Logbuch

SCHLÜSSELROMAN.

„Was liest Du?“, so fragt ein alter Freund und Kommilitone; und er meint damit, was man gerade im Moment zur Lektüre habe. Regelmäßig empfiehlt er dann seine neuste Entdeckung. Jüngst aufschlussreiche Romane mit aktuellem Bezug, eigentlich Satiren auf die Berliner Gegenwart. Man erkennt leicht, welche Zustände und welche Personen im Roman gemeint sind, auch wenn ihnen dort jeweils ein anderer Name gegeben.

Man nennt das SCHLÜSSELROMAN, weil leicht zu entschlüsseln. Die Dichtung legt nur einen zaghaften Schleier über‘s Leben, um dann, so getarnt, um so brutaler zuschlagen zu können. Wir sind bei der alten Frage: Was darf Satire? Ist Kabarett Kunst oder freche Politik? Ich finde in den Romanen zum Beispiel Passagen, die politischen Parteien nicht gefallen dürften, weil recht böse. Hier der FDP und der SPD.

Ein Liberaler aus dem Norddeutschen, eigentlich Braunschweiger, findet seine Trinkgewohnheiten karikiert und sich mit dem Attribut eines fleischgewordenen Herrenwitzes versehen. Nun wird er als absolute Person der Zeitgeschichte (so heißt das im Presserecht) daran nichts ändern können, weil mögliche Meinung, aber genießt das die Freiheit der Künste, nur weil Herr Meier hier Müller heißt? Gute Frage. Ich selbst habe ihn, den Herrenwitz, schon Herrenwitze reißen hören, im wahren Leben.

Der im Willy Brandt Haus residierenden Partei wird ein übles Binnenklima unterstellt; es herrsche dort unter den Anwärtern auf Höheres Neid, Missgunst, Intrige, Verrat. Unter der Hegemonie der Solidarität tobe Stalin. Dieses Pandämonium des Profanen habe die SPD ruiniert. Nun könnte man sich fragen, ob da andere Parteien anders seien, aber das ist nicht mein literarisches Problem. Ich frage als Wortarbeiter: Darf ich als Dichter sagen, was ich als Journalist beweisen können müsste?

Ich hätte dazu allerdings eine Quelle. Und die saß nicht in der Poststelle. „The nice guys are in the mail room.“ Sie saß ziemlich weit oben. Meine Quelle war einer der Chefs in dem Bumms. Und er hat das Haus genauso geschildert. Nicht mal „unter drei“, sondern outspoken und frei. Aber ich zitiere sie nicht, die Quelle. Weil einem Journalisten nix heilig ist, außer das. Allenfalls einen Schlüsselroman, den könnte ich erwägen. Andererseits ein irrer Aufwand, diese tausend Worte im Dienste einer einzigen Beleidigung. Das muss doch auch mit einem kleinen Wortspiel gehen.

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LAUTER LEITENDE.

Arbeitszeugnisse sagen nie die Wahrheit; sie sollen ja dem Fortkommen des Delinquenten dienen, sprich verschweigen, warum er gehen musste. Das ist Gesetz und jeder erfahrene Arbeitgeber liest sie deshalb erst gar nicht. Ähnliches gilt für Bewerbungsunterlagen, die den Kandidaten preisen wollen, selbst wenn eine lausige Lusche. Ich habe für einen PR-Job ein gutes Dutzend Lebensläufe auf dem Tisch und staune trotz der ja zu tolerierenden notorischen Lobhudelei.

Alles Führungskräfte. Alles Verantwortungsträger. Nur noch Leitende. Man kann, lerne ich, ein wirklich kleines Licht gewesen sein und doch die hellste Kerze auf der Torte. Wer Konzern kennt, schüttelt den Kopf. Da hat ein Referent eine Aufgabe „verantwortet“. Kundige Thebaner wissen, dass er an einen Abteilungsleiter berichten musste, der einem Hauptabteilungsleiter berichtet, über dem ein Bereichsleiter thront (der erste wirklich Leitende), der an einen Bereichsvorstand berichtet, der an einen Ressortvorstand im Konzern berichtet, der auf den Vorstandsvorsitzenden hört.

Noch schlimmer bei Selbständigkeiten. Arbeitslosigkeit ist nun weiß Gott keine Schande. Die Leute haben aber eine Ich-AG an ihrer Wohnadresse betrieben, wohl weil ihnen das Geld für eine GmbH fehlte, oder eine englische Ltd. gegründet und derart Hartz IV aufgestockt, sind aber in selbstständiger Führungsverantwortung gewesen. Leadership. Klar. Das ist die Logik, nach der vorübergehendes Taxifahren eine Interimsverantwortung in Public Transport & HR war.

Aber der Sittenverfall ist keine Dekadenz von unten. Der Fisch stinkt wie immer vom Kopf. Niemand verlangt mehr, dass ein Professor auch nur einschlägig ist. Schon gar nicht bei Häusern für Anwendungswissen, also praktisch das Praktische der Praxis. Du kannst ohne Promotion und frei von jeder Industriekarriere an einer Fachhochschule auf eine Professorenstelle. Nein, nicht nur als Frau, auch als Männlein. Leerstuhlinhaber. Sie werden immer mehr. Motto: Forschung muss nicht, Leere reicht vollkommen.

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ENGELMACHEREI.

In der Manege öffentlicher Debatten hat der politische Zirkus wieder mal ein Thema gefunden, dass tief in grundsätzliche Werte ragt, also zur wechselseitigen Verteufelung bestens geeignet ist. Es geht um den Schutz ungeborenen Lebens oder das Recht von Frauen, ungewollte Schwangerschaften früh abzubrechen. Auf Kosten der Krankenkasse. Denn ich rede nicht von brutaler Engelmacherei in schmierigen Hinterzimmern, die das Leben der Mütter gefährden.

Zunächst zur Sache oder der rechtlichen Lage, was hier das gleiche ist. Der Staat drückt sich bisher vor einer klaren Entscheidung, indem er innerhalb bestimmter Frist den Eingriff zwar für illegal hält, aber auf eine Strafverfolgung verzichtet. Das ist typisch für feigen Mut. Man könnte auch sagen: Männermut. Und es leuchtet mir nicht ein. Man kann sich als Staat bei einer so fundamentalen Frage keinen schlanken Fuß machen. Was ich vorsätzlich toleriere, hat rechtens zu sein. Was ich nicht ausdrücklich verbiete, ist ohnehin rechtens.

Es geht mir aber gar nicht um juristische Hinterhalte. Ich glaube nämlich, dass egal, wie man das Thema dreht und wendet, es die ausschließliche Zuständigkeit der Mütter ist, der die Natur eine Last auferlegt hat, der man als Mann nur mit tiefstem Respekt begegnen kann. Alle Kerle sind Muttersöhnchen und halten schon deshalb bei dieser Frage die Klappe.

Ich habe in meinem Leben zu keiner Abtreibung raten müssen oder sie gar verlangen wollen. Das ist ein großes unverdientes Glück, dass das Schicksal gewährt. Aber das Recht, eine ungewollte Schwangerschaft früh zu beenden, das liegt ausschließlich bei der Mutter und politisch bei den Frauen. Beiträge zu dieser Debatte verbieten sich ansonsten seitens der Samenspender vollständig. Ja, auch seitens der Kirchen, der katholischen wie der evangelikalen.

Das Patriarchat ist biologisch eine Episode; besser wäre es, wenn die Mütter das Sagen hätten, jedenfalls in wesentlichen Fragen. Es gibt viele Gesellschaften, die nur noch die Mütter retten können.

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ÜBER SCHEUE REHE.

Nach einem Empfang in der Irischen Botschaft, es setze gerade das Wirkungstrinken ein, lädt uns ein Freund noch auf ein Night Cup zu sich nach Hause ein, wobei wir wissen, dass er hier in der Hauptstadt nur eine Übernachtungsmöglichkeit unterhält, da er, wie alle Gentlemen der Gentry, eigentlich auf dem Lande wohnt. Sein Londoner Appartement liegt an der Grenze Kensingtons zum Ortsteil Chelsea.

Es handelt sich um einen ehemaligen Pferdestall, eine „mews“, wunderbar hergerichtet, aber mit 50 Quadratmetern Wohnfläche auch nicht gerade extravagant. Zu groß für eine Studentenbude, zu klein für eine Familie mit Kindern. Sagen wir, eine nette Stadtwohnung in einem bevorzugten Stadtteil. Beeindruckt von den Berliner Debatten um bezahlbaren Wohnraum frage ich John nach den Preisen, was protokollarisch eigentlich nicht geht, aber er sieht es dem Kraut nach. Es war eine günstige Gelegenheit. Er hat, umgerechnet in Euro, nur 18.000 gezahlt. Ich gratuliere und zeige mich beeindruckt.

Das war gerade nicht die Monatsmiete, sondern der Quadratmeterpreis bei Erwerb. Die Bude hat eine knappe Million gekostet. Für Kensington ein absolutes Schnäppchen. In Chelsea höre ich, zahlen die Russen frag- und klaglos das Doppelte. Und zwar im Schnitt; Spitzenobjekte erzielen inflationäre Summen. Alta Schwede. Greater London ist übrigens von einer Labour-Regierung geführt, die am Ort als „soft left“ bezeichnet wird, also Sozialdemokraten. Es gibt eine soziale Stratifizierung des Wohnraums. Wem weniger Liquidität gegeben, der zieht nach Croyden oder in die Gartenstadt Welwyn. Oder nach Kent. Das sind jene Comuter, die morgens wie abends ein Stündchen im Zug verbringen. Kein Vergnügen.

Was hält Sadiq Khan, den Labour-Bürgermeister mit migrantischen Wurzeln, davon ab, zur Enteignung von Wohneigentum aufzurufen? Das kann ich erklären. Der Engländer ist Kaufmann, alles Händlerseelen, die mal ein Weltreich geführt haben. Er weiß, der Tommy, was aus einer City wird, wenn er mit Verstaatlichung droht. Das Kapital ist ein scheues Reh. Übrigens durchaus widersprüchlich. Das Gesundheitswesen führen sie als „National Health System“ mit stoischem Gleichmut korporatistisch. Und klappt es? Natürlich nicht, sagt John.

Ich will jetzt nicht auch noch erörtern, dass New York von einem verstörten Kommunisten geführt wird. Oder über Paris reden. Ich sage, es stellt sich die soziale Frage. In der Provinz wie der Metropole. Die Macht erlangt und behält, wer sie so beantwortet, dass die Wähler ihm glauben. Der soziale Frieden ist ein scheues Reh.