Logbuch
Krisen will man schnell vergessen.
Das ist gesund. Gilt für den Einzelnen, für ganze Gesellschaften. Ein Vermögen des Heilens: Vergessen können. Das gilt auch für Seuchen. Ich lese zufällig bei Kipling ein Gedicht, eigentlich einen Songtext, in dem darüber geklagt wird, dass der Typhus täglich zehn Leute (Soldaten) geholt habe. Alter abgegriffener Band. Wer hat das Kipling-Gedicht übersetzt? Ein gewisser BERT BRECHT. Steht da ohne weitere Angaben, wer das wohl sein könnte. Kann aber stimmen. BB war Kipling-Fan. Also, man vergisst als Gesellschaft nach den großen Kriegen deren Grauen. Aus den Feldlazaretten des braunen Weltkriegs berichtete meine Frau Mutter: „Was haben wir damals amputiert...“ Sie habe ständig Gliedmaßen in die Anatomie tragen müssen. Die junge Schwester sah das Grauen. Dann schob sie, die Überlebende, die Erinnerung weg. Aus der Militärchirurgie stammt der Begriff der TRIAGE. Das ist die Vereinigung eines ärztlichen Kalküls mit einem militärischen. Man flickt jene zu vorderst zusammen, die anschließend wieder schießen können. Feldverwendbarkeit. Aber auch die Arbeitsmedizin wusste so zu denken. Mein Großvater mütterlicherseits hatte nach Verschüttung in einem Grubenunglück ein zerschmettertes Rückgrat, das die Knappschaftsärzte chirurgisch nicht versorgten. Man ließ ihn aber liegen. Als er nach Monaten dem offensichtlich durchgelegenen Bett, zur Überraschung aller, doch wieder entstieg, hatte er einen Buckel. Er wusste zu spotten, das sei halt die Form der Matratze gewesen. Der Knappschaftsarzt nannte das, erinnerte er, kopfschüttelnd „wild zusammengewachsen.“ Er hat seine Rente aber noch auskosten können. Heute sei, lerne ich von einem Transplantationsmediziner die TRIAGE eine Alltagsfrage bei der Organvergabe. Und die Notfallmediziner berichten, dass man bei Naturkatastrophen oder Terroranschlägen gar keine andere Chance habe als zu PRIORISIEREN.
Ich rede darüber mit jemanden, der bei der Bahnkatastrophe in Eschede im Einsatz war und nach dem Tsunami in Asien. All das im Kopf verstehe ich die künstliche Hysterie im Lande nicht bzgl. der IMPFFOLGE. Auf See gilt: Frauen und Kinder zuerst. Jetzt gilt: Erst die Oldies, dann die Retter. Wo ist das Problem? Anstellen bitte. Hinten anstellen. Do not jump the queue!
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Früher hat man in DEUTSCHEN LANDEN, sprich in der PROVINZ, eine Landpomeranze daran erkennen können, und zwar auf den ersten Blick, dass sie beschissen gekleidet war. Es kam Kleidung zum Einsatz, die QUELLE und NECKERMANN in der DDR schneidern ließen und über Kataloge dem damaligen Versandhandel anvertrauten. Richtig chic waren DAMEN aus der GROSSSTADT; sie konnten sich dort in Luxuskaufhäusern und Boutiquen mit dem Charm der METROPOLEN versorgen. Ein Hauch Pariser Haute Couture. So gab es dann die Lady vom Ku’damm oder der Kö; und den allzu bunten Trampel aus dem Odenwald. So jedenfalls die Lage an der Front der Vorurteile. Mit den neuen Zeiten, Stichwort INTERNET und AMAZON hat sich diese Deklassierung des Landlebens aufgehoben. Wer was auf sich hält, hat ein Landhaus; eine Tugend der Gentry. Klasse hat das Landleben. Der Lockdown macht diese Wende zu einer glatten Umkehr. Das Paket hält einen Siegeszug, der den stationären Handel endgültig verändern wird. Erste Stufe: Man kriegt überall alles. Es hilft dabei PAYPAL. Zweite Stufe: Man kriegt alles in der Provinz besser als in der Metropole. In Berlin sind die Paketboten notgedrungen eine freche Bande und die Nachbarn überwiegend sture Idioten. Auf dem Dorf kommen, ich habe gezählt , täglich mindestens vier, fünf verschiedene Paketdienste, freundliche Fahrer, nette Nachbarn (jedenfalls neugierige). Versorgung eins A. Aus der alten PROVINZ ist die neue METROPOLE geworden. Dem hat auch die neue Seuche nichts anhaben können. Im Gegenteil. Nur sollte ich das mit der schlecht gekleideten Dorfschönen, ein blöder Spruch eines Städters, nicht so laut sagen, sonst gibt es was auf die Augen. Da kann das Landleben rustikal sein. Aber auch das war in Berlin nicht besser.
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War eine stille Nacht.
Geweckt hat mich heute das Geräusch eines vorbeifahrenden Lasters und gelbes Blinklicht, das hinter den Vorhängen aufschien. Der Räumdienst. SCHNEE. Eis und Schnee? Doch noch eine WEISSE WEIHNACHT ? Das wär was. Der ganze Schmuddel verschwunden unter Puderzucker. Weiß ist die Farbe der Unschuld. Das unbefleckte Laken. IMMACULATA. Die Sehnsucht nach dem Paradies, jedenfalls dem Ort kindlicher Unschuld. Ein Ort, an dem wir alle lebten, bevor die Schlange (der Teufel) Eva, dem sündigen Weib, riet, Adam dahingehend zu verführen, dass er vom verbotenen Baum der Erkenntnis aß. Biss in den Apfel. Apple zeigt deshalb den weißen (!) Apfel und zwar angebissen (!). Schlau die Werbefuzzis. Spielen mit dem Urgründen unserer Seelen. ARCHETYPEN. Eine weiße Welt nach all dem Scheiss in diesem trüben Jahr. Das wäre es. Noch ist es draußen zu dunkel, um zu sehen, ob das Sehnen erfolgreich ist. Bis gleich!
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DER MATTHÄUS-EFFEKT.
Das Leben ist nicht gerecht. Es ist sogar noch ungerechter, als man meint. Das hat ein amerikanischer Soziologe namens Robert K. Merton herausgefunden, der untersucht hat, welchen Einfluss kostenlose Bildung, etwa die Gratisgabe von Schulbüchern, auf soziale Ungleichheit hat. Nun, sie verschärft die Ungleichheit. Weil? Die Schüler aus Haushalten mit eher gebildeten Eltern nutzen die Literatur überdurchschnittlich stark und die aus eher bildungsfernen unterdurchschnittlich. Die Schere geht weiter auf. So verfestigten sich Klassenunterschiede, sagt der Soziologe. Er zitiert dabei das Gleichnis von den Talenten aus dem Matthäus-Evangelium.
Dort steht: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ Das empört unser Gerechtigkeitsempfinden, ist aber so hässlich, dass es stimmen könnte. Eine soziale Paradoxie. Wir erleben sie zurzeit auch beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die nicht mehr verlangt, dass der Nutzer lesen und schreiben kann. Alexa sind auch Analphabeten willkommen. Gerade die. Man fragt die KI was und die trägt es vor. Lesen überflüssig, Schreiben auch. Welchen Einfluss das auf die Bildung hat, bemerken Hochschullehrer gerade allzu deutlich. Die Mobilen werden mobiler und die Unselbstständigen verlieren auch noch den letzten Rest an intellektueller Eigeninitiative, weil sie die entsprechenden Sozialtechniken schlicht verlernen. Alexa ist ihnen deswegen nicht böse.
Bildung ist ein Muskel: Wer ihn nicht trainiert, verliert ihn; zunächst leidet nur die Fitness, dann der ganze Mensch. Die Couch-Potato sitzt am iPhone, frisst Chips und wählt, was Putin will. Denn, wenn es ein ideales Opfer für Desinformation gibt, so ist es der daddelnde Doofmann in den Sozialen, der das Internet für einen Hort der Weisen hält. Er meint durch ein Fenster in die Welt zu schauen, dabei ist es ein Schaufenster, das die KI für ihn so dekoriert hat, dass er seine Abhängigkeit davon kontinuierlich weiter ausbaut. In nichts ist der Matthäus-Effekt plausibler als bei der Drogensucht. Die nächste Line an Koks gilt als Erlösung, ist aber nur ein weiterer Schritt in die Katastrophe. Did I make myself clear? Sonst fragt halt Alexa, was der Mann meint.