Logbuch
DER ZUSTAND DER DEMOKRATIE.
Die Kandidaten überzeugen mich alle nicht. Lustlos sehe ich die Schlussphase des Wahlkampfes. Erkenntnisekel als Lebensgefühl.
Olaf Scholz will erscheinen als Hanseat. Bürgerlich, liberal, sozialdemokratisch. Helmut Schmidt ist wieder da. Und ein wenig Willy Brandt. Er will stehen für Solidität. Das wären meine Werte. Auf ein solches Charisma würde ich reinfallen.
Olaf Scholz muss aber seine mickrige Amtsführungen rechtfertigen. In Hamburg, wo er den Terror nicht in den Griff bekam und Steuerbetrug tolerierte. In Berlin, wo er massiven Betrug nicht aufdeckte und Geldwäsche begünstigte. Nicht er persönlich, sondern seine Behörden. Politisch verantwortlich für Staatsversagen.
Olaf Scholz kann Kanzler nicht. Mir war das immer klar. Ich habe zudem einen Freund, der ihn gut kennt, und von ihm auch charakterlich nicht überzeugt ist. Der Mann ist für mich nicht die Lichtgestalt, als die er erscheinen möchte. Aber das spräche ja für sein PR: mittleres Talent mit einigem Erfolg. Charisma geht anders.
Ich habe schon per Briefwahl meine Pflicht getan. Und wahre natürlich das Wahlgeheimnis. Aber es war ein Vermeidungshandeln, keine Begeisterung, ein Abwägen. Ich habe versucht, das geringste Übel zu wählen. Soviel zum Zustand der Demokratie.
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DAS SCHWEIGEN.
Lesefrucht, geerntet bei einem Latein-Professor aus Dresden zu einem alten Graffiti. Erhalten seit der Antike. In den feuchten Putz einer römischen Grammatik-Schule hatte ein Denunziant den Schädelumriss des Direktors geritzt. Und den Direx namens Pollux (oder so) darin einen „fellator“ genannt. Steht da ganz lapidar: POLLUX FELLATOR. Was heißt das? Ich greife nach meinem alten Schulwörterbuch LANGENSCHEIDT Latein - Deutsch. Das lateinische Wort „fellator“ ist dort verzeichnet, aber, höchst seltsam, nicht ins Deutsche übersetzt. Es wird zwar erklärt, aber nur in Latein. Man hat sich bei diesem Wort zum Deutschen nicht getraut.
So dachte man sich in einem Schulbuchverlag wohl den Schutz der Jugend. Unschuld bewahren, indem man das böse Wort nicht sagt. Jedenfalls nicht in deutschem Klartext. Dabei könnte es ja um Gewichtiges gegangen sein. Etwa einen Pädagogen im Alten Rom, dem man öffentlich Neigungen vorwarf, die nicht notwendig dem Kindeswohl dienten. Könnte aber auch Rufmord gewesen sein. Schmähungen standen damals hoch im Kurs. Man war nicht zimperlich mit seinen Gegnern.
Das Vermeiden von Klartext erinnert an den neuzeitlichen Umgang der Katholischen Kirche mit solchen Tatbeständen. Wenn man dem Missbrauch kein Wort gab, konnte er auch nicht geschehen sein. Vieles, was sich als Tugend- und Jugendschutz geriert, war Täterschutz. Im Alten Rom war man deftiger. In Theorie und Praxis. Aber auch hier routiniert verlogen. Man redete sich gern damit heraus, dass es GRAECULI, sprich „kleine Griechen“ (und eben nicht ehrbare Römer), waren, die in Badehäusern zu Diensten waren.
Das Wörterbuch nennt das Wort also nicht. Sprachlosigkeit ist ein Verdikt gegen Opfer. Den Tätern reichen ohnehin Andeutungen. Hier setzt spätestens die PSYCHOANALYSE an: sie gibt dem Unausgesprochenen Namen, etwas bildungsbürgerlich, aber immerhin Es bricht die HEGEMONIE DES SCHWEIGENS. Denn das ist das Schweigen: Herrschaft, Machtausübung.
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GELASSENHEIT.
Befremdend ist diese STREITSUCHT in den Gesprächen, wenn es denn Gespräche sind, auf TWITTER und in der Politik. Niemand ist mehr MILDE gestimmt.
Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Die Menschen wollen eigentlich MODERATES, lerne ich. Beispiel: Wir wissen ja jetzt, dass viele Bücher keine Autoren haben, sondern zusammenkopiert sind. Da ist nicht mal gezielt plagiiert worden; das Verfahren ähnelt eher Müllsammeln. Man sollte es Recycling nennen, Müllverwertung. Das ist die Schande der Ghostwriter, die ihren Kunden eingeredet haben: Ich schreibe ein Buch für Dich. Und die Schande der Unis, die aus parteipolitischer Opportunität dafür Doktortitel vergaben.
Und die zweite Schande jener Professoren, die nun gegen den Enttarner dessen aus dem Hinterhalt hetzen. Ich denke gerade an einen Publizistik-Prof. und einen PR-Prof., die ich zufällig gesehen habe, wie sie sich als Heckenschützen gegen den Plagiatsjäger engagieren. Der Vorwurf der akademischen „sniper“: Der sei charakterlich minderwertig. Das sagen sie nicht offen, sie insinuieren es. Ich werde die beiden nicht benennen, aber das gefällt mir charakterlich nicht, wenn Charakter schon das Argument ist. Was immer man von dem Plagiatsjäger halten mag.
Das ganze KLIMA der EMPÖRUNG ist mir zu angestrengt. Dieser jakobinisch heiße Atem, der ist rigoros gegen andere, intolerant gegen Fehlverhalten, fundamentalistisch im Anspruch, inquisitorisch im Schüren von Verachtung und Rache. Es fehlt mir an GELASSENHEIT. Es fehlt mir an Nachsicht. Und der Zustimmung gegenüber jenen, die einen Fehler einräumen. Diese vordergründige Rechthaberei ist eine Form von Wahn, vielleicht sogar ein beginnender Wahnsinn.
Gestern sagt mir ein Freund, dass der Spott über die Dummen etwas UNDULDSAMES habe, wenn man doch wissen könne, dass die UNGEBILDETEN keine Gelegenheit zur Bildung hatten. Siehe der Anstreicher aus Sachsen und das deutsche Gedicht, das er fordert, aber nicht kann. Stimmt, aber dann sollen die nicht auch noch herrschen wollen, die Dummen. Da wird dann doch wieder das Jakobinische in mir wach, gegen das ich gerade argumentiere.
Man versteht, was Bertolt Brecht mit dem Wunsch nach mehr FREUNDLICHKEIT meinte. Das beginnt mit VERSTEHEN, dann dem HÖFLICHEN, bedeutet FRIEDEN und endet in Glücksfällen mit FREUNDSCHAFT. Sehr selten so was.
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ÜBER SCHEUE REHE.
Nach einem Empfang in der Irischen Botschaft, es setze gerade das Wirkungstrinken ein, lädt uns ein Freund noch auf ein Night Cup zu sich nach Hause ein, wobei wir wissen, dass er hier in der Hauptstadt nur eine Übernachtungsmöglichkeit unterhält, da er, wie alle Gentlemen der Gentry, eigentlich auf dem Lande wohnt. Sein Londoner Appartement liegt an der Grenze Kensingtons zum Ortsteil Chelsea.
Es handelt sich um einen ehemaligen Pferdestall, eine „mews“, wunderbar hergerichtet, aber mit 50 Quadratmetern Wohnfläche auch nicht gerade extravagant. Zu groß für eine Studentenbude, zu klein für eine Familie mit Kindern. Sagen wir, eine nette Stadtwohnung in einem bevorzugten Stadtteil. Beeindruckt von den Berliner Debatten um bezahlbaren Wohnraum frage ich John nach den Preisen, was protokollarisch eigentlich nicht geht, aber er sieht es dem Kraut nach. Es war eine günstige Gelegenheit. Er hat, umgerechnet in Euro, nur 18.000 gezahlt. Ich gratuliere und zeige mich beeindruckt.
Das war gerade nicht die Monatsmiete, sondern der Quadratmeterpreis bei Erwerb. Die Bude hat eine knappe Million gekostet. Für Kensington ein absolutes Schnäppchen. In Chelsea höre ich, zahlen die Russen frag- und klaglos das Doppelte. Und zwar im Schnitt; Spitzenobjekte erzielen inflationäre Summen. Alta Schwede. Greater London ist übrigens von einer Labour-Regierung geführt, die am Ort als „soft left“ bezeichnet wird, also Sozialdemokraten. Es gibt eine soziale Stratifizierung des Wohnraums. Wem weniger Liquidität gegeben, der zieht nach Croyden oder in die Gartenstadt Welwyn. Oder nach Kent. Das sind jene Comuter, die morgens wie abends ein Stündchen im Zug verbringen. Kein Vergnügen.
Was hält Sadiq Khan, den Labour-Bürgermeister mit migrantischen Wurzeln, davon ab, zur Enteignung von Wohneigentum aufzurufen? Das kann ich erklären. Der Engländer ist Kaufmann, alles Händlerseelen, die mal ein Weltreich geführt haben. Er weiß, der Tommy, was aus einer City wird, wenn er mit Verstaatlichung droht. Das Kapital ist ein scheues Reh. Übrigens durchaus widersprüchlich. Das Gesundheitswesen führen sie als „National Health System“ mit stoischem Gleichmut korporatistisch. Und klappt es? Natürlich nicht, sagt John.
Ich will jetzt nicht auch noch erörtern, dass New York von einem verstörten Kommunisten geführt wird. Oder über Paris reden. Ich sage, es stellt sich die soziale Frage. In der Provinz wie der Metropole. Die Macht erlangt und behält, wer sie so beantwortet, dass die Wähler ihm glauben. Der soziale Frieden ist ein scheues Reh.