Logbuch

REINHEIT DES VÖLKISCHEN.

Der sich genial gebende Verleger des Internet-Dienstes, den auch ich nutze, schreibt dort als seine Meinung, dass eine Nation durch eine gemeinsame Kultur („common culture“) gestiftet werde; ohne diese kulturelle Homogenität sei es keine Nation. In der praktischen Konsequenz heißt das wohl, dass man nicht kompatible Mitglieder zu entfernen gedenkt.

Fachliche Anmerkung: Das ist schlicht falsch. Ein Staat ist ein juristisches Bündnis, das sich praktisch durch einen Pass ausweist. Staatsbürgerschaft ist ein juristisches Privileg. Aber es gibt die eigenartige Vorstellung meines Verlegers durchaus historisch. Sie nennt sich im Deutschen „Volksgemeinschaft“ und ist der Kerngedanke des Faschismus.

Mein Verleger ist zudem, das sei zusätzlich angemerkt, in die USA emigrierter Bure. Er variiert diese Zugehörigkeit rhetorisch, indem er statt der holländischen Wurzeln englische reklamiert. Jedenfalls kolonialer Weißer. Wir reden über historische Begriffe des südafrikanischen Apartheid-Regimes.

Wollte ich kurz angemerkt haben.

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MALTA. JALTA. MERZ.

Reden wir über Bilderkunde. Historische Ikonographie. Ich sehe in den Nachrichten die politischen Köpfe Europas zusammen mit dem Präsidenten der Ukraine. England hat eingeladen, der französische Präsident ist gekommen und der deutsche Kanzler. Die politische Logik der Bilder besteht in der Lücke. Es fehlt mit Ankündigung und voller Absicht der amerikanische Präsident. Und sein holländischer Pudel von der NATO. Das ist, wie man so sagt, der Elefant im Raum. Und es gibt drei unsichtbare Gespenster. Der Reihe nach.

Das historische Malta-Foto war bestückt mit Roosevelt, Churchill und Stalin. Es wurde mit den Dreien als Siegermächten damals die Nachkriegsordnung beschlossen, nachdem der von Deutschland angezettelte Weltkrieg gründlich verloren war. Jetzt in London gab es nichts zu beschließen. Die Russen haben ihren Krieg noch nicht gewonnen und die Ukraine ihren noch nicht verloren. Kern der Situation ist, dass die Schutzmacht keine Böcke mehr hat. Scheckbuch beiseite gelegt; es werden künftig Wechsel geritten. Wer das für ausgeschlossen hielt, liegt falsch.

Noch ein Irrtum. Denn historisch war es nicht das englische Malta, die Insel der Kreuzritter, sondern Jalta, das Seebad auf der Krim; dahin hatten die Russen eingeladen. Auf ihr Territorium. Keine Elefanten im Raum. Auf dem Foto aus London fehlen zudem Madame LePen, Frau Alice Weidel und Nigel Farage; sie sitzen aber dem französischen Präsidenten, dem deutschen Bundeskanzler wie dem englischen Premierminister im Nacken. Alle drei Gespenster wissen sich der inneren Zuneigung der ehemaligen Schutzmacht gewiss. Der Hegemon ist nämlich neuerdings nachdrücklich rechts gestimmt.

Zum Schluss eine innenpolitische Anmerkung zu Friedrich Merz. Ich teile seine parteipolitische Ambition eher nicht, aber LAND VOR PARTEI. Ich finde, er macht seinen Job so schlecht nicht. Nicht nur in Malta. Überhaupt. Das Land ist gut regiert. Dass er Merz noch mal lobt, darüber staunt mein Vers.

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LESEZEICHEN.

Das gemeine Eselsohr zeigt, wo der eifrige Leser das Buch gestern zur Seite gelegt hat; vornehmer allerdings ein gewirktes rotes Bändchen vom Buchrücken bis zur bewussten Seite oder das Lesezeichen. Das mag ein eingelegter Zettel sein oder regelrechte Klebefähnchen, in Vollendung ein individuelles Register. So schmückt sich der Privatgelehrte. Daran erkennt man ihn, wo schlau ist.

An einem meiner Schreibtische hängt ein Porträt von Rudi Dutschke, dem Helden der Studentenproteste, die sich als Außerparlamentarische Opposition (APO) verstanden; im bewusst schäbigen Wintermantel klemmt ein Buch unter seinem Arm, das durch eine Unzahl von Lesezeichen verziert ist. Natürlich der Erste Band des KAPITALs von Karl Marx (MEW 24), was sonst. Viele Generationen von Philosophen haben sich daran abgearbeitet. Symbol der intensiven Lektüre („Lire Le Capital!“) ist das Geschwader der Lesezeichen; im Text selbst Anstreichungen und Notate. Zerlesen musste es sein, das Hauptwerk, wenn sein Besitzer Autorität erstrebte. Meines sah aus, wie intensivst genutzt.

Ich kannte das schon von den christlichen Pfadfindern, die eine so zugerichtete Bibel in ihrem Affen mitschleppten. Dann habe ich es wieder gesehen bei den aus Russland zugewanderten Baptisten, die in Wolfsburg auch ideologisch Fuß fassen wollten. Und nun verleitet mich die Lektüre eines Buches von Stephan Lamby, mir auf YouTube Filmchen über die unsäglichen Evangelikalen in den USA anzusehen: Bibeln mit Lesezeichen zuhauf. Mich erschreckt wieder, wie schon bei den Pfadfindern, die rigorose Laienexegese; das ist die dilettantische Lektüre dummer Leser mit irren Rückschlüssen; übrigens in der Annahme, der Herr werde es schon richten. Selig sind die geistig Armen. Und in diesem Punkt sei der Vergleich vom Marxschen Kapital zu Luthers Hausbibel erlaubt. Bezüglich der Leser und ihrer Zeichen. Es hilft ja eigentlich nicht wirklich, wenn man doof ist. Oder faul.

Ich lese parallel eine Geschichte der Frankfurter Schule eines naiv erzählenden Engländers („Hotel Abgrund“); auch dort die Mühen mit den alten Schinken als Tagesgeschäft. Mir war das früher zu viel Mühe mit den Eselsohren und dem Fähnchen. Ich hatte mir in einem Antiquariat für kleines Geld eine völlig zerlesene Ausgabe des Standardwerkes besorgt und nutzte diese zum Ausgehen. Die Kommilitoninnen waren beeindruckt. Auf Nachfrage behauptet, die Schwarte stamme aus der elterlichen Hausbibliothek. Nur Schufte sind bescheiden.

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DER ADLER UND SEIN HORST.

Welch ein Symbol. Das Adlernest brennt ab. Der Führer hatte sich, der frischen Luft und des besseren Überblicks wegen, eine Datsche in den Bergen bauen lassen, einen Adlerhorst. Wir sind auf dem Obersalzberg bei Berchtsgaden, wohin sich die Nazi-Elite verzog, da das Bad in der Menge nicht mehr kommod schien im hässlichen Berlin. Schon die Erste Demokratie hatte sich aus den Straßenschlachten an der Spree ins Thüringische Weimar zurückgezogen. Daher Weimarer Republik genannt.

Die Weimarer Republik ist an ihrer eigenen Bevölkerung gescheitert. Das deutsche Volk wollte 1932 keine Demokratie. 60% der Wähler stimmten gegen sie. Das sagt mir Götz Aly, den ich als Historiker schätze. Dieses Volk hat sich eine Diktatur gewünscht. In zwei Lagern. Rechts gab es die deutschnationale Extreme, darunter aufsteigend die Nationalsozialisten; links die Kommunisten, die wortwörtlich eine Diktatur des Proletariats wollten und Sowjetdeutschland erträumten. Ja, sicher unterschiedliche Qualitäten, aber in der Summe der Untergang der parlamentarischen Demokratie. Die Machtergreifung war kein zufälliges Unheil; sie hatte eine parlamentarische Mehrheit.

So zog der preußische Adler zu seinem Horst auf den Obersalzberg. Man sagt mir jetzt, dass ein Irrer die Bude abgefackelt habe. Da wär ich zurückhaltender. Erstens: Wieso stand das Ding überhaupt noch? Zweitens: Man begnadige den Mann. Vielleicht ist es ja ein Ratschluss der Götter. In Berlin sollen wieder Kommunisten an die Macht kommen. Man verspricht die Überführung der Wohnungswirtschaft in einen Volkseigenen Betrieb. Man kann das auch ohne Kapital, zumal ausländisches, vor allem jüdisches. Ich zitiere. Ich zitiere. Es ist in klarem Code wörtlich von einem Geländegewinn gegen die Staatsräson die Rede. Das will an die Macht.

Bezahlbare Mieten. In Deutschland zahlst du im Schnitt 9€ den Quadrat. In Berlin 13. Das ist mehr. In Frankfurt aber immer 15, in Stuttgart 17 und in München, wenn es günstig ist, 20. Das ist das Doppelte des nationalen Schnitts. Wo ist der Ruf nach Vergesellschaftung in München, was ja in der Nähe von Berchtesgaden liegt. Geschenkt. Und ich weiß, wie man die Mieten weiter senkt: einfach ein Überangebot schaffen. Leere Büros zu Wohnungen! Und jungen Mietern durch Steuererleichterung Eigentum verschaffen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich höre hier am Ort in Berlin Fhain/ Xberg, folgendes, in München werde aber auch mehr gezahlt; die Löhne und Gehälter seien deutlich höher. Das ist wahr. Allerdings gehört es zur Münchner Freiheit (libertas bavariae), dass man dort tatsächlich arbeiten geht. Regelmäßig. Und vornehmlich Demokraten wählt. Obwohl, kann ich den neuen OB noch mal sehen?