Logbuch
Meinungsjournalismus ist ein anstrengendes Geschäft. Klassisch vermelden Medien Aktualitäten, das Neueste aus aller Welt, am liebsten Sensationen. Da will dann niemand etwas verschlafen haben. Wer eine Meinungskolumne zu bedienen hat, ist in einem anderen Wettbewerb zu seinen Kollegen, er will eine besondere Ansicht zu einer bekannten Sache präsentieren. Um damit die Vorurteile seiner Stammleser immer wieder aufs Neue zu bestätigen. Darum lieben die Fans ihre jeweiligen Meinungsmatadore; sie meinen stets was Schrilles, das man selbst aber schon immer so gefühlt hat, aber nicht zu sagen wagte. Der Meinungsjournalist darf alles, nur nicht langweilen, obwohl er einen ganz überschaubaren Kreis von Ressentiments bedient. Es gibt da nicht viele Spielzeuge in seiner ideologischen Krabbelkiste. Deshalb werden die „opinion columns“ immer abgedrehter. Relevanz ist kein Kriterium mehr. Es dreht sich die Haarspalterei der Inquisition in einer Spirale. Der Exzess dessen findet auf Twitter statt. Wenn man es durchschaut hat, sind das Rituale, die ermüden.Vergleiche menschlichen Verhaltens mit dem von Tieren sind akademisch irgendwie aus der Mode. Zu Unrecht. Sehe diesen Film über Auerhähne. In der Biologie „der theatralische Ur-Hahn“ genannt. Sein, die Begattung einleitendes, Tanz- und Gesangsverhalten nennt sich BALZ. Diese Vögel führen es auf dem BALZPLATZ auf. Balzen auf dem Balzplatz. Alle Männchen posieren und plärren vor allen begattungswilligen Weibchen. Die besten Balzer bestimmen die Performance , dann die Kultur und am Ende qua Evolution die Art. So, genauso geht TWITTER.
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„Habe nun, ach, studiert...“ Zufällig an einem Regal stöbernd fällt mir gestern ein Bändchen in die Hand, in dem ich vor fünfzig Jahren gekritzelt habe. Damals eitel vorne den Namen und das Datum eingetragen. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik, im akademischen Jargon genannt GT. Müsste Lektüre in einem Proseminar im ersten Semester gewesen sein. Nach zwanzig Seiten bricht der junge Student ab, keine Marginalien mehr, kein Strich. Den Schein habe ich damals trotzdem irgendwie gekriegt. Erst heute lese ich Nietzsches Einleitung, die er als „Selbstkritik“ für die zweite Ausgabe Jahre später verfasst hat. Welch ein pompöser Arsch! Wie er seine manische Emphase zum Genialen zu stilisieren sucht. Der christlichen Moral ein Feind, die Ausschweifung, den Rausch aus rhetorischen Gründen verehrend. Schlau, sicher; belesen, aber eben schon im Frühwerk vom Wahn getrieben. So empfinde ich das heute, aber was hat man als Student gewusst? Überhaupt besteht das Lebensbildende des Studiums eher darin, diesen ganzen Zirkus zu einem Abschluss gebracht zu haben. Aber das wissen die Autodidakten ja nicht, die sich lebenslang für das fehlende Studium rechtfertigen zu müssen meinen. Sagen wir es ihnen nicht. Zurück ins Regal mit dem GT.Heinrich Heine erzählt in seinen Artikeln für die Allgemeine Zeitung 1832 von der Pandemie in Paris, dass die Särge ausgegangen seien und die Choleratoten nur noch in Säcken beerdigt wurden. Zwei Knaben hätten neben ihm gestanden und ihn gefragt, ob er sagen könne, in welchem Sack auf dem Leichenberg wohl ihr Vater läge. Es sei „sehr störsam, wenn einem beständig das Sichelwetzen des Todes allzu vernehmbar ans Ohr klingt.“ Das ist uns ja dann doch bisher erspart geblieben.
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Was bringt die Entschleunigung der Pandemie? Gelegenheit, auf jene zu hören, die die Zukunft sein werden. Vorerinnerung. Der passende Moment , jetzt mal seine Hausaufgaben machen zu wollen. Ich höre, dass die eingeschlossenen Menschen ihre Keller und Garagen aufräumen, die Schränke und Regale leeren. Den Schreibtisch. Entrümpeln. Alle Leichen des Prokrastinats beerdigen. Gut. „Du musst Dein Leben ändern.“ Von wem war das? Sloterdijk hat so ein Buch betitelt, oder? Neufassen. Vielleicht auch die eigene Gesundheit. Oder diese und jene Zwangsmitgliedschaft. Wenn die Irren Sekten gründen, treten die Klugen aus ihren Kirchen aus. Schwimmen durch den großen Fluss? Ja und nein. Frühlingserwachen? Ja und nein. Denkpausen? Ja, das schon. Entlassung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.
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ÜBER SCHEUE REHE.
Nach einem Empfang in der Irischen Botschaft, es setze gerade das Wirkungstrinken ein, lädt uns ein Freund noch auf ein Night Cup zu sich nach Hause ein, wobei wir wissen, dass er hier in der Hauptstadt nur eine Übernachtungsmöglichkeit unterhält, da er, wie alle Gentlemen der Gentry, eigentlich auf dem Lande wohnt. Sein Londoner Appartement liegt an der Grenze Kensingtons zum Ortsteil Chelsea.
Es handelt sich um einen ehemaligen Pferdestall, eine „mews“, wunderbar hergerichtet, aber mit 50 Quadratmetern Wohnfläche auch nicht gerade extravagant. Zu groß für eine Studentenbude, zu klein für eine Familie mit Kindern. Sagen wir, eine nette Stadtwohnung in einem bevorzugten Stadtteil. Beeindruckt von den Berliner Debatten um bezahlbaren Wohnraum frage ich John nach den Preisen, was protokollarisch eigentlich nicht geht, aber er sieht es dem Kraut nach. Es war eine günstige Gelegenheit. Er hat, umgerechnet in Euro, nur 18.000 gezahlt. Ich gratuliere und zeige mich beeindruckt.
Das war gerade nicht die Monatsmiete, sondern der Quadratmeterpreis bei Erwerb. Die Bude hat eine knappe Million gekostet. Für Kensington ein absolutes Schnäppchen. In Chelsea höre ich, zahlen die Russen frag- und klaglos das Doppelte. Und zwar im Schnitt; Spitzenobjekte erzielen inflationäre Summen. Alta Schwede. Greater London ist übrigens von einer Labour-Regierung geführt, die am Ort als „soft left“ bezeichnet wird, also Sozialdemokraten. Es gibt eine soziale Stratifizierung des Wohnraums. Wem weniger Liquidität gegeben, der zieht nach Croyden oder in die Gartenstadt Welwyn. Oder nach Kent. Das sind jene Comuter, die morgens wie abends ein Stündchen im Zug verbringen. Kein Vergnügen.
Was hält Sadiq Khan, den Labour-Bürgermeister mit migrantischen Wurzeln, davon ab, zur Enteignung von Wohneigentum aufzurufen? Das kann ich erklären. Der Engländer ist Kaufmann, alles Händlerseelen, die mal ein Weltreich geführt haben. Er weiß, der Tommy, was aus einer City wird, wenn er mit Verstaatlichung droht. Das Kapital ist ein scheues Reh. Übrigens durchaus widersprüchlich. Das Gesundheitswesen führen sie als „National Health System“ mit stoischem Gleichmut korporatistisch. Und klappt es? Natürlich nicht, sagt John.
Ich will jetzt nicht auch noch erörtern, dass New York von einem verstörten Kommunisten geführt wird. Oder über Paris reden. Ich sage, es stellt sich die soziale Frage. In der Provinz wie der Metropole. Die Macht erlangt und behält, wer sie so beantwortet, dass die Wähler ihm glauben. Der soziale Frieden ist ein scheues Reh.