Logbuch

WIE EIGENTLICH GEHT ELITE?

Es beginnt nicht mit Golf, endet damit aber immer. Der sportlich gehaltene Spaziergang zu den Löchern, die die Welt bedeuten. Ich kannte einen Vorstand, der sommers jeden Montag die Werksfliege nach Spanien nahm und auf dem Green mehr für die Firma richtete, als die Trottel zuhause am Schreibtisch. Rotary muss auch sein. Da die Aufnahme in die besseren Clubs zu einem der letzten Mysterien der Neuzeit gehörte, empfiehlt sich der Umweg über die örtliche Freimaurerloge. Dort Geselle und Meister machen, dann rüberheben lassen.

Heterosexuell geht eher nicht; und wenn, dann als Scheinehe. Joopen ist allerdings auch peinlich. Verbindung zur Burschenschaft nicht abreißen lassen, wenn diese vom Verfassungsschutz noch durchgewinkt wird. Kirche kann, muss aber nicht; und wenn, dann rheinisch (der Vorsatz reicht). Parteipolitisch wird es schwierig, weil zu häufige Regimewechsel das Parteibuch schnell zur Belastung werden lassen können. Wirtschaftsrat geht immer.

Man geht zur Jagd, auf die eigene. Shopapotheke (so nennt sich das Kokstaxi). Mäzen wäre auch schön. Das Konvolut der angesagten und zusammengesammelten Werke dann der öffentlichen Hand andrehen, die dafür aus Steuermitteln ein Museum betreiben muss. Anliegerstraße des eigenen Anwesens nach Familie benennen. Wenn in England, unbedingt zum Ritter schlagen lassen, Euer Lordship. Was Karitatives, einen Teller warme Suppe für arme Kinder.

Ergänzung für Firmenbosse: eigene Kantine mit Sternekoch (nennt sich Casino). Das längste Boot mit Kapitän auf dem Mittelmeer. Privatflieger. Sportwagensammlung, gern auch Oldtimer. Hotel kaufen und als Domäne des Clans inszenieren. Was weiß ich… Mir fehlt die Kraft zu einem großen Gesellschaftsroman, weil das alles so unendlich abgeschmackt ist.

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ES IST MACHBAR, HERR NACHBAR.

Bei allen großen Debatten unserer Zeit empfinde ich eine wachsende Distanz zum Rigorosen. Da wird mit großer Wucht der grobe Pinsel angesetzt. Etwa in der Frage, was ein wachsender Einfluss des Islam mit uns Christenmenschen macht. Oder die Apokalypse der Zivilisation durch Kohlendioxid. Untergang des Abendlandes, wenn nicht der Menschheit. Ich habe aber nicht vor, Elon Musk auf den Mars zu folgen. Wäre ich ein Philosoph vom Format Hegels, würde ich sagen: „Das Allgemeine ist immer das Falsche!“ Wahrheit gibt es nur konkret und zunächst im Kleinen. Ein versuchsweiser Gedanke.

Vielleicht hülfe es, wenn wir die Welt als Nachbarschaft dächten. Auch die großen Fragen in unseren Alltag brächten. Ein Beispiel: Ich weiß nicht, was ich vom Islam halten soll, aber die Frage, ob Frauen auch in der Zuständigkeit der Menschenrechte liegen, die kann ich beantworten, wenn ich mich frage, ob man die Enkelin meines Nachbarn von formeller Bildung fernhalten und früh zwangsverheiraten soll. Den anderen Religionen gönne ich im übrigen auch keine Macht.

Es fällt doch auf, dass das multikulturelle Zusammenleben friedlicher Migranten relativ gut klappt, wo sich Nachbarschaften bilden, und relativ schlecht, wenn ich es zu fundamentalen Prinzipien des Guten & Bösen erhebe und dem folgend militärisch bewirtschafte. Weit oben werden Feindschaften geschmiedet, weiter unten gestaltet sich Zusammenleben; nicht konfliktfrei, aber am Ende eben doch. Ich bin nicht prinzipienlos, aber eben auch nicht der nützliche Idiot anderer Interesse.

Eine Alltagserfahrung: Man wartet an Ampeln auf Grün. Wenn im Vielvölkerort Berlin, namentlich in Moabit, gehe ich nicht bei Rot über die Straße; schon gar nicht, wenn Kinder an der Ampel stehen. Mein Land, meine Regeln. Ich spreche besonders dreiste Delinquenten aus aller Herren Länder auch darauf an. Ich gelte als Kautz. Nachbarn finden, ich hätte Recht. Es fängt nämlich im Kleinen an und hört im Großen auf. So rum.

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WENN EIN FALL EINE CAUSA WIRD.

Ein Berliner Galerist, der hier ungenannt bleibt, aber durchaus mitgemeint, klagte gegen einen Berliner Romancier, weil er sich in dessen letztem Roman verunglimpft sah, obwohl er nicht namentlich genannt, aber nach seiner Auffassung mitgemeint war. Fachlich heißt das Allusionsverdacht. Er hat in der ersten Instanz verloren, aber damit eine Rechtsfrage aufgeworfen, die von so grundlegender Bedeutung ist, dass damit sein Name auf alle Zeit verbunden sein könnte. Eigentor, nennt man das wohl im Fußball.

Sogenannte Schlüsselromane erkaufen sich eine gewisse Nonchalance gegenüber den Persönlichkeitsrechten von realen Personen, die sie als literarische Figuren nur mit leichter Verfremdung versehen, also mitmeinen. Darf das? Nun, mein Patron Lichtenberg hat festgestellt, dass eine Satire, die der Zensor verstehe, zu Recht verboten würde. Das meinte die preußische Zensur des Kaiserreichs und nicht die intellektuellen Lichtgestalten der heutigen Staatsanwaltschaft in Göttingen. Göttingen? Nun, dazu hat Heine schon alles gesagt, was zu sagen ist. Sicherheitshalber zitiere ich es nicht.

Der inkriminierte Roman-Autor erlaubt sich, um ein frisches Beispiel zu geben, beiläufig eine Formulierung, die von einem „Dumm-dumm-Geschoss aus der Stadt D.“ spricht; die Stadt wird im Klartext genannt. Es ist nicht Köln. Ich erahne zwangsläufig, welche Politikerin hier geschmäht werden soll, wiederhole es aber nicht. Deren notorische Plädoyers zur Steigerung der Kriegstüchtigkeit des deutschen Volkes wird offenbart als wenig intelligent empfunden; eine eindeutig pazifistische Position. Darf das?

Die Dame, die da mitgemeint ist, ist übrigens wie andere Protagonisten des Ampel-Regimes, sehr klagefreudig und weiß die vorgenannte StA mit allfälligen Bagatellen an wesentlicheren Dingen zu hindern. Mehr sage ich hier nicht, schon gar nicht konkreteres; überhaupt geht es mir um Sachverhalte übergeordneter politischer Bedeutung, grundlegende Rechtsfragen, und nicht um Beleidigung einer Person. Uff, ich hoffe, das reicht; und es klingelt bei mir nicht morgen um sechs an der Tür.

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DER SPIN DOCTOR.

Das ging aber plötzlich. Der amtierende amerikanische Präsident hat seine neue Sprecherin nach nur fünf Tagen geschasst. Die Medien seien echt gemein zu ihr gewesen, sagt er, und tröstet sie mit den Wort, das müsse sie sich nicht antun. Politik als Zirkus mit Clown-Show. Das ist der neue Goldstandard.

Aber reden wir ernsthaft über das Amt des Sprechers. Ich höre in der hier anzuwendenden Branche, bei den PR-Leuten, dass ein Sprecher das Alter Ego seines Chefs sein müsse. Das ist natürlich Unsinn. Oder das unbedingte Vertrauen seines Oberindianers genießen müsse. Auch Quatsch. Oder gar der Berater, der Anwalt des Anführers zu sein hat. Der Consigliere. Paaah. Und Journalisten können ohnehin kein PR, nie; sie simulieren das allenfalls.

Jede Identifikation mit dem Amt größer als 50 Prozent ist gemeingefährlich. Ein Pressechef trägt immer auf zwei Schultern; aber schon das Einräumen dessen erzeugt intern Argwohn. Und die Rolle als Abziehbild des Alten beim Publikum Spott. Versuchen wir es daher durch einen eher juristischen Diskurs. Der Anlass gibt das her. Die in den USA gefeuerte Regierungssprecherin gab sich als Anwältin aus, obwohl sie keine war. Sie hatte diesen losen Umgang mit der Berufsrolle, den wir von Frau Baerbock kennen („Ich komme ja aus dem Völkerrecht.“) Auch ich bin weder Jurist noch Rechtsanwalt oder gar Notar. Was mich gelegentlich nicht hindert, wie ein Winkeladvokat zu reden.

Der Sprecher ist kein Strafverteidiger, vor allem aber kein Komplize. Also, der Kommunikationschef einer Institution oder Organisation ist der Autor und Regisseur eines Stücks, das die Geschichte des Hauses so erzählt, dass die Zuschauer glauben, die Hintergründe und Motive der Hauptfiguren zu verstehen. Das ist immer zu einem guten Teil fiktional, sprich Rosamunde Pilcher oder „Shakespeare für Arme“. Ob man dabei wirklich ein Vertrauter dessen ist, der die Hauptrolle spielt, ist nicht entscheidend. Denn ich will nicht alles wissen, weil ich nicht Mitwisser sein will. Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit „Compliance“.

Ich selbst hatte als Sprecher eine regelrechte Aversion gegen Geheimnisse. Erzählt mir bitte keine. Erstens ist man schnell der Verräter, wenn sie durch welche blöden Zufälle auch immer offenbart sind. Zweitens sollte eine Staatsanwaltschaft erst gar nicht auf die Idee kommen, dass es bei mir etwas von Belang zu finden gäbe. Drittens redet sich mit Journalisten viel überzeugender, wenn man vom Geschäft keine Ahnung hat und sich auf seine Geschichte konzentrieren kann.

Vor allem aber entsteht keine Eifersucht bei den Göttern auf der Spitze des Olymps zu den sterblichen Dichtern und Sängern im Irdischen. Man ist schlicht erledigt, wenn als Ghostwriter enttarnt. Ich hatte, wenn als Sprecher erfolgreich, oft den Ruf, nicht so ganz im Thema zu sein, nicht immer und unter allen Umständen vertrauenswürdig, aber stets gut gelaunt und gelegentlich trinkfest. So geht PR.