Logbuch

HINTER MILCHGLAS.

Die Ampel-Regierung ist zu loben. Olaf Scholz macht das gut. Man kümmert sich um SINN und ZWECK von Politik. Nicht Indiskretionen und zerstörerische Transparenz, sprich KABALE und INTRIGE, sind angesagt, sondern Gelegenheit zur EINSICHT.

Der MEDIENPROZESS kann sehr zerstörerisch sein, wenn er mit einer zappelnden Politik zusammenwirkt, in der die politische Klasse sich durch Verrat und Missgunst zerfleddert, während die Menschen die Geduld verlieren. Die Ampel unter Scholz bemüht sich mit klarer Einsicht und großer Disziplin um Ruhe und Sachlichkeit. Vorbildlich! Zwei Indizien.

Der Kanzler und seine Koalitionäre fangen die HYSTERISCHEN in ihren eigenen Reihen ein. Man sieht das an der stillen Disziplinierung des KARL LAUTERBACH, dessen erratischer Populismus sediert wird. Statt im Scheinwerferlicht zu zappeln, fühlt er sich angehalten, seine Hausaufgaben zu machen. Der Talkshow-Opportunist ist in der Regierung angekommen.

Zweites Indiz: Die HECKENSCHÜTZEN maulen. Insbesondere jene ehemaligen Journalisten, die frei von Quellen schnelle Beute machen wollen, weil sie auf Twitter etwas aufgeschnappt haben, liegen trocken. „Wo ist Olaf?“ maulen sie. Diese Bundesregierung entscheide hinter Milchglas. Wohl wahr. Das hat der jetzige Kanzler als Minister unter dem ehemaligen namens Schröder gelernt: Man kann alles zerreden lassen. Das VERHETZUNGSPOTENTIAL senken.

Jetzt will die Anti-Seuchenpolitik stärker auf ihre VERSTEHBARKEIT achten, den Leuten Zeit geben. Sich um SINN bemühen. ZWECKE erläutern, WERTE nennen. Gut so. Ich weiß nicht, ob das reicht. Aber das Gehabbel von Frau Merkel Ohne Land und dem dicken Narkosearzt im Kanzleramt haben es nicht mehr gebracht. Die Wahrheit ist: Die Querdenker sind auch das Produkt der Merkelschen Alternativlosigkeit. Dass hier neue Zeiten angebrochen sein könnten, das zeigt auch der eingebremste Herr Wüst aus NRW; er, der Amateur im Kostüm eines Ministerpräsidenten, läuft in der Spur. Ihm wurde hinter dem Milchglas gezeigt, wo Gott wohnt.

Wenn die Ampel das jetzt auch noch in der Ostpolitik schafft, dann wäre ich zwar nicht vom Saulus zum Paulus geworden. Müsste aber reumütig ein Fehlurteil einräumen. Das würde mich bei mir echt überraschen. Aber man lernt ja nicht aus.

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WAHR ODER FREI?

Die Werte brauchen eine Reigenfolge. Erst die Primärtugenden, dann die sekundären. Selbst unter den primären gibt es vorrangige und nachrangige. Freiheit ist das höchste Gut.

Der alte HEGEL, so alt war er gar nicht, hat etwas unerbittlich konsequentes. Man quält sich mit ihm weit über die Schmerzgrenze, dann, plötzlich, ein Satz und alles hat sich gelohnt. So heute. Er zitiert die berühmte Stelle aus dem Johannes-Evangelium: „Die Wahrheit wird Euch frei machen.“ Und er legt Widerspruch ein.

HEGEL schreibt: „Die Freiheit wird Euch wahr machen.“ Padautz.

Ein Vergnügen, wie frech er ist. Insbesondere wenn man weiß, wie Johannes beziehungsweise Jesus das meinen; es folgt dort der Hinweis des Messias, dass er selbst die Wahrheit sei.

Die Freiheit ist die Unterwerfung, sprich die Anstellung des Verstandes zum Sklaven des Glaubens.

Der gereifte HEGEL war nicht religiös; schon gar nicht unter Abschaltung des Verstandes zur Umgehung der Vernunft. Die Freiheit wird Euch wahr machen. Das gefällt mir.

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APFELBÄUMCHEN.

„Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Nicht von Luther, aber richtig.

Ich würde ein Birnbäumchen nehmen. Die Birne ist ein Tiefwurzler. Dagegen haben die Flachwurzler etwas Anfälliges. Herr von Ribeck zu Ribeck im Hafelland / Ein Birnbaum in seinem Garten stand.

Ich würde auch einen Gingko Biloba in Erwägung ziehen. Dazu ist schon alles gesagt. Ein Buch beginnen. Ein altes Paar Schuhe fetten. Den Kotten vor dem Verfall retten. Ein gutes Wort sagen.

Die Welt geht nicht unter. Ist sie noch nie. Das ist eine Denkfigur von Kaffeehausphilosophen der Starbucks-Klasse. Sagt auch Professor Peter Sloterdijk aus Zehlendorf. Dem Journalisten mit dem Bötchen.

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DER SPIN DOCTOR.

Das ging aber plötzlich. Der amtierende amerikanische Präsident hat seine neue Sprecherin nach nur fünf Tagen geschasst. Die Medien seien echt gemein zu ihr gewesen, sagt er, und tröstet sie mit den Wort, das müsse sie sich nicht antun. Politik als Zirkus mit Clown-Show. Das ist der neue Goldstandard.

Aber reden wir ernsthaft über das Amt des Sprechers. Ich höre in der hier anzuwendenden Branche, bei den PR-Leuten, dass ein Sprecher das Alter Ego seines Chefs sein müsse. Das ist natürlich Unsinn. Oder das unbedingte Vertrauen seines Oberindianers genießen müsse. Auch Quatsch. Oder gar der Berater, der Anwalt des Anführers zu sein hat. Der Consigliere. Paaah. Und Journalisten können ohnehin kein PR, nie; sie simulieren das allenfalls.

Jede Identifikation mit dem Amt größer als 50 Prozent ist gemeingefährlich. Ein Pressechef trägt immer auf zwei Schultern; aber schon das Einräumen dessen erzeugt intern Argwohn. Und die Rolle als Abziehbild des Alten beim Publikum Spott. Versuchen wir es daher durch einen eher juristischen Diskurs. Der Anlass gibt das her. Die in den USA gefeuerte Regierungssprecherin gab sich als Anwältin aus, obwohl sie keine war. Sie hatte diesen losen Umgang mit der Berufsrolle, den wir von Frau Baerbock kennen („Ich komme ja aus dem Völkerrecht.“) Auch ich bin weder Jurist noch Rechtsanwalt oder gar Notar. Was mich gelegentlich nicht hindert, wie ein Winkeladvokat zu reden.

Der Sprecher ist kein Strafverteidiger, vor allem aber kein Komplize. Also, der Kommunikationschef einer Institution oder Organisation ist der Autor und Regisseur eines Stücks, das die Geschichte des Hauses so erzählt, dass die Zuschauer glauben, die Hintergründe und Motive der Hauptfiguren zu verstehen. Das ist immer zu einem guten Teil fiktional, sprich Rosamunde Pilcher oder „Shakespeare für Arme“. Ob man dabei wirklich ein Vertrauter dessen ist, der die Hauptrolle spielt, ist nicht entscheidend. Denn ich will nicht alles wissen, weil ich nicht Mitwisser sein will. Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit „Compliance“.

Ich selbst hatte als Sprecher eine regelrechte Aversion gegen Geheimnisse. Erzählt mir bitte keine. Erstens ist man schnell der Verräter, wenn sie durch welche blöden Zufälle auch immer offenbart sind. Zweitens sollte eine Staatsanwaltschaft erst gar nicht auf die Idee kommen, dass es bei mir etwas von Belang zu finden gäbe. Drittens redet sich mit Journalisten viel überzeugender, wenn man vom Geschäft keine Ahnung hat und sich auf seine Geschichte konzentrieren kann.

Vor allem aber entsteht keine Eifersucht bei den Göttern auf der Spitze des Olymps zu den sterblichen Dichtern und Sängern im Irdischen. Man ist schlicht erledigt, wenn als Ghostwriter enttarnt. Ich hatte, wenn als Sprecher erfolgreich, oft den Ruf, nicht so ganz im Thema zu sein, nicht immer und unter allen Umständen vertrauenswürdig, aber stets gut gelaunt und gelegentlich trinkfest. So geht PR.