Logbuch

VORPFUSCHEN.

Wenn der Engländer, dieses sagenhafte Kulturwesen, auf den Bus wartet, steht er brav in der Schlange. JUMPING THE QUEUE, sich vorzudrängeln, das gilt als Unding. Macht man nicht. Das gilt für den Hafenarbeiter Andy the Cap wie für den Banker Lord Pommeroy mit Schirm, Charme und Melone. Eine Frage der Zivilisation. So sollte es auch beim Impfen sein.

Herr K. berichtet, dass sein alter Herr mit 98 durch sei, die Siebzigjährigen mit Vorerkrankung kurz davor stünden und die Mittdreißiger sich in Geduld üben. Ausnahmen verständlicherweise für Ärzte und Lehrer. Aber es gebe, bemerkt Herr K., auch Glücksritter, die eine der Ausnahmen clever nutzten. Die Cleveren pfuschen vor? Jeder wie er kann? Herr K. hat dazu keine Meinung, also eigentlich zwei.

Es ist klug von der Admiralität, eine Meuterei auf der BOUNTY zu verhindern und Extraportionen Rum auszugeben. Es ist dumm von der Admiralität, weil damit die Disziplin durchbrochen wird. Wie aber verhindern man eine Meuterei? So ernst scheint die Lage. Jedenfalls bei den Schauspielern unter den Matrosen. 53 von ihnen verlangten schon, dass die Offiziere im Beiboot ausgesetzt werden. 

Man kann das alles nachlesen. Das offizielle Logbuch

des Captain Bligh, und sein privates, die liegen wohlverwahrt in australischen Archiven. MEUTEREI AUF DER BOUNTY. Captain Bligh war nicht der Unmensch, als den ihn die Meuterer und später selbst sein eigener Bruder geschildert haben. Er hat das Kommando über die HMS Bounty verloren, weil er inkonsequent war. Das reicht. Mal das Kommando „Alles unter Deck“, dann wieder ein Landgang zu den Schönheiten Haitis, dann wieder alles unter Deck. Disziplin geht nur konsequent. Und nicht mit einem ständigen Wechsel in Spendiermanier von Brackwasser zu Rum und wieder zurück zu fauligem Wasser. 

Aber, um konsequent sein zu können, da braucht man das Sagen. Die Macht hat nur, wer den Notstand beherrscht. Deshalb geht mit der Disziplin auch das Kommando verloren. Beziehungsweise von der BRÜCKE in die KOMBÜSE. An den Koch mit dem Holzbein; John Silver, oder? Ein Lehrstück, findet Herr K.

Logbuch

OVERBECK.

Gegen eine Göttin hat der Spießer keine Chance. Jeanne d’Arc und Overbeck. Ich meine den Hilfskommissar aus dem Wilsberg, früher Tatort Münster. OVERBECK ohne Vornamen. E-Mail: „l.overbeck“, in tiefer Ironie. So ist der Deutsche. Kein 007, aber doch ein Mann, der etwas von sich hält. Wenn die Volksparteien recht haben, dann wird Overbeck Kanzler. Armin Overbeck oder Olaf Overbeck. Das halten sie, die Volksparteien, für eine Vision, die den Wähler begeistern wird.

Tja, der Overbeck. Im Englischen ist das der Typ BASIL FAWLTY, der Besitzer von FAWLTY TOWERS, dem Grundmodell des Patrons, eines Hausherren. Der Kleinbürger als solcher, ein Olaf, ein Armin. John Cleese hat klar gesagt: Eine Doku. Es sei das Gleneagles in Tankerton-on-Sea gewesen, das ihn auf die Idee gebracht hätte. Das Leben selbst schreibt die Komödie. Unsere Kanzlerkandidaten sind ihr eigenes Kabarett.

Ich hatte so einen Westentaschen-Napoleon wie Basil Fawlty mal in Penzance in einer Pension namens GAY VIEW. Er war Colonel der British Legion und zackig, wenn er den Gästen Spiegeleier offerierte. Das Ding lobte also im Eigennamen mit GAY VIEW den FRÖHLICHEN AUSBLICK; ich fragte ihn übermütig, ob es nicht auch der Ausblick auf die Bucht, sprich BAY VIEW getan hätte. Warum unbedingt das „gay“ da stehen müsste. Frostige Reaktion, sehr frostig. Sie können über sich selbst nicht lachen, die Overbecks. Sie grinsen; das ist nicht das gleiche.

Kleine Männer, kleine Menschen. Wie Alfred Tetzlaff. EKEL ALFRED hieß eine Erfolgsserie, die zur Hälfte von einem ARCHIE BUNKER aus den USA gekupfert und zur anderen nur Doku des ganz normalen Kleinbürgeralltags war. Und in diese Welt der langweiligen Männer tritt nun eine Alternative: „la déesse“, die Göttin, jung, weiblich, schön, von hoher Geburt und edler Gesinnung, eine Weise. Eine Jungfrau von Orléans. So würde ich das machen, wenn ich Baerbocks „Spin Doctor“ wäre.

Logbuch

ZWISCHEN IDYLLE UND GÜLLE.

Ein guter Gärtner braucht ein mutiges Herz und eine scharfe Schere. Sonst kriegt man in die verdammte Natur keine Struktur. Sagen wir es offen: Ein Rasen ist keine Wiese. Ein Garten kein Acker. Gärtnerei ist die Fähigkeit, die Natur zur Architektur zu zwingen. So zeigt sie dann ihre wahre Schönheit. Erst dann.

Schwäbischer Witz: Der Herr Pfarrer lobt den schwitzenden Gärtner mit den Worten, das sei aber toll, was er und der Herrgott aus dem kleinen Gärtchen gemacht hätten. Antwortet der Schwabe: „Sie hätten sehen müssen, wie es aussah, als der Herrgott es noch alleine hatte!“

Es gibt drei Naturen, mindestens. Die Natur des Bauern, sprich Gülle. Die Natur der Philosophen, sprich Idylle. Und die Natur des Gärtners. Aus Wildwuchs formt er Kunst. Manchmal auch Kitsch; das muss man leider einräumen. Gärten des Grauens, es gibt sie. Wir reden eigentlich von Landschaftsgärten. Scharfe Schere und ab und zu die Kettensäge.

Und was die Ökos unter Natur verstehen, das hat mit Garten so viel zu tun wie Kunsthonig mit Kunst; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Logbuch

NACHTGRÜN.

Wenn im Stau, ist ja Zeit, die Nachbarn zu betrachten. Ich meine deren Karossen. Dann fällt auf, dass der Spruch über die nächtlichen Katzen auch auf die Lackierungen zutrifft. Es sind mittlerweile alle Autos grau. Abweichungen ins Schwarze möglich, auch Silbertöne; aber eigentlich sind alle Schüsseln grau.

Man sieht es natürlich auch deutlicher, da der SUV-Kult dazu geführt hat, dass ganze Wandschränke bewegt werden. Mag der Wagen, insbesondere der Rennwagen, mal eine schlanke, gar phallische Form gehabt haben, so krabbeln heute zierlichste Frauen mit Entenschnäbeln in Blechburgen plumpester Anmutung. Da hat sich der XXL-Kult der Amis durchgesetzt, deren Pick-Ups ja zurecht „trucks“ heißen und eine proll-peinliche Übergröße durch die Landschaft bewegen. Langvergessen die Zeiten, als Autodesign aus Norditalien kam und Grazilität ein Kriterium wahr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Also Feuerwehr rot, Polizei blau, Bestatter schwarz, der Rest dunkelgrau. Aber dann ist es auch schon vorbei mit der Farbenlehre. Der Schweizer Psychologe Max Lüscher war ja der Meinung, dass man an der Farbpräferenz den Charakter erkennen könne. Weltweit ist daher weiß bei PKW die Farbe der Wahl. Das verstehe ich; es steht für Unschuld, das Blütenweiß. Nur hier im Mutterland der allgemeinen Mobilität („Volkswagen“) da verfällt man in die Depression des Einheitsgrau. Wenn hier wer gelb, ist er bei der Post. Die Braunen (pun intended) sind bei der AfD und nennen sich blau, was auch niemand mehr als Autolack wählt. Lediglich Babywäsche unterscheidet noch hellblau und rosa. Was die einer Samenspende und der doppelten Mietmutterschaft entstammenden Infanten, der letzte Schrei in der Nachwuchszüchtung, typischerweise tragen, weiß ich nicht.

Eigentlich gibt es nur eine angemessene Farbe. Klären wir es auf. Das ist ein sehr dunkler Grünton, das British Racing Green. Kriegen Sie aber bei keinem Hersteller. Jedenfalls nicht von der Stange. Schade eigentlich. Ich würde, hätte ich Geld zuviel, mir einen Phaeton mit großem Diesel und nachtgrünem Lack basteln lassen. So geht Auto.