Logbuch
DAS INTERVIEW.
Zum Überflüssigsten gehören Interviews mit SPORTLERN. Wegen der unzureichenden Antworten. Neu ist, dass die Matadore jetzt abbrechen, weil ihnen SCHEISSFRAGEN gestellt werden. Das könnte Schule machen in der Politik.
In der Pädagogik gibt es den Leitsatz, dass es keine dummen Fragen gebe. Damit will man auch die Minderbegabten zu einer aktiven Unterrichtsteilnahme locken. Wie so vieles im Pädagogischen („Jezz stelle mir uns ma janz dumm und frajen…“) ist das natürlich Unsinn. Es gibt schreienddumme Fragen. Daraus dann noch eine ganze Stunde Unterricht zu zaubern, das nennt man pädagogisches Geschick.
Schlimmer in der Politik. Ein von mir nicht geschätzter SPD-Politiker pflegte zu erzählen, dass er ein Interview mit einer jungen Dame von Bloomberg unterbrochen habe, um das amerikanische Wesen zu fragen, ob sie überhaupt wisse, wer er sei. Die Journalistin verneinte ohne zu erröten. Das werde sie recherchieren, wenn sie das Gefühl habe, dass sie etwas mit den Antworten anfangen könne.
Nach meiner persönlichen Talkshow-Erfahrung werden Fragen ohnehin überschätzt. Als routinierter Gast nutzt man die Pause nach der Frage, um das zu sagen, was man los werden will. Sollte die Gastgeberin nachhaken, lächelt man wissend und sagt noch mal, was man ohnehin loswerden wollte. Um dann wieder wissend zu lächeln. Der Zuschauer folgt eh nur der Körpersprache. Also achte man auf die Beinhaltung. Fragen sind Schall und Rauch.
Und jetzt noch ein Geheimtipp: die Sprechpause. Was niemand erträgt in dem ganzen Medienzirkus ist Stille. Ich hatte mal einen Chef, der seine ungelenke Art zum Kult ausgebaut hatte und mitten im Satz mehrere Minuten Schweigen konnte. Er sagte nix und guckte nachdenklich. Die automatischen Bandgeräte schalteten schon ab. Er schwieg. Und redete nach einer gefühlten Ewigkeit weiter. Ohne dass ein Grund für die Pause erkennbar wurde. Das Charisma des Willy Brandt kam zu einem guten Teil aus dieser Technik der Verzögerung. Willy konnte aus jeder Belanglosigkeit eine staatstragende Predigt machen, indem er sich unmotiviert Zeit ließ. Wichtig dabei ist eine Stirn in Falten.
Wer war noch der legendäre Boxer, der in einem Interview, das ihm stank, einfach gar nichts sagte? Die ganze Zeit, auf jede Frage, Stille. So, und jetzt auch hier: Der Rest ist Schweigen.
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BARBUSIG.
Nach allgemeiner Ansicht gehört der Mensch zu den SÄUGETIEREN. Der Begriff bezieht sich auf die initiale Ernährung des Neugeborenen durch die Milch der Mutterbrust; sie lässt ihren Säugling säugen. In den USA, wenn öffentlich, eine Straftat.
Ich frage mich, ob es schon eine SOZIOLOGIE des Säugens gibt. Darin wäre zum Beispiel das Ammenwesen abzuhandeln, bei dem sozial hochgestellte Mütter das „breastfeading“ anderen Frauen anvertrauen, die daraus eine Erwerbstätigkeit machen. Der Mythos des Vertauschens von Säuglingen entsteht in dieser Welt. Auch eine soziale Frage: die Brüste der strammen Bäuerin seien nahrhafter als die der anämischen Dame von Welt.
Auch das Gegenteil könnte gelten: die früher hohe Kindersterblichkeit könnte auf professionelle Vernachlässigung nach der Kommerzialisierung der frühkindlichen Ernährung deuten. Nach dem Physiologischen wäre über das Psychologische zu sprechen. Ob nicht gestillte Kinder eine wesentlich bessere Mutter-Kind-Beziehung haben gegenüber jenen, die mit der Flasche aufgezogen werden mussten. Überhaupt: Warum ersetzt der Begriff des Stillens irgendwann den des Säugens? Still machen? Weil die kleinen Monster alle Naselang brüllen? Lästigkeit als Evolutionsmerkmal. Tja, und dann der Schnuller…
Spätestens der Calvinismus verändert die Selbstwahrnehmung der Säugetiere; sie wollen die Sehnsucht nach der Mutterbrust nicht mehr wahrhaben. Vielleicht auch eine Folge des Patriarchalischen. Der Mensch als Jäger, sprich Fleischfresser, nicht mehr Milchbubi. Gleichzeitig entsteht kulturell ein FETISCH der großen Oberweite; vom bayrischen Dirndl bis zu Hollywood (man denke an die entsprechende Ikonographie der amerikanischen Pin Ups).
In den USA gilt heutzutage das öffentliche Stillen weitgehend als strafbewehrt, da auch die mütterliche Brust als Sexualorgan gilt, das dem strikten Verhüllungsgebot unterliegt. Nach anderen Kulturen frage ich erst gar nicht. In den Social Media (der USA) soll es einen Ikonoklasmus zu Brustwarzen geben; zu weiblichen, nicht aber zu männlichen. Man ist keusch. Aber jeder Halbwüchsige kann sich ein Sturmgewehr kaufen und damit den nächsten Kindergarten besuchen. Krank.
Ich rege eine SOZIOLOGIE des BARBUSIGEN an. Wer traut sich?
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DER GLAUBE.
Einen Gläubigen haben wir vor uns, wenn ein Geist, oder schlimmer noch eine Seele, von jedem Zweifel verlassen ist. Die Religion begrüßt das. Und der Nutznießer von Propaganda.
Unter dem Namen eines Freundes sehe ich zunehmend Kriegspropaganda im Netz. Das geht ja an, wenn er von dem Überfall auf die Ukraine ergriffen ist. Vieles wird stimmen; vielleicht alles. Aber er verliert jede kritische Distanz. Er will sie geradezu verloren haben. Ein glühender Mitkämpfer. Ich vermute daher, sein Account ist gehäckt und eine professionelle Desinformation wirkt unter seinem Namen. Vielleicht ein Roboter. Vielleicht der Bot eines Geheimdienstes.
Die Vermutung, dass Bots der Propaganda wirken, ist möglich, aber nicht leicht zu sichern; wohl gemerkt für diese oder jene Kriegspartei. In der Publizistik (der Wissenschaft) streitet man über die Zuverlässigkeit der Analyseverfahren, die Roboter entdecken. Mir ist das bei meinem Freund eigentlich schnurz; eher wäre es noch tragischer, wenn er wirklich inbrünstig glaubt, was sein Material in so großer Beharrlichkeit vermuten lassen will.
In der Religionsausübung gilt die INBRUNST als Glaubensbeweis, ein milder FUROR für etwas; zuweilen auch gänzlich unmild, eher Zorn als die Entschiedenheit des Wahnsinns. Bei meinem Störgefühl gegenüber einer KAMPAGNE löst die übergroße Entschiedenheit den Eingangsverdacht aus. Glaubensstärke ist ein irritierendes Signal. Ich habe da viel von einem Soziologen gelernt, der die „Binnenbindung“ (das, was zusammenhält) in SEKTEN untersucht hat. Es fehlt dort gesunder Zweifel und es herrscht eine kranke Selbstgewissheit.
Wenn ich meinen Freund darauf ansprechen würde, fürchte ich ihn zu verlieren, denn er wäre beschämt, auch wenn ich irre. Und so sehen wir betroffen, der Vorhang zu und alle Fragen offen.
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ENTLAGERUNG.
Der Bauer erkennt seine Schweine ja am Gang. Wenn ich die Debatten um unsere Energieversorgung höre, fällt mir immer wieder auf, dass Argumente gezückt werden wie abgegriffene Spielkarten beim Skat. Oft wird geblufft; so bei der grünen Sorge um die ausstehende Endlagerung, die Ernsthaftigkeit nur vortäuscht, weil man eigentlich das ganze Spiel nicht will. Da sitzen Mau-Mau-Spieler am Pokertisch. Aber der Reihe nach.
Gelegentlich zeigt eine einzelne Zahl, was man an Sachverhalten routiniert verdrängt. Ich las letzte Woche in einem amerikanischen Feuilleton, dass zurzeit weltweit 440 Atomkraftwerke in Betrieb sind. Das ist eine stattliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die Frage der Endlagerung der nuklearen Abfälle nicht so recht gelöst scheint. Meine Eingangsbemerkung. Wie komme ich jetzt wieder drauf? Nun, im Charlottenburger San Giorgio speist gestern Altkanzlerin Angela Merkel (frugal blaues Leinensacco mit Puppenknöpfen, alles wie sonst), die Physikerin, die den Ausstieg aus der Kernenergie für Deutschland vollzog, den Rotgrün schon angedacht hatte. Agenda Trittin. Eine einsame Entscheidung, der weltweit niemand gefolgt ist, oder?
Aber das ist nicht mein Punkt. Das nukleare Inventar der Kernkraftwerke dürfte eine zu vernachlässigende Größe sein, verglichen damit, was die militärische Nutzung umfasst. Und Aufrüstung scheint doch Gebot der Stunde. Niemand kennt hier die genauen Zahlen. Und selbst wenn Schätzungen halbwegs sicher, reichen sie in unvorstellbare Dimensionen. Die USA sollen auf ihren entsprechenden U-Booten, ich lese von 14 insgesamt, ein Raketenpotential haben, das fünftausend mal so groß ist wie die Hiroshima-Bombe. Alles, was Laien hierzu vortragen, alles, ist reine Spekulation. Die Russen sollen ähnlich hochgerüstet sein, die Chinesen auf gutem Weg. Und was andere Staaten angeht, zum Teil mit obskuren Regimen, will ich nicht erwägen müssen.
Mein Gedanke ist, danach werde ich sie gleich fragen, die Physikerin, wenn sie rüber blickt: Wie entsorgen wir das denn? Ich nehme dabei also an, dass die Unzahl der Atombomben nicht zum Einsatz kommen soll. Das wäre ja nun die wirkliche Apokalypse. Folglich wird man das Zeug entsorgen müssen, wenn nicht mehr einsatzfähig oder zu altmodisch, da ersonnen, da ich noch an der Mutterbrust. Endlagerung als Entlagerung. Das ist doch mal ein Thema für eine Physikerin. Leider ist sie mir entwischt, bevor ich ihr das als Aufgabe mitgeben konnte.