleichterung Eigentum verschaffen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich höre hier am Ort in Berlin Fhain/ Xberg, folgendes, in München werde aber auch mehr gezahlt; die Löhne und Gehälter seien deutlich höher. Das ist wahr. Allerdings gehört es zur Münchner Freiheit (libertas bavariae), dass man dort tatsächlich arbeiten geht. Regelmäßig. Und vornehmlich Demokraten wählt. Obwohl, kann ich den neuen OB noch mal sehen?