Logbuch

ROMANE REDEN.

Meine Frau Mutter mochte es nicht, wenn eine Erzählerin nicht auf Punkt kam; ihr waren die Umschweife der Nachbarin zuwider. Dann fiel anschließend die Redewendung, dass jemand „vom Hölzken auf‘s Stöcksken“ käme. Gemeint war ein zielloses Extemporieren, das Reden, um des Redens Willen, sprich Gerede. Sie hatte ihre Jugend in der „schweren Zeit“ als OP-Schwester im Feldlazarett verbracht und gelernt, dass man bei Amputationen nicht schwätzt.

Ein guter Erzählfluss ist auch einer. Er beginnt an einer Quelle und als frischer Bach. Daraus wird zielstrebig ein kräftiger Fluss, dann ein Strom, der schließlich ins Meer mündet. Der schlechte Erzähler bewegt sich umgekehrt, jeden Mäander nutzend erreicht er die Quelle nie, jedenfalls nicht frisch und munter. Seine Geschichte ist trübes Brackwasser, kein labender Quell, von dem der Psalmist uns spricht.

Das geht mir durch den Kopf, da ich seit langem mal wieder einen Roman lese, der mich nicht langweilt. Eigentlich sind Novellen mein Ding, Kurzgeschichten. Vor mir liegt die Schwarte von Feridun Zaimoglu SOHN OHNE VATER. Der Lümmel kann schreiben. Abgesehen vom Fluss, der homerisches Format hat, ist es die Formulierkunst im Detail, die gerade jener haben kann, der klug seine zweite Sprache erkundet. Das Staunen über das Fremde schafft viel verbale Kraft. Aber ich verfalle ins Schwätzen und höre die mahnende Stimme meiner Mutter, die schon einige Zeit beim Gerechten weilt.

Jetzt aber zur Sache. Was ist der beste Romananfang aller Zeiten? Der hier:
„Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“ (Kafka, Der Verschollene) Rupp, zupp, auf den Punkt.

Nachtrag aus aktuellem Anlass: Da hat sich das Klima gewandelt; inzwischen ist es ein unangenehm schwüler Smog, eher schlechte Luft, recht stickige Atmosphäre, die die Dame gänzlich verhüllt. Das mit dem Schwert stimmt freilich. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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WENN VASALLEN WAS WOLLEN.

Während die Welt sich so sehr über die feudalen Freiheiten des amerikanischen Lehnsherren empört, studiere ich weitere Cicero in seinen Betrachtungen des gescheiterten Vasallen Ianus Frusta. Wir hatten gestern notiert, dass es wichtig für Ritter im Vasallentum ist, den Moment nicht zu verpassen, von dem an es dem Lehnsherren nicht mehr um Krieg, sondern um Geschäfte geht. Der böse Krieg im Kolonialen wird irgendwann zum guten Kaufmann, der das blutige Eisen zu Gold machen will.

In der Moderne, also nach Kopernikus, hat man nach dessen Weltbild den Begriff der Satellitenstaaten geprägt. Irreführend. Das unterstellt eine Naturgesetzlichkeit, die Gravitation, nach der eine natürliche Ordnung der sich umkreisenden Sterne gebaut ist, in der die kleinen Sterne die großen umlaufen; Satelliten halt. Die Natur der Dinge. Das ist falsch, weil unhistorisch.

Wir kennen eben auch den Wechsel des Hegemon wie die Konkurrenz der Lehnsherren untereinander. Das Römische Reich weicht irgendwann dem Osmanischen. Oder Indien verabschiedet sich aus dem britischen Commonwealth. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der kluge Cicero lehrt uns, dass Vasallentum ein Bündnis auf Zeit ist. Es erlischt ohnehin mit dem Tod der natürlichen Person. Aber auch ansonsten gilt, dass Lehnsherren die Lust verlieren oder auch Vasallen sich selbst freisagen können. Die Demokratie ist Vertragsfreiheit, mit den jeweils Herrschenden jeweils auf Zeit. Das ist die Magie des Vertrages, die Tinte wird trocken. Ja, Verträge sind zu erfüllen (pacta servanda), aber man kann sie eben auch kündigen.

Ob die EU ein desolater Haufen von wandelmütigen Vasallen wird, von denen einzelne Länder mit dem Gedanken eines russischen Lehnsherren spielen, entscheidet sich im Europäischen Rat, also bei den Ländern selbst. Ich wäre zum Beispiel dafür, Ungarn rauszuwerfen, die Tommys wieder rein. Der amtierende US-Präsident hat die EU als ein Projekt bezeichnet, dass darauf abgelegt sei, ich zitiere, „to screw the US“. Meine Erziehung verbietet es mir auszuformulieren, was „screwing“ wohl im Umgangssprachlichen meint. Cicero jedenfalls meidet jede Symbolik vulgärer Bezüge. Er ist ein Kontraktualist; er glaubt stur an Verträge und politischen Gestaltungswillen. Das sollen Vasallen wollen.

Wem das zu düster als Lebensphilosophie ist, dem sei zum Schluss ein fröhlicher Shakespeare geschenkt, sagen wir, weil Sonntag ist: „Life is but a walking shadow, a poor player that struts and frets his hour upon the stage, and then is heard no more. It is a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing." Denn was Vasallen jetzt wirklich wollen, das sind Eier mit Speck! Und starken Kaffee.

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WIEDER WAS GELERNT.

Unter meinen Büchern, die ohne jede Ordnung die Regale füllen (Bibliothek kann man das nicht nennen), sind auch unbekannter Herkunft beträchtliche Bestände der Geschichtswissenschaft, die ernsthaft zu studieren mir immer die Muße fehlte. Lese dort zufällig über den römischen Vasallen Inanis Frusta. Cicero räumt zwar ein, dass er ein Bürger Roms („civis romanus“) war, hält ihn aber für einen politischen Idioten; schlecht gekleidet zudem.

Ein Vasall war im Alten Rom ein freier Mann (kein Knecht oder gar Sklave), der mit seinem Lehnsherren ein Rechtsgeschäft vereinbart hatte. Er, der Vasall, bekam zu seinem persönlichen Vorteil ein Lehen geliehen (pun intended); sagen wir die Schätze der Provinz am fernen Schwarzen Nil. Dafür hatte er dem Herren militärische Unterstützung zu liefern, wenn dieser sie brauchte. So weit, so gut. Oder „do ut dez“, wie man damals sagte, „ich gebe, damit du gibst“. Hat bis ins Mittelalter gehalten.

Jetzt kommen wir mit Ciceros Hilfe zum Kleingedruckten. Der Vasallenpflicht oblag „auxilium et consilium“, sprich HILFE & RAT. Im Zweiten schlummert die Falle. Der unglückliche Inanis Frusta hatte es für angebracht gehalten, diesen Rat seinem Herren auf dem Capitol ungefragt zu erteilen, alle Senatoren zuhörend und viel Volks. Es ging ihm um Krieg in den Provinzen. So was wie den dritten Punischen. Sein Lehnsherr war aber schon ein Schritt weiter und jetzt auf Geschäfte aus. Zudem war der Vasall für‘s Capitol zu schlecht gekleidet.

Cicero schiebt den protokollarischen Lapsus darauf, dass der Vasall in seiner Heimat der Herkunft nach eigentlich Komödiant war. Nun, trotzdem ging es tragisch aus. Cicero lakonisch: „historia docet“. Meint, die Geschichte lernt einen was.

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DER SPIN DOCTOR.

Das ging aber plötzlich. Der amtierende amerikanische Präsident hat seine neue Sprecherin nach nur fünf Tagen geschasst. Die Medien seien echt gemein zu ihr gewesen, sagt er, und tröstet sie mit den Wort, das müsse sie sich nicht antun. Politik als Zirkus mit Clown-Show. Das ist der neue Goldstandard.

Aber reden wir ernsthaft über das Amt des Sprechers. Ich höre in der hier anzuwendenden Branche, bei den PR-Leuten, dass ein Sprecher das Alter Ego seines Chefs sein müsse. Das ist natürlich Unsinn. Oder das unbedingte Vertrauen seines Oberindianers genießen müsse. Auch Quatsch. Oder gar der Berater, der Anwalt des Anführers zu sein hat. Der Consigliere. Paaah. Und Journalisten können ohnehin kein PR, nie; sie simulieren das allenfalls.

Jede Identifikation mit dem Amt größer als 50 Prozent ist gemeingefährlich. Ein Pressechef trägt immer auf zwei Schultern; aber schon das Einräumen dessen erzeugt intern Argwohn. Und die Rolle als Abziehbild des Alten beim Publikum Spott. Versuchen wir es daher durch einen eher juristischen Diskurs. Der Anlass gibt das her. Die in den USA gefeuerte Regierungssprecherin gab sich als Anwältin aus, obwohl sie keine war. Sie hatte diesen losen Umgang mit der Berufsrolle, den wir von Frau Baerbock kennen („Ich komme ja aus dem Völkerrecht.“) Auch ich bin weder Jurist noch Rechtsanwalt oder gar Notar. Was mich gelegentlich nicht hindert, wie ein Winkeladvokat zu reden.

Der Sprecher ist kein Strafverteidiger, vor allem aber kein Komplize. Also, der Kommunikationschef einer Institution oder Organisation ist der Autor und Regisseur eines Stücks, das die Geschichte des Hauses so erzählt, dass die Zuschauer glauben, die Hintergründe und Motive der Hauptfiguren zu verstehen. Das ist immer zu einem guten Teil fiktional, sprich Rosamunde Pilcher oder „Shakespeare für Arme“. Ob man dabei wirklich ein Vertrauter dessen ist, der die Hauptrolle spielt, ist nicht entscheidend. Denn ich will nicht alles wissen, weil ich nicht Mitwisser sein will. Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit „Compliance“.

Ich selbst hatte als Sprecher eine regelrechte Aversion gegen Geheimnisse. Erzählt mir bitte keine. Erstens ist man schnell der Verräter, wenn sie durch welche blöden Zufälle auch immer offenbart sind. Zweitens sollte eine Staatsanwaltschaft erst gar nicht auf die Idee kommen, dass es bei mir etwas von Belang zu finden gäbe. Drittens redet sich mit Journalisten viel überzeugender, wenn man vom Geschäft keine Ahnung hat und sich auf seine Geschichte konzentrieren kann.

Vor allem aber entsteht keine Eifersucht bei den Göttern auf der Spitze des Olymps zu den sterblichen Dichtern und Sängern im Irdischen. Man ist schlicht erledigt, wenn als Ghostwriter enttarnt. Ich hatte, wenn als Sprecher erfolgreich, oft den Ruf, nicht so ganz im Thema zu sein, nicht immer und unter allen Umständen vertrauenswürdig, aber stets gut gelaunt und gelegentlich trinkfest. So geht PR.