Logbuch

ASSIMILATION.

Alle Kulturen beruhen auf Aneignung. Das Plagiat ist geradezu deren Prinzip. Nicht immer wird es dann eine Renaissance. Neues aus der Provinz.

Wir sind durch den Knüllwald gefahren und im beschaulichen Bad Wildungen bei einem Italiener eingekehrt, der auf seiner Pizzakarte als erstes die Version HAWAII anbietet, weil der Einheimische die mag. Ich rede darüber mit einem Nordhessen, dessen Vater aus Sizilien kam und der nun seine Töchter im Service beschäftigt. Aus den Lautsprechern summt Eros Ramazotti.

Ein Nordhesse am Nachbartisch schaut auf die Uhr, um zu beschließen, dass es spät genug sei für einen „richtig schönen Rotwein“. „Was haben Sie denn an Kräftigen da?“ Die junge Frau bietet ihm einen Primitivo an. Primitiv will er es aber nicht. Sagt er auch so. „Haben Sie keinen Rocha?“ Hatte sie nicht. Dann hat er „rot lieblich“ genommen.

So assimiliert sich die Malle-Erfahrung des Nordhessen mit der kulturellen Nachsicht des Provinz-Restaurant-Betreibers zu Süßwein mit Ananas. „That‘s about all there is to tell from a little trip into living hell.“ (Johnny Cash)

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DAS FACH.

Seit der Debatte um die letzte Seuche höre ich immer wieder den Ruf nach Experten. Dem Akademiker zaubert das ein ungläubiges Lächeln ins Gesicht. Über Wissenschaftsgläubigkeit.

Gestern habe ich mit einem Kollegen und alten Freund alle Professoren unseres gemeinsamen Fachs erörtert, also jene, die wir kennen und erinnern, also alle. Das Urteil fiel nicht gnädig aus. Genau genommen eine Bande von Idioten. Und wir haben es schon immer gewusst.

Natürlich kann das bei Licht betrachtet so nicht stimmen. Aber wir haben bei jenen, deren akademische Leistungen unbestritten sind, dann doch Makel im Persönlichen gefunden: „Kluger Mann, aber menschlich ein Arsch!“ Oder umgekehrt: „Ein ganz Netter, wissenschaftlich aber ein Wicht!“ Wenn es aus dem einen Blick nichts Vernichtendes gab, dann aus dem anderen. Vor unserem Urteil hatte keine Größe Bestand.

Eifersucht und Neid sind die wesentlichen Triebfedern der Wissenschaft. Jede Krähe hackt hier jeder anderen die Augen aus. Es herrscht Missgunst und der unbedingte Wille zum Rufmord. Dieser Humus ist es, der zu Fleiß und neuem Wissen antreibt. Nur der Zorn hält den Akademiker nächtens wach und lässt die Tasten klappern. Man verachte mir die niederen Motive nicht; sie schaffen oft Gutes.

Gleichzeitig ist man in dieser rigorosen Konkurrenz natürlich eine selbstverliebte Gemeinschaft. Wir sind alle Töchter und Söhne jener weisen Mutter namens ALMA MATER, was zu deutsch stillende Mutter heißt und den universitären Busen meint, an dem man großgezogen wurde. Deren Kinder loben sich als ALUMNI, zu deutsch Zöglinge. Berufsständische Idylle.

Kinder der Weisheit, aber schlecht erzogene. Hinter jedem Lob lauert eine Gemeinheit. Eigentlich eine Schlangenbrut.

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DER LANGE MARSCH.

Die Grünen sind an der Spitze der Macht angekommen und man sieht, wie das Haar unter der Verantwortung grau wird. Darunter gute Leute und wirkliche Talente.

In meiner Jugend ging von den rebellischen Studenten, die sich rot, sprich als Sozialisten und Außerparlamentarische Opposition (APO) verstanden, eine eigene Revolutionsromantik aus. Dabei wurden Metaphern geschaffen, die das revolutionäre Vorbild Chinas unter Mao Tse Tung glorifizierten und zugleich zu kleiner Münze machten. Das gilt besonders für den von Rudi Dutschke propagierte „langen Marsch durch die Institutionen“.

Was immer damit gemeint war, es begleitete jene, ehemalige Revoluzzer, die es sich auf Posten des öffentlichen Dienstes bequem machten. So konnte man das Recht auf Faulheit im Staatsdienst genießen und sich zugleich als politische Avantgarde fühlen. Dazu hätte ich Dutschke gern mal gehört, ob das nicht ein durch und durch reformistisches Unterfangen war. Reformen waren den Revolutionären verpönt.

An den LANGEN MARSCH denke ich, als ich den Behördenleiter der Bundesnetzagentur auf einer Pressekonferenz höre. Ein grünes Urgestein, das es geschafft hat. Vor der Tür steht ostentativ sein Daimler mit Fahrer. Um das klar zu sagen: Der Mann hat einen wirklichen guten Eindruck gemacht. Beachtlicher Vortrag zur Gasmangellage, die seine Behörde vermeiden sollte. Er sieht sich in der Agenda zum Ersatz von russischen Pipeline-Gas und weiß sich eins mit dem Bundeswirtschaftsminister. Der milde Winter hat beiden geholfen.

Der Mann war mal grüner Landesminister in Kiel und hat dann bei Verbraucherschutzverbänden gewirkt, 16 Jahre lang, wie er wiederholt erwähnt. Sein langer Marsch, sagt mir ein Grüner, der mal eine WG mit ihm geteilt hat. Im Rausgehen grüßt er eine der Anwesenden, eine Spur zu herzlich, fällt nicht nur mir auf. Ein Konfident raunt mir zu: „Die kennen sich aus Kiel.“ Tjo, der lange Marsch.

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RESPEKT.

Die Politikerin Bärbel Bas aus Walsum hat ihre hohen Ämter in Partei und Regierung niedergelegt und wird nur noch einfaches Mitglied des Bundestags bleiben. Die SPD hat für das Sozialministerium sofort einen Nachfolger benannt, der das Amt mit Erfolg wird ausüben können. Der Lange kann das. Ich vertraue ihm.

Frau Bas hat private Gründe genannt, die jeden Respekt verdienen. Sie trauert um eine Tochter. Näheres geht niemanden etwas an. Leider hat sie dabei nicht der Versuchung widerstanden, einem Nachtreten in Richtung politischer Mitbewerber nachzugeben. Das war wirklich nicht klug.

Ich werde die Frage, ob sie den Anforderungen ihrer Ämter gewachsen war, nicht nachgehen, obwohl sie selbst unfreiwillig dazu durch diese fatal gemischte Einlassung eingeladen hat. Mir geht es um die Begründung dieser Nachsicht.

Erstens Ritterlichkeit. Es gibt einen Standard männlichen Verhaltens Frauen gegenüber. Zweitens Sportlichkeit. Es gibt einen Standard des Verhaltens Verlierern gegenüber. Drittens Fairplay, auch im stets kontroversen politischen Wettbewerb. Ich füge viertens Caritas hinzu; das ist im Lutherdeutsch Nächstenliebe, die keine Häme kennt, wenn sie auf Schwäche trifft. Das reicht ja wohl.