Logbuch
SEIDENSTRASSE.
Man kann von den Rechten was lernen, insbesondere den Rechtspopulisten. Sie verstehen es, ihren Unsinn in Bilder zu kleiden. Gefälscht, aber verständlich. Das ist das Wesen von Propaganda, die Fähigkeit mit grobem Pinsel große Bilder zu malen, deren Symbolkraft den Verstand ausschaltet und das Herz gewinnt. Oder den Bauch. Oder noch tiefere Organe. Volksverführung, ja, aber oft gut gemacht.
Ich höre, denn Hörensagen ist die Welt der Propaganda, dass der rechtspopulistische Präsident der USA ein gigantisches Hospitalschiff der Navy nach Grönland geschickt habe, um die notleidende Bevölkerung medizinisch erstzuversorgen. Kompletter Quatsch, aber mit großer Wucht. Welch eine Geste! Daran ist so gut wie alles Unsinn. Das dänische Gesundheitssystem gehört zu den besten der Welt und ist jedem seiner Bürger gratis zugänglich.
Davon ist die Klassenmedizin der Amis Jahrhunderte entfernt. Es stimmt schon, dass hier die beste Versorgung besteht, für denjenigen Bürger, der es sich leisten kann. Wer dazu den kulturellen Horizont und das nötige Kleingeld hatte, der ist privat versichert, oft über seinen Job, und findet Zugang zu wirklicher Spitzenmedizin. Eine staatliche Versorgung ist rudimentär und selektiv. Die Idee vom Sozialstaat existiert nicht. Große Teile der Bevölkerung sind gar nicht mit Vorsorge versorgt. Ein Dritte-Welt-Land.
Jetzt nehme auch ich mal den großen Pinsel. Das größte Risiko, unverschuldet aus einfachen Verhältnissen in tiefe Armut zu verfallen, besteht hier darin, krank zu werden. Den Staat kümmert das einen Dreck. Das ist vormodern. Und natürlich trifft diese sozial indizierte Verelendung in einer historischen Sklavenhaltergesellschaft manche häufiger als andere. Wenn die Dänen in irgendeiner Frage nun gar keine Belehrung brauchen, dann in dieser. Auch nicht in Grönland.
Wir dürfen also von einem modernen Staat erwarten, dass er seine Bürger zur Vorsorge anhält und die privaten wie staatlichen Einrichtungen in gutem Zustand zukunftsfähig macht. Was das angeht, hat auch mein Vaterland noch Hausaufgaben zu machen. Gelingt das nicht, legt ein Hospitalschiff vor Helgoland an, ich schwöre. Und da wird, wenn ich die Weltlage richtig lese, an Bord Mandarin gesprochen. Habe ich mich klar ausgedrückt?
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KERNGESUND.
Deutschland hat in Europa die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit, aber liegt in der Qualität nicht vorne. Das schmerzt (pun intended); vor allem, wenn man erfährt, wer da die Nase vorne hat. Die Schweiz, Norwegen und die Niederlande. Wie kann das sein? Ein Erklärungsversuch.
Die Schweizer sind schon immer Hungerleider gewesen; die Lebensumstände waren so karg, dass sie die Söhne des Landes als Söldner („Reisläufer“) in alle Welt verkaufen mussten. Das ist heute im Vatikan noch erkennbar. Wer bewacht den Papst? Die Schweizer Garde. Völlerei ruiniert den Menschen; gesegnet, wer frei davon.
Der Norweger ernährt sich, in Ermangelung einer reichhaltigen Schweinezucht, von Meeresfrüchten. Das hilft offenbar und ermöglicht ein langes Leben. Moby Dick. Denn er nimmt von Kindesbeinen an Lebertran. Dafür sorgt der Walfang. Ein Freund aus Trondheim trug dieserhalben das T-Shirt „Intelligent Food for intelligent People“.
Aber die Moffen? Die sind für weniger Zaster gesünder als wie wir? Das finde ich frech. Wie macht das Mijnheer Peperkorn?
Ich höre, das läge an der höheren Digitalisierung. Kann das sein? Ich finde, es geht nichts über ein mit Tinte verziertes Rezept vom Onkel Doktor, mit dem ich dann beim örtlichen Apotheker diskret ein Mittel zur Verbesserung der lokalen Durchblutung beziehen kann. Bückware. Das lässt der Moff sich schlicht schicken? Viagra bei Amazon? Paaah.
Ich rede mit einer Gesundheitspolitikerin über Moby Dick und die Frühsterblichkeit. Sie rät: drastische Strafsteuern auf Tabak, Alkohol und Zucker sowie, nicht zu vergessen, Salz. Wer das zu meiden wisse, bliebe ewig gesund, sprich schön und jung. Wie Karl Lauterbach? Will man das?
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DER KONGRESS TANZT.
Nicht mal die notorische Sigrid Nikuta und der frohgemute Harald Christ, obwohl wieder unfreiwillig komisch, können meine Stimmung heben; beide tanzen vor, und zwar beim piefigen Ball der Berliner Koofmichs. Am Ort eine Institution. Die deutsche Provinzialität zeigt sich erneut als metropoles Gehabe einer kleinbürgerlichen Halbwelt: hohler Habitus. Nein, der elend lange Winter geht mir auf den Geist. Das also ist die Erderwärmung, vor der uns die Grünen retten wollen. Es reicht mir. Nun ist Sehnsucht nach Frühling so alt wie die Menschheit.
Weltweit war es der wärmste Winter seit Erfindung der Dampfmaschine. Im Mittel zwischen Arktis und der Sahara 20 Grad Celsius. Ich hätte gerne gewusst, wie James Watt 1775 die Temperatur in Grönland und Guinea gemessen hat. Aber auch diese Frage setzt nicht den Glauben aus. Denn davon reden wir, von der Religion des Klimas, die mit profanen Hinweisen auf das Wetter nicht zu widerlegen ist. Darum sage ich den Ketzersatz: Nichts, was ich als Person tun könnte oder wir Deutsche als Nation, wird an der Entwicklung des Weltklimas irgendetwas ändern. Weil, selbst wenn menschengemacht, es andere Menschen andernorts sind. Mehr als wir. Die deutsche Energiewende ist eine Posse peinlicher Provinzialität.
Aber, sagt mir am Ball der oberschlaue CEO eines Stadtwerks, Vorbild haben wir doch zu sein. Bliebe also noch die religiöse Warnung vor der Sünde und die Heilserwartung des Märtyrers. Plus die historische Mission, dass am deutschen Wesen die Welt zu genesen habe. Deutschsein, das heißt laut Geschichtsbuch, eine Sache um ihrer selbst willen zu wollen. Ehrlich gesagt fehlt mir die Kraft zu solchen Erweckungsbewegungen. Ich friere auf dem Heimweg vom Ball der Berliner Kaufleute und habe Sodbrennen von miserablem Prosecco und fühle mich vom Kongress, der tanzt, nicht wirklich inspiriert. Im Schuh einen Stein von dem Granit, den sie hier auf’s Trottoir streuen statt zu salzen.
Kann ich jetzt bitte Frühling haben? Wenigstens das.
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ENTEIGNUNG LIGHT.
Das zu buchende Restaurant meiner Routine, wenn es was kosten darf, irritiert mich am Telefon durch den Hinweis auf einen Ritus, der ganze Gruppen von Gästen zum Verzehr von Gänsen versammelt. Man sei ausgebucht; ich könnte aber gerne den fetten Vogel mit Rotkraut und Klößen zum Verzehr daheim abholen. Man hält mich für einen potentiellen Liebhaber des „take away“. Ich habe den Laden von meiner inneren Liste@ angenehmer Orte gestrichen. Damit dürfte auch Gänsestopfleber ausgelistet sein.
Wo kommt der Blödsinn um die zu bratenden fetten Viecher her? Wie vieles eine bäuerliche Tradition. Die Vögel nährten sich das Jahr über mit Gras und Getreideresten der Stoppelfelder, um dann zum Abschluss des bäuerlichen Jahres als Proteinbombe auf die Rippen jener zu gelangen, die einen harten Winter zu fürchten hatten. Für den heutigen Städter ist Gänsefleisch nur noch eine sächsische Höflichkeitsformel oder die Erinnerung an den Mainzer Gutenberg, der uns den Druck brachte, sprich an den Elon Musk der vorherigen Galaxie.
Mir ist der Mythos um Sankt Martin der Erinnerung wert, weil er begründet, was Sozialpolitik in christlicher Tradition ist. Recht aktuell, da kein kommunistisches Institut. Dazu lohnt es zu wissen, was der römische Umhang namens „cappa“ eigentlich war, nämlich ein Hoheitszeichen. Der an der Schulter mit Schafsfell gefütterte Poncho war den Legionären Roms vorbehalten, die darunter auch ihre Ausrüstung verbargen und, so beritten, zugleich noch das Ross schützten. Eine Uniform der Siegreichen Roms, bald adaptiert von den Würdenträgern der Kirche. Deshalb, nach der „cappa“, Kaplan genannt, der sich eine Kapelle baute. Übrigens des Lesens und Schreibens kundig und deshalb kirchliche wie weltliche Autorität.
Das sollte man wissen, wenn man feiert, dass St. Martin hoch zu Pferde seinen Mantel teilt, als er auf den frierenden Obdachlosen trifft. Die Episode wird laut Matthäus von Jesus dazu genutzt, sein Menschenbild zu erläutern. Der Junge neigte ja zu symbolischem Handeln. Der Chef sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Das ist der Kern des christlichen Menschenbildes, die Gottgleichheit der ganzen Gattung, die mit Nächstenliebe nur sehr unvollkommen übersetzt ist. Aber es ging mir darum, dass der geteilte Mantel vor allem geteilte Macht ist, nämlich Demokratie; darum mein Hinweis darauf, dass die Kutte ein Hoheitszeichen war.
Die Kommunisten sagen nun, warum nur der halbe Mantel? Nehmt ihm den ganzen Umhang! Sie verstehen soziale Gerechtigkeit als Enteignung. Wer dem folgen mag, der hat dann den Pauper in der Cappa auf dem Gaul und St. Martin im Staub. Ich erlaube mir den Hinweis, dass wir damit historisch nicht die besten Erfahrungen haben. VEB tut weh. Dies alles als stille Botschaft an die zu St. Martin ins Amt gehende Berliner Koalition. Sapienti sat. Auf Berlinerisch: Den Schlauen unter euch weiß, wie ich mein.