Logbuch

BEWEISLASTUMKEHR.

Jeder gilt als schuldig, solange nicht eindeutig das Gegenteil bewiesen ist. Dieser Satz entspricht einem Menschenbild, das mit Skepsis noch vorsichtig beschrieben ist. Aber lebensklug. In geschäftlichen Dingen spricht er von einer großen Erfahrung. Zumal wer sein Geld an der Börse in fremde Hände gibt, der sollte lieber so denken denn blauäugig. Alles Betrüger.

In der Politik gilt ohnehin, dass man keine Niedertracht auszuschließen hat. Hier ist Parteifreund die Steigerung von Feind. Der erfahrene Horst Seehofer wurde gefragt, ob es in der Politik Freundschaft gebe; seine Antwort war klar und eindeutig: „Nein!“ Wer Geschichte studiert, weiß, dass Kriegsgründe meist große Lügen. Alles Verbrecher.

Aber im Privaten, da ist man doch vor großen Enttäuschungen sicher? Nun, damit ist es wie mit Radio Eriwan: „Im Prinzip ja!“ Aber man soll auch schon von Bösem zwischen ehedem Vertrauten gehört haben. Mord zum Beispiel ist in der Mehrheit aller Fälle eine Beziehungstat. Im Familienkreis vorwiegend zu Weihnachten. Alles Schlampen.

Deshalb hat die Familienministerin Josefine Paul in NRW recht, wenn sie Meldestellen für unerwünschte Meinungen betreibt, die noch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze liegen. Sie führt zu Recht an, dass die Delinquenten um die Strafnorm wüssten und diese vorsätzlich unterschritten. Das lässt der Zeitgeist nicht durchgehen. Da muss man die Beweislast halt umdrehen.

Im Stadtbild ist nicht das nachweisbare Verhalten bestimmter Gruppen das Problem, sondern Männer überhaupt. Wer diesen Makel sein Eigen nennt, der darf seine Unschuld beweisen. Nachdem man den Beschuldigungen gegen ihn initial Glauben geschenkt hat. Also ist eine gewisse Zurückhaltung in der anschließenden Unschuldsbeteuerung klug.

Frau Paul, die Familienministerin, ist mit der sächsischen Justizministerin verheiratet. Man könnte sich unter Ehegatten daher mal beim Frühstück über Rechtspolitik unterhalten. Wenn ich mir die Anregung erlauben darf, in einer Zeit, da höheren Orts mit großer Geste über Beweislastumkehr schwadroniert wird.

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GEFÄHRDERANSPRACHE.

Im Fall BOLZ gibt es eine Wende. Der Reihe nach. Was war los? Ein rechter Meinungskolumnist in Berlin und auf X hatte Hausbesuch von der Polizei, weil eine staatliche Meldestelle für Meinungen ihn denunziert hatte sowie ein linker Oberstaatsanwalt nebst grünem Richter genehmigungsbereit waren für eine Hausdurchsuchung. Der Mann hatte tatsächlich gegen das Verwendungsverbot von NS-Symbolen verstoßen, indem er „woke“ mit „erwache“ übersetzte. Das ist historisch schlicht nicht unbelastet, selbst wenn es als Witz gemeint war. Erwache ist ein böses Wort.

Da die vier Polizisten in der privaten Wohnung des Professors aber gar nicht Zwang anwenden mussten und er sich freiwillig mit der Tatwaffe (seinem PC) und dem darauf erzeugten „post“ fotografieren ließ, war es gar keine Hausdurchsuchung. Was soll das Gejammere? Der ÖRR ignoriert den Vorgang also durchaus zurecht. Das linke Milieu schüttelt sich eh schon immer vor Ekel über den notorisch Rechten und neidet ihm nun seine „awareness“. Der soll nicht auch noch populär werden. Der sei nämlich das allgemeine Interesse nicht wert, schreibt der Kappenschrat, ein Professor für Publizistik an einer Flachhochschule. Die Linke reklamiert vehement ihr Monopol auf Märtyrer.

Ich habe die Lösung, politisch, juristisch wie publizistisch. Was hier Meinungs-Meldestelle wie Staatsanwaltschaft und Richter exerziert haben, war eine GEFÄHRDERANSPRACHE. Man wollte ihm nur mal einen Schrecken einjagen. Der Mann äußert sich schließlich wiederholt, nachgerade täglich rechts. Aus einem perfiden Kalkül heraus meidet er dabei Justiziables; er vertritt vorsätzlich rechte Meinung so, dass dabei strafwürdige Tatbestände gemieden werden. Dabei ist seine rechte Gesinnung unzweifelhaft; er räumt sie selbst ein. Das kann man doch nicht ewig durchrutschen lassen. Gefährderansprache. Ironie aus.

Dieser „Kampf gegen Rechts“ betreibt die Sache der Reaktion. Ich höre die schlitzohrige Alice Weidel vor Vergnügen quietschen. Und frage mich: Womit hat es die AfD verdient, dass die Links-grün-woken bieten, was Lenin „nützliche Idioten“ genannt hat. In weiter Ferne verklingt ein Ruf: „Sir, geben Sie Gedankenfreiheit!“ (Schiller, Don Carlos)

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DER VOLKSMUND.

Die Leute reden nicht nur, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sondern auch so, wie ihnen die Löffel stehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die große Verbreitung eines ganz passablen Englisch bei den Holländern damit zusammenhängt, dass das Fernsehen die amerikanischen Serien nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln sendet. Na ja, und sie sind erfahrene Händler, die Moffen. Haben mal die Welt beherrscht.

Eine gesprochene Sprache gliedert sich vertikal und horizontal; sozial von unten nach oben wie geografisch nach der jeweiligen Heimat. Obwohl meine Frau Mutter den allergrößten Wert auf ein lautreines Hochdeutsch bei ihrem Sohn legte, sagen mir Kollegen anderer Regionen nach, man höre bei mir den Pott noch immer raus. Selbst Schwaben wagen solche Hinweise. Damit wird es grundsätzlich. Was heißt hier Pott? Gemeint ist der Rheinisch Westfälische Stadtbezirk (Geographendeutsch), wegen der dortigen Montanindustrie auch Rheinisch Westfälisches Kohlenrevier genannt, oder eben der Pott. Volksmund.

Wer wie selbstverständlich in aller Kürze vom REVIER spricht oder dem POTT, der kommt von hier. Das Bergwerk war der PÜTT nach dem Lateinischen „puteus“, im Deutschen erhalten in der „Pfütze“ oder dem „Poet“ (Hugenpoet, der Krötensumpf). Der Arbeitsort wird im Volksmund erfragt mit „Auf welchen Pütt gehse?“ In der Hochsprache lautet das: „Wo war der Vater angelegt?“ Das wurde ich anlässlich meines Bewerbungsgesprächs bei der Ruhrkohle AG von dem Bergassessor gefragt. Es war der richtige Pütt, ich war drin, eingestellt. Vor Hacke ist duster.

Damit das mal ein für alle Mal klar ist: Das Revier begann Mitte des 18. Jahrhunderts in Oberhausen. Man war bei der GHH, kurz für Gute Hoffnungs Hütte, und deren Pütts rund um Osterfeld und Sterkrade. Meine Großväter waren auf Neue Hoffnung, ein GHH-Pütt; mein Vater bei der Ruhrchemie in Holten. Ich habe an der Ruhr-Universität in Bochum studiert und in meiner Kneipe einen Orchestermusiker namens Herbert Grönemeyer ertragen müssen. Das alles bestimmt den Ton.

Im Gegensatz zum Saargebiet oder dem Rheinland hat es der Pott aber nie zu der edlen Bezeichnung RUHRLAND geschafft. Wir, die wir von da wech kommen, wissen warum. Weil der reputationsbildende Fluss nie die Ruhr, sondern immer die Emscher war. Wem das ein Lächeln ins Gesicht zaubert, der kommt von hier.

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ENTEIGNUNG LIGHT.

Das zu buchende Restaurant meiner Routine, wenn es was kosten darf, irritiert mich am Telefon durch den Hinweis auf einen Ritus, der ganze Gruppen von Gästen zum Verzehr von Gänsen versammelt. Man sei ausgebucht; ich könnte aber gerne den fetten Vogel mit Rotkraut und Klößen zum Verzehr daheim abholen. Man hält mich für einen potentiellen Liebhaber des „take away“. Ich habe den Laden von meiner inneren Liste@ angenehmer Orte gestrichen. Damit dürfte auch Gänsestopfleber ausgelistet sein.

Wo kommt der Blödsinn um die zu bratenden fetten Viecher her? Wie vieles eine bäuerliche Tradition. Die Vögel nährten sich das Jahr über mit Gras und Getreideresten der Stoppelfelder, um dann zum Abschluss des bäuerlichen Jahres als Proteinbombe auf die Rippen jener zu gelangen, die einen harten Winter zu fürchten hatten. Für den heutigen Städter ist Gänsefleisch nur noch eine sächsische Höflichkeitsformel oder die Erinnerung an den Mainzer Gutenberg, der uns den Druck brachte, sprich an den Elon Musk der vorherigen Galaxie.

Mir ist der Mythos um Sankt Martin der Erinnerung wert, weil er begründet, was Sozialpolitik in christlicher Tradition ist. Recht aktuell, da kein kommunistisches Institut. Dazu lohnt es zu wissen, was der römische Umhang namens „cappa“ eigentlich war, nämlich ein Hoheitszeichen. Der an der Schulter mit Schafsfell gefütterte Poncho war den Legionären Roms vorbehalten, die darunter auch ihre Ausrüstung verbargen und, so beritten, zugleich noch das Ross schützten. Eine Uniform der Siegreichen Roms, bald adaptiert von den Würdenträgern der Kirche. Deshalb, nach der „cappa“, Kaplan genannt, der sich eine Kapelle baute. Übrigens des Lesens und Schreibens kundig und deshalb kirchliche wie weltliche Autorität.

Das sollte man wissen, wenn man feiert, dass St. Martin hoch zu Pferde seinen Mantel teilt, als er auf den frierenden Obdachlosen trifft. Die Episode wird laut Matthäus von Jesus dazu genutzt, sein Menschenbild zu erläutern. Der Junge neigte ja zu symbolischem Handeln. Der Chef sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Das ist der Kern des christlichen Menschenbildes, die Gottgleichheit der ganzen Gattung, die mit Nächstenliebe nur sehr unvollkommen übersetzt ist. Aber es ging mir darum, dass der geteilte Mantel vor allem geteilte Macht ist, nämlich Demokratie; darum mein Hinweis darauf, dass die Kutte ein Hoheitszeichen war.

Die Kommunisten sagen nun, warum nur der halbe Mantel? Nehmt ihm den ganzen Umhang! Sie verstehen soziale Gerechtigkeit als Enteignung. Wer dem folgen mag, der hat dann den Pauper in der Cappa auf dem Gaul und St. Martin im Staub. Ich erlaube mir den Hinweis, dass wir damit historisch nicht die besten Erfahrungen haben. VEB tut weh. Dies alles als stille Botschaft an die zu St. Martin ins Amt gehende Berliner Koalition. Sapienti sat. Auf Berlinerisch: Den Schlauen unter euch weiß, wie ich mein.